Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1875)
- Date
- 1875-12-14
- Page
- Seite 833 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227066--34066-3303914- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
833 mit den schiefen Mauern und dem eingesunkenen Dach schien eben nur noch auf den nächsten Stoß eines Sturmwindes zu warten, um zur ewigen Ruhe zusammenzusinken, und dieser Stoß konnte in den nahenden Herbsttagen nicht ausbleiben. Bor der Hausthüre lag in der Sonne ein alter Hund ausgestreckt und schlief, und dasselbe hätte man von dem großen grauen Kater geglaubt, der unweit von ihm sich niedergelassen, wenn er nicht den Kopf immer wieder nach dem Hunde gewandt halte, mit dem er in früheren Zeiten wohl in immerwährender Fehde gelegen; jetzt hatte sich langst der Friede zwischen ihnen beiden eingestellt, nicht aus besserer Gesinnung, sondern weil dem Hunde die Zähne, dem Kater die Krallen fehlten oder versagten. Es geht unter den Menschen nicht selten ebenso, unv die Tugend stellt sich ein, wenn das Laster ausgehungert worden. Die Einsamkeit und Stille des Platzes überraschte mich; nur leise klang, wie aus weiter Ferne, das Geräusch der großen Stadt herüber, und nicht weitab plätscherte eine Brunnenröhre ihr silberhelles Wasser aus — Zeugen, daß das Leben auch in der Einöde zu pulsiren nicht ganz aufhört. Beim Nahen meiner Schritte hob der Greis den Kopf empor; der Hund und der Kater machten es ebenso; nur der Nußbaum und die Hütte und die Sträucher in den verwilderten Gärtchen und die brennende Sonnengluth aus der breiten Straße blieben unbeweglich. Da schauten mich kluge Helle Augen aus dem Greisenhaupte entgegen und ein freundliches Lächeln spielte um die eingefallenen Lippen. Er begrüßte mich, und ich dankte ihm herzlich. „Ich sehe," fuhr er fort, „wenn mich meine alten Augen nicht täuschen, einen wandernden Jehudi in Euch, wollt Ihr nicht ein wenig ausruhen hier aus der Bank? Es ist schön heiß heute, aber der Baum giebt kühlen Schatten." Er sprach dies mit einem milden, gewinnenden Tone; es sprach dies der Mann aus alter vergangener Zerr, in ganz gutem Deutsch, nur untermischt mit dem Dialect des Landes, und dann und wann mit dem jüdischen Jargon, was ich hier nicht wiederzugeben brauche. Ich that, wie er mir angeboten. „Ich möcht' Euch gern Etwas reichen; aber seht, Ihr kommt zu spät. Das Mittagsessen ist vorüber, und meine gute alte Frau schlaft, die kann ich doch nicht wecken, um die Brodkruste, die noch zu finden wäre. Ja, unser Vater Abraham war doch nur 75 Jahre, als die drei Engel zu ihm kamen, und ich bin 90. Er konnte ihnen noch entgegenlaufen, und war ein reicher Fürst, von Gott gesegnet in Allem; ich bin arm . . ." Ich versicherte ihm, daß ich nach Nichts Verlangen trüge; ich hätte erst vor kurzer Zeit im Schatten des Waldes auf der moosbedecklen Erde gelagert, ein herzhaftes Frühstück eingenommen, das ich in meinem Ränzel getragen. Nur nach einem Trunk frischen Wassers dürstete ich, unv da wandte ich mich zu dem Brunnen, holte meinen Wanderbecher hervor, ließ das kühle Wasser hineinfließen, goß einige Tropfen Cognac hinein, um die Kälte abzumindern, und trank mit Behagen. Dann setzte ich mich wieder zu meinem Alten, der mir lächelnd zugesehen. Anknüpfeud an seine Worte sagte ich: „Nun, Gott hat auch Euch gesegnet, und zwar mit einem glücklichen hohen Alter; denn Ihr seid doch noch rüstig, und habet noch alle Eure Sinne im Gebrauch." „Ei wohl," erwiderte er, „wenn die Füße nur noch fort wollten! Aber wie sollt' es auch anders sein! Hier ist Alles alt, und nichts als Alter. Von diesem Nußbaum habe ich schon als Knabe die schönsten Nüsie von seinen breiten Aesten geschlagen, und auf dieser Bank saß schon mein Großvater, wie er auch in unsrem Häuschen gewohnt hat. Der Hund, den Ihr da auf dem großen Steine vor der Hauslhüre liegen seht, ist schon der vierte seines Geschlechts, der unter meinen Augen alt geworden. Und wie alt ist das Strauchwerk in dem verwilderten Garten! Früher habe ich unv meine Frau das Gärtchen gepflegt, und es hat uns Kräuter und Früchte genug geliefert; aber jetzt können wir ihn nicht mehr bearbeiten, und der Ertrag würde uns doch nur gestohlen werden, denn vor dem zahnlosen Phyla; läuft kein Dieb mehr davon. — Ja, hier ist Alles alt, und von Jugend ist keine Spur I . . ." Die Stimme des Greises war wehmüthig geworden, aber bei der Redseligkeit, die er zu besitzen schien, und der er zu genügen wohl selten Gelegenheit hatte, fuhr er nach kurzer Pause fort: „Seht, bis vor fünfzehn Jahren war ich wohlbestallter Schammes an der alten Synagoge in der Stadt, gleich in der zweiten Querstraße vom Thore ab, und da gehe ich noch hin, so schwer es mir wird, und so selten noch Minjan sich da zusammenfindet, denn von meinen alten Balbatthim sind die meisten nach und nach heimgegangen und finden sich wohl nur als Meißim in der alten heiligen Schul' ein, aber Meißim werden nicht gezählt unv gehen fort, wenn die Lebendigen kommen. Ich habe aber mein Amt aufgegeben, als sie die neue große Synagoge mitten in der Stadt bauten; ich hätte dort doch nicht viel nützen können. Freilich sage ich nicht, daß ich diesen Neumodischen ganz abgesagt bin, und der junge Raw ist ein gelehrter und freundlicher Mann. Aber seine Reden verstehe ich nicht, sie sind mir zu hoch, und die Orgel mag ich nicht hören, ich höre sie oft genug aus der Kirche da drüben, und mäuschenstill soll man auch dort sein, und ich rede gern laut mit dem lieben Gott, so aus vollem Herzen und voller Brust. Mag die junge Welt sich daran erfteuen, ich bin eben alt und gehöre in's Alte. Und so lebe ich allein und einsam mit meiner guten Frau, die mich pflegt, wie sie einst ihr Kind gepflegt hat. Es ist sonderbar, fügte er hinzu, indem er den Kops ein wenig erhob, um das Alter, das ganz ohne Jugend lebt. Ihr hört doch von Weitem, wenn auch schwach, das Gerassel der Wagen aus der Stadt, hierher kommt kein Wägen und keine Menschenmenge. So ist das Alter, die Welt rückt immer weiter fort, man weiß, daß sie da ist, aber man gehört ihr nicht an, und doch hat man seine eigne Welt um sich, wie man sie gehabt hat, seitdem man nicht mehr jung ist. Nun, ich vertraue auf Gott; er wird mich, meine Frau, das Häuschen und den Nußbaum mit der Bank — denn