Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1875)
- Date
- 1875-12-21
- Page
- Seite 841 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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841 schaffen ist. Die Art nun, wie im lebenden Wesen der herrschende Theil seine Ueberlegenheit ausübt, ist eine doppelte, sie ist entweder herrisch oder mitbürgerlich; herrisch gebietet die Seele über den 'Leib, mirbürgerlich der Verstand über die Begierde, und da ist es klar, daß es ebenso naturgemäß als heilsam ist für den Leib, wenn er von der Seele, für die Leidenschaft, wenn sie von dem Verstände und der Ueberlegung gelenkt wird, ein Gleichgewicht aber oder gar ein umgekehrtes Verhältniß allen Theilen verderblich ist. Daffelbe Verhältniß wie für den Menschen als solchen gilt auch für seine Beziehungen zu den übrigen Wesen; die zahmen sind besser geartet von der Natur als die wilden und ihnen allen ist am Besten, wenn sie vom Menschen beherrscht werden; denn ihr eigenes Sein oder Nichtsein hängt davon ab. Auch in dem Verhältniß des stärkeren männlichen zu dem schwächeren weiblichen Geschlechte kommt dem elfteren die Herrschaft, dem letzteren der Gehorsam zu. Und daffelbe muß von den Menschen in ihrer Gesammtheit gelten. Alle die, welche um so viel hinter Anderen zurückstehen, als der Leib hinter der Seele, das Thier hinter dem Menschen — und das ist der Fall bei denen, deren einzige und beste Leistung eben in dem Gebrauch ihres Körpers (durch Andere) besteht — die sind von Natur Sklaven, deren eigenes Beste so gut als in den oben angeführten Fällen fordert, daß sie einer solchen Herrschaft unterthan sind." Dann heißt es: „Von Natur Sklave ist, wer eines Anderen Leibeigener sein kann (und deshalb auch ist) und vom Denkvermögen nur so viel besitzt, um Vernunft anzunehmen. Die Absicht der Natur geht dahin, Freie und Sklaven auch in ihrer leiblichen Bildung verschieden auszustallen, den Körper des Einen grobknochig für die Roharbeit des Tages, den des Anderen aufrecht und unbrauchbar für so niedere Verrichtungen, aber geeignet für den Beruf des Bürgers." *) — 'Dies ist die Theorie des Aristoteles über das Sklaventhum. Aber sie wimmelt von Jrrthümern. Die Unter- und Ueberordnung in der Natur findet nur zwischen den verschiedenen Gattungen statt; hier aber, beim Menschen, soll sie in derselben Gattung stattfinden, wo sie zwischen den einzelnen Individuen gar nicht nachweisbar ist. Die bürgerliche Gesellschaft ist allerdings auf Befehlen und Gehorchen angewiesen, aber das Gehorchen ist nicht identisch mit Sklave sein; der Beamte befiehlt in dem was feines Amtes ist nach dem Gesetze, aber in nichts Anderem, der Bürger gehorcht nur in diesem Punkte, in allem anderen ist er sein freier Herr. Ebenso irrig ist das Verhältniß zwischen Seele und Leib aufgefaßt. Indem die Seele für die Bedürfnisse des Leibes sorgt, und sich oft abarbeitet, um sie zu finden und zu beschaffen, dient auch sie dem Leibe; zwischen beiden findet von Natur eine har- 1) Wer die obigen wortgetreuen Sätze des Aristoteles liest, wird sofort überzeug! sein, daß die Bemühungen einiger Schriftsteller, A. von der Befürwortung des Sklaventhums freizufprechen, eine völlig vergebliche war. So konnte auch unser Steinheim 1d53 nur durch völlige Berdrehung des Textes dahin gelangen, was auch wir ihm damals nachwiesen. monische Einheit statt, eine Einordnung der einen mit dem anderen. Im Uebrigen rächte es sich an Aristoteles selbst, daß seine Tendenz seiner Denkweise Gewalt anlhat. Er, der von der Erfahrung ausgeht, daß die Gesellschaft ohne Sklaven nicht fertig werden könne, wird von der Erfahrung auf's härteste Lügen gestraft. Denn abgesehen davon, daß ja auch die hellenische Welt beständig die freie Arbeit und das Lohnverhältniß vor Augen hatte, lehrte die tägliche Erfahrung in unzähligen Fällen, daß die Sklaven an Leib und Seele ihre Herren bei Weitem überragten, woraus sich unleugbar erwies, daß die Natur mit dieser brutalen Einrichtung der Menschen nichts zu schaffen hat. Als Tausende von Griechen durch die römischen Waffen zu Sklaven gemacht worden, dienten sie ihren römischen Herren als Secretäre, Bibliothekare, Rhetoren, Philosophen, Gelehrte und Lehrer, ja Aristoteles selbst widerlegte sich factisch, da er ein Freund und Bewunderer des Hermias war, der als Sklave geboren, dreimal seinen Herrn wechselte, sich durch seine Vorzüge zum Herrscher emporschwang und ermordet wurde. Aristoteles setzte ihm ein ehrendes Denkmal, und heirathete seine Tochter oder Schwester Pythias. Allerdings muß auch Aristoteles zugeben, daß es eine Sklaverei von Natur und eine aus Menschensatzung giebt. Die letztere trete ein, wenn nach dem im ganzen Alterthume unbezweifelten Kriegsrecht die Besiegten von den Siegern zu Sklaven gemacht wurden. Im großen Ganzen steht Aristoteles auf der Seile derer, welche meinen, daß jeder Sieg nicht bloß durch die äußere Stärke, sondern auch durch sittliche Vorzüge errungen werde; aber er kann doch nicht verkennen, daß durch das Unglück eines Tages zahllose Individuen, die gestern noch Herren waren und Sklaven hatten, also nach seiner eigenen Theorie von der Natur zu Herren bestimmt waren, heute als Sklaven verkauft werden. Doch dies gilt ihm nur für Hellenen, denn die anderen Völker „die Barbaren" sind ihm sämmtlich von der Natur zu Sklaven für die Hellenen bestimmt. Für die hellenischen kriegsgefangenen Sklaven machte er daher die Ausnahme, daß sie Sklaven aus Menschensatzung seien, und kommt daher schließlich nur dahin, seine Ansicht vom Naturgesetz der Sklaverei zu bestärken. Fügen wir hinzu, daß, was die Behandlung der Sklaven bettifft, Aristoteles mit Plato übereinstimmend, nur von den Zwecken der Nützlichkeit ausgeht. Für die Sklaven müsse gut gesorgt und ihnen kein Unrecht angethan werden, damit sie überhaupt gut erhalten werden und dem Herrn getreulich dienen, wenigstens ihn nicht schädigen; man dürfe mit ihnen aber niemals scherzen, und müsse sie bei jedem Fehler streng züchtigen, wäre es auch mehrere Male des Tages, sonst würden sie üppig. — Wir haben einleitend die Ansichten des Aristoteles über diesen für die Geschichte der Menschheit so wichtigen und interessanten Gegenstand, über welchen ja noch in unsren Tagen so heftig gestritten worden, zu erklären versucht, nicht aber zu entschuldigen oder gar zu rechtfertigen. Denn ein Anderes ist es, die be- [ stehenden Verhältnisse als unentbehrlich auf dem gegebenen Boden 52*