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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-12-14 · Heft 51 (14.12.1875) · p. Seite 832

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 51 (14.12.1875)
Date
1875-12-14
Page
Seite 832 (sequence 12)
Language
German
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832 Feuilleton. Dir Feindschaft. Erzählt von L. Schr. Jüngst las ich eine im vorigen Jahre erschienene Erzählung von Erckmann Chatrian: Les deux fr eres. Wenn wir von zwei argen Schwächen, an welchen diese beiden Schriftsteller leiden, daß sie nämlich gern auf die Juden raisonniren und seil 1870 einen unsäglichen Haß auf die Deutschen haben, den auszudrücken sie oft die Gelegenheit bei den Haaren herbeiziehen, wenn wir von riesen beiden Fehlern abseheu, so sind es treffliche Männer, die der "Aufklärung und Versittlichung des Volkes aufrichtig dienen, und deren Pinsel die Gesinnung und Sitten des Volkes, und mehr noch das Seelenleben der Menschen überhaupt so trefflich, so wahr, so charakteristisch zu malen vermag. Aus dem Hintergründe des friedlichen Lebens eines Dorsschulmeisters wird der Haß zweier Brüder, von denen der eine vom Vater bei deffen Tode mit einem Wohnhause mehr bedacht worden als der andere, ein unversöhnlicher Haß, der beinah zwei junge Leben zum Untergang gebracht, mit den lebhaftesten Farben geschildert. Als ich dies Buch las, wachte in mir die Erinnerung an ein Erlebniß aus längst vergangener Zeit auf, eine Gestalt, eine Scene trat aus den Schatten der Vergessenheit, die sich in meinem vielbewegten Leben längst darüber gebreitet, hervor, und drängt mich, sie an dieser Stelle zu zeichnen, obschon ich meinen freundlichen Lesern überlassen muß, ob sie es wirklich verdiene. — — Es war an einem heißen Augusttage — das Jahr brauche ich nicht anzugeben, denn für die Leute, mit denen ich es diesmal zu thun Hane, hat nicht die Zahl, welche die Welt draußen schreibt, sondern nur die Zahl ihrer eigenen Jahre, wenn sie dieselbe wissen, einige Wichtigkeit — als ich, ein junger rüstiger Mann, vom Gebirge herabkam. Ich hatte dasselbe während meiner Amtsserien die Kreuz und Quer durchzogen, mich an Höhen und Thalern, an Wald und Strom ergötzt und erfrischt, und wollte nun noch ein breites Stück Ebene durchziehen, bevor ich nach der lieben, gesegneten Heimath zurückkehrle. Denn ich muß meinen Lesern bei dieser Gelegenheit bemerken, daß ich auf meinen Reisen nicht bloß die Herrlichkeit der Natur, den Reich, thum ihrer Gebilde, die Pflege von Geist und Herz, die wir aus ihrem Genüsse ziehen, im Auge hatte, sondern stets auch darauf bedacht war, neben dem Land auch die Leute kennen zu lernen, und immer das Wort Goethe's hochhielt: Der Mensch bleibt doch des Menschen höchstes Studium. In Folge dessen war mir längst die Ueberzeugung geworren, daß, um die Seelenwelt der Menschen kennen zu lernen, um in die Falten und Tiefen des Herzens hineinzuschauen, um das Geheimniß deffen, was die Menschengeister bewegt, und wie sie sich bewegen in etwas zu enträthseln, wir nicht auf die Schaubühne der großen Welt, wo Geschichte gemacht wird und sich abspielt, uns zu versetzen brauchen, sondern schon in der kleinsten Hütte dazu Gelegenheit und Raum haben, vorausgesetzt, daß wir ein Auge zum Beobachten, ein Herz zum Verstehen, einen Verstand zum Durchschauen besitzen. Dieselben Leidenschaften, dieselben Beweggründe, dieselben Arten zu handeln, dieselben Ziele und dieselben Wege, die dahin führen sollen! Höchstens finden wir in den großen Mittelpunkten des bürgerlichen Lebens mehr Gleißnerei und Verstellung und mehr Raffinement — sonst bleibt sich der Mensch überall getreu. Diese Wißbegierde, die mich nicht bloß in jeden Winkel eines heimlichen Thals, in jede Biegung und Falte eines Bergstockes, sondern womöglich in jeden Winkel einer Hütte, in das Innere jedes versteckten Dörfchens hineinschauen ließ, hatte mich länger auf dem Gebirge ausgehalten, als ich eigentlich an Zeit dafür bestimmt hatte. Nun, ich kam doch endlich an feine Grenze und stieg den letzten Berg an fernem Nordabhang hernieder. Es war ein heißer Augusttag. Die Sonne brannte um Mittag vom Zenith des wolkenlosen Himmels. Der Nordabhang des Gebirges war damals abgeholzt. und bot dem Wanderer keinen kühlenden Schatten dar. Vor mir lag ein breites Thal, das nur noch von sanften Hügeln begrenzt war, und dann in die unabsehbare norddeutsche Ebene auslief, die ununterbrochen bis zu den Steppen Polens und Rußlands sich erstreckt und erst an den granitenen Wällen des Urals ihren Abschluß findet. Doch daran dachte ich in diesem Augenblicke nicht; denn erhitzt und ermüdet wie ich war, verlangte ich nur nach einer Kühlung und Ruhestätte auf kurze Zeit, und doch hatte ich noch einen stundenlangen Weg bis zu den ersten Häusern der zu jener Zeit im Aufblühen befindlichen Stadt zurückzulegen, welche die Mitte des Thales einnahm, und die ich freilich schon von der Höhe des letzten Berges, wie an seinem Fuße gelagert, erblickt hatte. So schritt ich nur langsam vorwärts. Vom Gebirge her gelangte man zunächst an eine langgestreckte Straße einer jetzt vereinsamten alten Vorstadt, welche der Stadt nur zur Ablagerung ihrer in der Arbeit des Lebens verbrauchten Invaliden zu dienen schien, welche ihre Armuth als das einzige Errungniß ihres Kampfes nach den kleinen verfallenen Häuschen trugen, die die eine Seite der Straße, durch Gärtchen getrennt, bildeten, während auf der anderen eine alte hohe, mit Moos und Epheu bekleidete Mauer sich hinzog, die wohl irgend einen alten Friedhof umschloß. Als ich einige dieser Hauser auf der breiten baumlosen und menschenleeren Snaße passirt halte, fiel mir ein steinalter Greis auf, der regungslos, den Kopf auf die Brust gesenkt, auf einer Bank unter einem großen, vielleicht ein Jahrhundert zählenden Nußbaum, saß, sich aber wohlweislich seinen Platz an dem Ende der Bank gewählt hatte, die noch von der Sonne beschienen wurde. Er hatte wohl diese Wärme nöthig. Alles war still ringsumher. Alles ebenso vor Alter verfallen, wie diese Menschengestalt auf der Bank. Das Häuschen gegenüber

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