Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1875)
- Date
- 1875-12-14
- Page
- Seite 834 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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834 das ist meine ganze Welt, beschützen, bis es sein heiliger Wille ist, uns in eine andere Welt zu versetzen." Der Greis hob die Augen zum Himmel empor, faltete die fahlen magern Hände zusammen, und schwieg. „Habt Ihr denn keine Kinder und Enkel? fragte ich. Ihr habt doch eben davon gesprochen, und hat die Gemeinde für Euch gesorgt?" „Die Gemeinde?" fuhr er etwas ärgerlich auf, „von der will ich nichts, und sie hat mich längst vergessen. Auch brauche ich sie nicht, Gott sei tausend Mal Dank. Mein Sohn sorgt für uns, und läßt es uns an nichts fehlen. Jeden Rauschchauvesch kommt ein Bote aus der Stadt von dem reichen Banquier in der Jagerstraße und zahlt uns von unsrem Sohn das Monatsgeld aus. Alle viertel Jahre bekommen wir einen Brief von ihm, und alle zehn Jahre besucht er uns mit Frau und Kindern — das sind glückliche Tage, und da ist die Jugend beim Alter, die zu ihn, gehört. Nun, er ist auch kein Jüngling mehr, in zwei Jahren werden sie wieverkommen . . ." Ein glückliches Lächeln hatte sich auf das Antlitz des Greises gelegt, die alten Augen funkelten, und die Runzeln und Furchen schienen unter dem freudigen Schlagen seines Herzens auf Augenblicke zu verschwinden- „Und wo wohnt Euer Sohn?" „Wo soll er wohnen? In Amerika, Milwaukee heißt der Ort, ein schwerer Name, aber ich behalte ihn, denn mein einziger Sohn wohnt dort. Es sind vierzig Jahre jetzt, daß er fort ist, und heute der Jahrestag, an welchem er von mir und seiner Mutter Abschied nahm. Damals dachten wir nicht, ihn wieder zu sehen, und es war ein ttauriges Geschick, das ihn von uns ttieb. Das eigene Fleisch und Blut jagte ihn fort, und wir wußten nicht, was aus ihm werden sollte. Es war ein grausamer, stolzer Mann, mein Bruder, und sein Haß war Schuld an Allem. Doch auch er ruht jetzt unter dem Rasen, und der Tod versöhnt, wie unsre Weisen sagen, und er gedachte uns Böses zu thun, aber der Heilige, gelobt sei Er, hat es zum Guten gewandt, uns am Leben zu erhalten, wie Joseph gesagt zu seinen Brüdern, die ihn auch in die Fremde verkauft hatten, wie mein Bruder gethan mit meinem und seinem Kind." Diese Worte hatten meine Aufmerksamkeit erregt. Hatte sich auch in diesem einsamen Winkel eine große tragische Scene des Lebens abgespielt? Hatten in diesem engen Kreise die gewaltigen Leidenschaften, welche die Welt der Menschen durchrasen, auch gewühlt und gewürhet und ihre Opfer an Thränen und Seufzern, an wildem Schrei res Zornes und an Wehruf des Schmerzes gefordert und erhalten? Ich mußte dem naher kommen. „Das ist ja merkwürdig, was Ihr da sagt, und kaum zu glauben unter Brüdern unsres Stammes! Wie verhielt sich denn das?" Der alte Mann warf einen prüfenden Blick auf mich, und da er wohl den Ausdruck der Theilnahme auf meinem Gesichte gewahrte, sagte er: „Gut, ich will es Euch erzählen; es ist doch eben der Jahrestag und Ähr seid fremd, und sprecht in der Stadt nicht davon. Ich habe ja Zeit, und meine Frau, der ich es nicht gern in die Erinnerung rufe, weil sie es noch immer nicht verschmerzen kann, schläft sicher noch ein halbes Stündchen. Im Alter, Freund, geht Alles nach der Stunde, und so lange es nach ihr geht, geht es eben gut. So hört es denn mit an, und möget Ihr auch Etwas daraus lernen, denn die Jugend muß lernen, wie die Biene im Sommer den Honig sammelt, um im Winter davon zu zehren." (Fortsetzung folgt.) Anzeigen. Bekanntmaclrang. An der hiesigen städtischen Schule sind zwei Elementarlehrer- Stellen vacant, um welche sich evangelische und jüdische qualificirte Lehrer bei uns bewerben mögen. Preuss. Stargardt, den 11. November 1875. Der Magistrat, Cwe. Bewerber jüdischer Confession, welche im Stande sind an der jüdischen Religionsschule als Hülfslehrer thätig zu sein, haben noch em ihren Leistungen entsprechendes Einkommen von Seiten der jüdischen Gemeinde zu gewärtigen. Sind dieselben auch befähigt einen Chor für die Synagoge auszubilden und zu leiten, so ist ein höheres Einkommen damit verbunden. Der Borstand der Synagogengememde. J. Goldfar. Ein gewandtes Mädchen für Küche und Hausarbeit wird per 1. April 1876 gesucht von I. M. Mosberg, Paderborn. Annonce. Wir suchen zum 1. Januar 1876 einen uuverheiratheteu Synagogeudiener, der au den Wochentagen vorbeteu und als Bai-Kore fnugiren kann. — Daö Gehalt beträgt 900 Mark jährlich. Meldungen mit Zeugnissen sind an Herrn A. M. Perls, 4 Damm Nr. 13 zu richten. Oie Aeltesten u. Vorsteher der Altschottlünder Israeliten - Gemeinde zu Danzig. Dfterode a Harz. Umstände halber sucht die hiesige Synagogen-Gemeinde zum baldigen Anttilt oder zum 1. April k. I. einen Religionslehrer, der zugleich die Aemter des Schächters und Vorsängers übernimmt. Einkommen 1050 Mark. Biel freie Zeit giebt dem Lehrer Gelegenheit, Nebenbeschäftigungen vorzunehmen. Bewerber wollen ihre Anerbietungen richten an den Vorsteher Cduard Herzer.