Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1875)
- Date
- 1875-12-21
- Page
- Seite 845 (sequence 7)
- Language
- German
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845 Vorziehen würden die Petenten eine Organisation wie in Württemberg und Baden, mit einem jüdischen Consistorium an der Spitze. — Dies hat nun freilich lange Wege, und selbst der Wunsch, die altpreußische Gemeindeverfaffung von 1847 zu erhalten, kommt in einem Augenblicke zu spät, wo man sie in Preußen selbst, freilich wider den Willen der Gemeinden abschaffen will. Indeß vermag doch diese Petition — an welcher, beiläufig bemerkt, der Styl nicht die stärkste Seile ist — der Staatsregierung von Neuem zu zeigen, daß die qu. Berfafiung von 1847 die Elemente einer geordneten und freisinnigen Gemeindeverwaltung enthalt, und deshalb überall da geschätzt wird, wo man nicht eine Auflösung der jüdischen Gemeinde wünscht. Oesterreich-Ungarn. Pest, im December. Die Zahl der Taubstummen in unserem Vaterlande — schreibt der „Budapester Bote" — ist eine wahrhaft erschreckende und besonders auffallend ist die BerhLltnißziffer, mit welcher die israelitische Bevölkerung an dieser Zahl partizipirt. Fast läglich laufen beim Unterrichtsministerium Gesuche um Aufnahme in das Waitzner Taubstummeninstilut ein und von je hundert dieser Gesuche rühren durchschnittlich achtzig von israelitischen Bittstellern her. Dieser Tage langte beim Unterrichtsministerium ein Gesuch aus der Provinz ein, in welchem ein israelitischer Familienvater um Aufnahme feiner vier taubstummen Söhne bittet!! Selbstverständlich konnte diesem Gesuche in Betreff aller vier Söhne keine Folge gegeben werden, Loch wurde dem bedauernswerthen Bittsteller privatim der Rath ertheilt, sich mit einem Gnadengesuch an Se. Majestät zu wenden. Pest, 10. Dec. (Privatmitth.) Der rumänische Handelsvertrag wird Ende der nächsten Woche im ungarischen Abgeorvnetenhruse zur Verhandlung kommen. Man erwartet vom Minister Tissa eine Erklärung, welche über das Schicksal der ungar. Unterthanen jüdischer Religion in Rumänien einige Beruhigung verschaffen würde. Wir werden sehen. Auch soll in der nächsten Zeit an den Unterrichtsminister Trefort eine Interpellation wegen des Rabbinerseminars gerichtet werden, die zu beantworten, ihm einige Verlegenheit bereiten möchte. Wien, 7. December. Der niederösterreichische Landesschulrath hat mit Erlaß vom 10. November d. I. dem Wiener Bezirksschulrathe folgenden Beschluß bekanntgegeben: „Mit Bezug auf die anhergcstellte Anfrage, ddo. 30. Oclober 1875, wie die Kinder mosaischen Glaubens, welche sich nach ihrem Ritus am Sabbath und ihren sonstigen Feiertagen von Handarbeiten enthalten sollen, an solchen Tagen in der allgemeinen Volks- und Bürgerschule bezüglich des Schreibens, Zeichnens und der weiblichen Handarbeiten behandelt werden sollen, wird dem Bezirksschulrathe eröffnet, daß die Confesfivn eines Schülers kein Grund sein kann, ihn von der Beachtung der alle Schüler nach der Unterrichtsordnung und nach der Stundeneintheilung treffenden Arbeiten zu dispensiren. Sollte es der Lehranstalt thunlich erscheinen, die Lehrstunden so einzutheilen, daß an Samstagen und den sonstigen jüdischen Feiertagen die Nothwendigkeit der bezeichneten Arbeiten für die Schüler entfiele, so wäre gegen eine solche Eintheilung nichts zu erinnern." (Ob die Juden Niederösterreichs sich mir diesem drakonischen Entscheide beruhigen oder an das Unterrichtsministerium appelliren werden, muß abgewartet werden.) — . In vor. Nr. berichteten wir über den Ausfall, welchen Prof. Billroth in seiner jüngsten Schrift auf die Juden als Studenten und Aerzte gemacht hat. Vinn, es ist dies nicht die einzige Sünde, die Herr Billroth in seinem Pamphlet begangen. In einer vor einigen Tagen stattgehabten Plenarversammlung des Vereins der Aerzte in den südlichen Bezirken Wiens referine Dr. Scholz über das famose Buch Billrolh's und stellte den Antrag : es möge die Plenarversammlung den Beschluß fasten, eine Resolution kundzugeben, in welcher das Bedauern ausgesprochen wird über die in Billroth's Buch enthaltene verletzende Kritik über die Studirenden; ferner darüber, daß darin den österreichischen Aerzten ihr patriotischer Sinn zum Borwurfe gemacht werde, sowie endlich, daß in dem erwähnten Buche die bedeutenden Lehrer Wiens, die Zierden der Wistenschrft, geringschätzenv behandelt werden. Wie die „Morgen-Post" meldet, erhoben die zahlreich versammelten Aerzte diesen Antrag einstimmig zum Beschlüsse und wird die Resolution demnächst ihrem Wortlaute nach erscheinen. Die anwesenden Vertreter der ärztlichen Vereine der anderen Bezirke Wiens gaben die Absicht kund, die Sache ebenfalls in ihren Vereinen zur Sprache zu bringen. Letzteres ist auch bereits geschehen. Wien, 12. December. (Privatmitth.) Jede Aussaat der Ungerechtigkeit und des Haffes trägt ihre Früchte, die natürlich des bittern Giftes für alle Becheiligten zur Genüge enthalten. Die Schrift Billrolh's, über deren Wirkung auf die Aerzte Wiens wir berichteten, hat auch in der Studentenschaft eine große Aufregung hervorgerufen. Es documentirt sich aber in diesem Falle eine Spaltung in derselben. Denn der eine Theil bringt dem Pamphletschreiber Ovationen, während der andere Theil ihn mit Pereats empfangt. Es kam darüber in diesen Tagen im Hörsaale Billrolh's leider zu den ärgsten Tumulten, die in arge Prügeleien ausarteten. Das Odium fällt schließlich auf die Juden, die doch hier sicherlich die Angegriffenen und Provocirten sind. Ja, es dehnt sich dies bereits noch weiter aus. Professor Arlt erhielt dieser Tage eine anonyme Zuschrift (anonym und feig ist hier gleichbedeutend), worin darüber Klage geführt wird, daß bei den Vorlesungen des Professors „halbblinde Juden" — wie sich Billroth auszudrücken beliebte — die besten Plätze einnehmen und doch für seine Vorlesungen gar nicht inscribirt wären, wodurch seinen eigentlichen Hörern der Platz geraubt würde. Professor Arlt kam in die Vorlesung, brachte den Brief zur Kenntniß und constatirte durch Namensaufruf, daß in der Thal