Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1875)
- Date
- 1875-12-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227067--34073-3303922- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 2>/, Bogen. Preis Herausgegeben von BiertUjLhria 3 Mark. Inserate werden mit 20 Pf. kur die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Änchhandlnngen, Rabbiner Dr. Ludwig Philipp so n in Bonn. Postämter und Zeitung» »Expeditionen nehmen Bestellungen an. Verlag von Baumgartner'» Buchhandlung in Leipzig. Zn rcdactionellen Angelegenheiten wende man sich an I>r. t*. JJ^ilippfoa in! Seim; I)in,rchllich deü Bezug« und der JniercireanLanmgürtner's LuLiliandluny i inveirzig. Anserate, welche bis Sonarrs-! lag cingeben. finden inder rarauf-olgen» den Slummer Berücksichliginig. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 39. Jahrgang. Leipzig, den 21. December 1875. J\? 52. Inhalt. Leitende Artikel: Moses und Aristoteles. IV. — Die Statistik der jüdischen Bevölkerung im außerprcußischen Deutschland und in der Schwei;. III. — Literarischer Wochen bericht: Bonn. — ZeitungsnachriLten: Deutschland: Berlin. Aus Kurbessen. — Oesterreich-Ung arn: Pest. Wien. — Frankreich: Paris. — Rumänien: Bukarest. — Marokko: Bonn. — Persien: Paris. — Feuilleton: Die Feindschaft. (Erzählung von L. Schr.) (Fortsetzung.) — (Korrespondenz: Memel. — Vermischtes. Mit Neujahr 1876 beginnt die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" ihren vierzigsten Jahrgang. Wir bitten um rechtzeitige Bestellung bei den Postämtern und Buchhandlungen, damit in der regelmäßigen Zusendung keine Unterbrechung eintrete. Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. Bonn, 14. December. Moses und Aristoteles. IV. Wenn ein Geist, der die Welt umfaßt, die Welt der Ideen wie des materiellen Daseins, sich in einen kleinen Kreis gebannt und darüber hinaus unverstanden sieht: dann zieht er sich in diesen zurück und es ist erklärlich, daß er ihn als den bevorzugten, den vor dem ganzen übrigen Menschengeschlecht begabten betrachtet, als von der Natur selbst an die Spitze gestellt und zur Obherrschaft bestimmt. Sieht er doch in diesem Kreise selbst noch eine Mannigfaltigkeit der Begabung und der Verhältnisse, herrschende, gehorchende und zu Sklaven erniedrigte Völkerschaften. Aus diesem Gesichtspunkte muß man die socialen und politischen Ansichten des Aristoteles ausiassen, und es wird uns dann nicht so sehr in Verwunderung setzen, wie es gewöhnlich geschieht, wenn wir bei ihm neben den höchsten und schärfsten Begriffsbestimmungen für Staat und Bürgerthum Vorstellungen finden, namentlich über Bürgervorrechte und Sklaventhum, wie wir sie von unsrer modernen Bildung aus bei einem so erleuchteten Geiste nicht erwarten. Hierzu kommt noch Eines. Die Zeit, in welcher Aristoteles lebte, bot dem hochgesinnten Hellenen nichts als traurige Erfahrungen. Während der hellenische Genius noch in seiner Vollkraft war, oder doch zu sein scheinen konnte, denn es war das Zeitalter des Thuctzdides und Demosthenes, befand sich dennoch das politische Leben der hellenischen Völker bereits offenbar im Niedergang. Die entartete Demokratie in Athen und die völlig gesunkene mit socialistischen und oligarchischen Institutionen umgebene Monarchie in Sparta gaben keine Hoffnung mehr, sich wieder zu einem geordneten und doch freien Staatsleben erheben zu können, und die Masse der übrigen Keinen Staaten war immerwährenden Schwankungen und rasenden Parteikämpfen anheimgefallen; überall wechselten die Parteien in Herrschaft und Niederlage, mordeten und verjagten ihre Gegner, welche aus ihren Zufluchtsstätten gegen ihren Heimathsstaat Verschwörungen schmiedeten. Aristoteles kannte sie Alle in ihren Vorzügen und Schwächen, kannte aber auch die concentrirte Macht in der Hand des aufsteigenden mazedonischen Königthums, unter dessen Schatten er Jahre lang die Erziehung des Thronerben geleitet hatte. Unter diesen Verhältnissen vermochte er nicht, sich auf der Grundlage seiner principiellen Anschauung ein neues ideales Staatsgebäude aufzurichten, weil er die Kräfte und Mittel dazu nirgends vorhanden sah, und es war daher natürlich, daß er bei seiner überall bewährten Geistesrichtung, die darauf aus-