Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-12-21 · Heft 52 (21.12.1875) · p. Seite 848

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 52 (21.12.1875)
Date
1875-12-21
Page
Seite 848 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227067--34082-3303931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

848 unglückliche Iehuda, als er vom Volke bedroht wurde, wie in ein Asyl geflüchtet hatte, in der Meinung, daß ihm hier die Eigenschaft Mirza Hadi's als Religionsrichter eine gewisse Unverletzlichkeit gewähren würde, und er konnte in der Thal nur mit Erlaubnis des Letzteren aus demselben gerissen werden. — Said Hussein Arab, von dem in dem vorstehenden Briefe ebenfalls die Rede ist, ist ein Kaufmann aus Hamadan, Verwandter und Freund von Mirza Hadi; er ist Consular-Agent. In einem Schreiben, bas er an einen israel. Kaufmann von Bagdad gerichtet hat, sucht er Mirza Hadi von aller Schuld freizusprechen, indem er versichert, daß derselbe nicht blos an dem Aufruhr nicht theilgenommen, sondern vielmehr in Gemeinschaft mit dem Polizeichef das Volk zum Auseinandergehen gedrängt hatte, daß aber seine Bemühungen an der Wuth der Menge gescheitert wären." (Soweit die Correspondenz der Alliance. Daß eine rasche und mehrseitige Intervention bei der persischen Regierung »ochwendig ist, und man sich auf das Telegramm von Hussein, das wir früher mitgetheilt, nicht beruhigen dürfe, ist einsichtlich. Dennoch glauben wir, daß die ärgsten Befürchtungen der Correspondenten eben von der, fteilich natürlichen Furcht eingegeben seien. Allerdings hat man Beispiele von Ausrottungen ganzer jüdischer Gemeinden und Erzwingungen zum Uebertritt durch die fanatischen Mohammedaner — wie wir ein Beispiel in unsrer Correspondenz aus Marokko aus der Oase Tuat in dieser Nummer anführen — aber dies sind Vorfälle vor Jahrhunderten, und man kann nicht glauben, daß sich Aehnliches in unsrer Zeit und bei der gegenwärtigen Verbindung zwischen Persien und den civilisirten Staaten ereignen könnte. Redaction.) Ieuil Die Feindschaft. Erzählt von L. Schr. (Fortsetzung.) Dieses Haus, hob der Greis an, dieses Gärtchen, der Nußbaum und die Bank gehörten schon meinem Großvater und meinem Vater. Sie sahen, wie ihr Nachkomme darin aufwuchs und sich darin niederließ — ich bin der Letzte daselbst! Es war immer meiner Familie eigen, wenig Kinder zu haben, aber alle kräftig und ein bohes Lebensalter erreichend. Wie aber das Häuschen, so war auch das Amt des Schammes erblich in unsrer Familie, und nebenbei auch ein kleines Geschäft, zu welchem mein Großvater vom Fürsten trotz der Zunft die Concession erhalten hatte. Denn die Gemeinde war damals noch klein, und das Amt hätte Niemanden ernähren können. Zu jener Zeit aber war riese Straße noch die Poststraße, die zur Stadt führte, und darum war unser kleiner Handel mit Taback, Pfeiffen, Stöcken, Messern und dergleichen ganz einträglich, so daß freilich kein Ueberfluß, aber auch kein Mangel und keine Armuth bei uns heimisch waren. Wir waren zufrieden, und da zugleich Frömmigkeit und Eintracht bei uns wohnten, hätten mein Großvater und mein Vater mit keinem Parneß getauscht. Friede sei mit ihnen, denn Friede war schon bei ihnen auf Erden! Doch es blieb nicht ganz so. Mein Vater hatte zwei Söhne; ich war nämlich der älteste. Bei meiner Geburt war meine Mutier gestorben, als er wieder geheirathet, ward ihm noch ein Sohn geschenkt. Von der Zeit an sah mich meine Stiefmutter mit scheelen Augen an. Sie behandelte mich nicht schlecht, und ließ es mir an nichts fehlen, aber sie zog ihren Sohn in Allem vor, setzte mich hinten an, und ließ es mich fühlen, daß ich hier ganz überflüssig sei. Mein Vater merkte dies bald und auf's Schmerzlichste, denn er hatte meine Mutter l e t o u. unsäglich geliebt, und sah mich als den theuren Erben an, den sie ihm hinterlassen. Was mir an mütterlicher Liebe entzogen ward, suchte er mir zu vergelten; er ließ mich nicht von seiner Seite, und als ich kaum Hand und Fuß genügend rühren konnte, nahm er mich auf Weg und Steg mit sich. Bald war ich auch fähig, ihm einige Hülfe zu leisten. Ich ging mit ihm in unsre hübsche kleine Synagoge, die dem Knaben fteilich wie ein hoher, weiter Tempel erschien, um sie zu reinigen, die Lichter aufzustecken, und das Sepher zu stellen; ich begleitete ihn auf seinen Amtsgängen, selbst in ein Trauerhaus und auf den „guten Ort". Dann wieder war ich ihm in unsrem kleinen Laden behülflich, und vermochte bald auch die Kunden zu besorgen. Alles dies sah die Mutter als eine Bevorzugung an; sie glaubte ihren Sohn von meinem Vater vernachlässigt; sie wurde eifersüchtig und zänkisch gegen mich, und drängle mich in den Hintergrund so viel sie vermochte. Was Wunder, daß mein Bruder Saul bald dasselbe gegen mich empfand? Mein Vater nahm sich allerdings nicht genug in Acht, und suchte mir jede Unbill durch Liebe und Lob zu vergelten. Dies war ein Fehler, denn Saul fing an mich zu hassen, und was in einer Kinderseele erwächst, das beherrscht zuletzt das ganze Leben. — Damals fing man bei uns Juden an, klüger werden zu wollen. Man begnügte sich nicht mehr mit Chummesch und Raschi und Mifchnajes — die Kinder sollten Deutsch lernen, lesen und schreiben und noch mehr. Dazu hatte ich weder Zeit noch Gelegenheit; aber mein Bruder sollte es lernen und ein Gelehrter und großer Mann werden. Die Mutter sparte es sich vom Munde ab, und der Vater gab her was er entbehren konnte, um Saul zu einem tüchtigen Lehrer zu schicken. Der Knabe war sehr gescheit und da seine Mutter ihn immerfort aufstachelte, war er übermäßig fleißig und machte große Fortschritte. Dabei war er ein schöner Knabe, und die Mutter verstand es, ihn herauszuputzen, so daß er Jedem gefiel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.