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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-12-21 · Heft 52 (21.12.1875) · p. Seite 840

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 52 (21.12.1875)
Date
1875-12-21
Page
Seite 840 (sequence 2)
Language
German
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840 ging, die Wirklichkeit in ihrem geistigen Gehalte zu erfassen, die einmal bestehenden socialen unv politischen Berhältniffe acceptirte, und für die Zukunft nichts weiter in Aussicht nahm, als die Sicherung des freiheitlichen Bestandes, so weit dieser noch erlangt und bewahrt bleiben konnte. Eine Aenderung in den vorhandenen volkswirthschaftlichen Verhältnissen hätte nur durch eine ungeheure Revolution, durch eine gänzliche Umkehr von unten nach oben bewirkt werden können, und einer solchen das Wort zu reden, lag nicht im Geiste und Sinn des großen Philosophen. Hiermit treten wir an seine Beurtheilung des Sklaventhums, womit er sich zunächst in der „Politik" beschäftigt. Aristoteles beginnt mit der Behauptung, daß die bürgerliche Gesellschaft wirthschastlich gar nicht ohne die Sklaven fertig werden und bestehen könne, woraus gefolgert werden müsse, daß die Natur das Sklaventhum gewollt habe. Er sagt: „Ein Hausstand braucht ein Vermögen und der Bermögenserwerb gehört ncthwendig zu den Verrichtungen des Hausverwalters — denn ohne Len Besitz des schlechthin Nothwenvigen ist gar kein Leben, geschweige denn ein glückliches Leben möglich. — Gerade wie bei kunstmäßigen Geschäften, wenn ihnen ihr Werk gelingen soll, die ihnen zweckmäßigen Geräthe nicht fehlen dürfen, so ist es auch bei der Hausverwaltung. Solche Werkzeuge sind nun von zweierlei Art, sie sind entweder beseelt oder unbeseelt; z. B. hat der Steuermann ein unbeseeltes in dem Rudergriff, ein beseeltes in dem Hauptbootsmann; denn der Handlanger ist bei solchen Verrichtungen nicht mehr als ein Werkzeug. So ist ein Vermögensstück ein Werkzeug zum Leben und das Vermögen selbst ein Vorrath solcher Werkzeuge; der Sklave aber ein beseeltes Vermögensstück und jeder Handlanger ein Werkzeug für viele Werkzeuge. Ja, wenn jedes Werkzeug, sei es aus erhaltenen, sei es aus errathenen Befehl hin, seine Arbeit verrichten könnte, wie die Gebilde des Dädalos oder die Dreifüße des Hephästos, von denen der Dichter sagt „sie eilen freiwillig in den hehren Kreis", und wenn so die Weberschiffchen von selber webten und die Plectra von selbst die Saiten rührten, dann allerdings hätten die Werkmeister keine Handlanger und die Herren keine Sklaven nöthig." — Es muß schon hier auffallen, daß Aristoteles zwar zwischen beseeltem und unbeseeltem Werkzeug, B. zwischen Steuermann und Rubergriff den großen Unterschied anerkennt, sie aber dennoch als „Werkzeuge" in eine Kategorie zusammenwirst, und beide als bloße Sache ansieht. Er fahrt fort: „Was wir Werkzeug nennen, das dient zum Schaffen (neuer Werthe), was wir Gut nennen, das dient zum Verbrauch: ein Weberschiffchen z. B. ist ein Werkzeug, durch deffen Gebrauch wir ein anderes Etwas Hervorbringen, ein Kleid aber oder ein Bett ist ein Gut, deffen Nutzen eben in seinem Verbrauch besteht. Da nun ein hervorbringendes Thun wesentlich verschieden ist von einem bloß verbrauchenden (oder genießenden) und das eine wie das andere seine besonderen Mittel nöthig hat, so muß von diesen Mitteln der gleiche Wesenunterschied gellen. Das Leben ist ein verbrauchendes, kein schöpferisches Thun; deshalb ist der Sklave der Handlanger das Mittel des Verbrauchs. Statt „Gut" sagen wir auch wohl „Stück". Denn das Stück ist nicht bloß ein Theil von einem Anderen, sondern es gehört ihm vollständig als Eigenthum zu; daffelbe gilt von dem Gute. Deshalb geht der Herr den Sklaven nur soweit an, als er eben sein Herr ist; der Sklave ist aber nicht bloß der Diener seines Herrn, sondern ganz und voll deffen Eigenthum. Und daraus ist klar, worin Natur und Wesen des Sklaven besteht: ein Geschöpf, das von Natur nicht sein, sondern eines Anderen Eigenthum und dabei dennoch Mensch ist, das ist von Natur ein Sklave. Eines Anderen Eigenthum aber ist, wer ein Bermögensstück ist, obwohl ein Mensch." — Man sieht leicht, daß hier Aristoteles dicht an der Wahrheit vorüberkommt, weil er eben vorüberkommen will. Denn der Sklave ist eben nicht blos Gut, daö zum Verbrauche dient, sondern er verbraucht selbst; er ist nicht blos Handlanger, sondern auch schöpferisch; er ist vor Allem auch Mensch, d. h. ein mit eigener Erwägung, Entschließung und freiem Willen begabtes Wesen, und kann daher nach der Definition des Aristoteles selbst gar nicht blos Sache und .Eigenthum sein, so daß Sklave und Mensch ein wesentlicher Widerspruch ist. Man könnte daher sagen, daß Aristoteles hier das Wort „von Natur" geradezu hereinescamotirt hat, wenn er nicht ganz ernstlich Nachweisen wollte, daß das Sklaventhum nicht blos der Gesellschaft unentbehrlich, also von Natur gewollt, sondern auch von der Natur geschaffen sei. Er beruft sich auf das Gesetz der Ueber- und Unterordnung, das durch die ganze Natur geht. „Das Verhaltniß von Herrschen und Dienen ist nicht blos eine nothwendige, sondern auch eine wohlthätige Einrichtung, und sogleich von der ersten Entstehung an sondert sich das, was gehorchen soll, von dem, was zum Gebieten bestimmt ist. Der dienende wie der herrschende Theil kann nun von sehr verschiedenem Werthe sein und je größer der Werth des ersteren ist, desto besser gedeiht die Herrschaft des letzteren; wer z. B. einen Menschen zum Unterthan hat, der hat mehr davon, als von einem Thier. Denn je tüchtiger die Arbeiter sind, desto gediegener fällt auch die Arbeit aus; wo aber ein Verhältniß von Herrschen und Dienen stanfindet, da geht auch eine Leistung daraus hervor. Wo immer aus mehrerlei Bestandtheilen eine Einheit entsteht, mögen diese nun ursprünglich zusammenhängend oder getrennt gewesen sein, da tritt überall eine Scheidung von übergeordneten und untergeordneten Elementen hervor." „Im lebenden Wesen unterscheiden sich zu allererst Seele und Leib, jene als den herrschenden, diesen als den dienenden Theil. So ist es wenigstens da, wo das richtige Verhältniß besteht und nach den naturgemäßen Fällen muß man fragen, will man erkunden, was von Natur richtig ist, nicht nach den Beispielen der Entartung, deshalb muß der an Leib und Seele bestausgestattete Mensch als Vorbild dienen; denn bei schlechten oder schlechtangelegten kann allerdings häufig genug der Leib zur Herrschaft über die Seele gelangen, weil diese eben widernatürlich übel be-

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