Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1875)
- Date
- 1875-12-14
- Page
- Seite 831 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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831 Rußland. Odessa, 29. November. sPrivatmitth.) Vierzehn Tage weilte in unfern Mauern der Minister der Volksaufklärung, Graf Tolstoy, der eine Jnspectionsreise im südlichen Rußland machte. Seine Excellenz wurde hier, wie überall, herzlich empfangen. Er besichtigte fammtliche Lehranstalten, sowohl die öffentlichen als die privaten, und sprach sich besonders mit großer Befriedigung über die Leistungen der jüdischen Schüler aus. Den 5. d. gab die hiesige Bürgerschaft, zu Ehren des hohen Gastes im prachtvoll decorirlen Börsensaale ein Festeffen, dem 300 Personen beiwohnten. Unter den Eingeladenen war auch Rabbiner Dr. Schwabacher. Freitag, den 7. d., beehrte der Minister die jüdische Handwerkerschule „Trud" mir seiner Anwesenheit und äußerte seine vollkommene Zufriedenheit über die Leistungen dieser nützlichen Anstalt. Bon dort fuhr er in Begleitung des Curators des Ovessaer Lehrbezirks, Geheimralh Solubzow und des Bürgermeisters Geheimrath Nowoffelsky, nach der Haupffhnagoge, um dem Gottesdienste beizuwohnen. An der Pforte des Gotteshauses von Rabbiner vr. Schwabacher und den Vorstehern empfangen, wurde er in das Innere des Tempels geleitet. Nachdem die Gäste Platz genommen und vom Chore das Gebet „in-2 mz“ angestimmt worden, bestieg unser geehrter Prediger die Kanzel und hielt eine inhaltreiche Ansprache. Nach dem üblichen Bewillkommungsgruße, erörterte der treffliche Redner die Verdienste des Mannes, der in unserer Mitte weilte, um die Juden. Er war es, der den jüdischen Zöglingen die Volksschule eröffnete, wodurch, wie Redner richtig bemerkte, die Pforten des großen, unermeßlichen Vaterlandes den Juden geöffnet worden. Er betonte besonders die Treue der russischen Juden für Kaiser und Thron und schloß seine kurze, aber inhaltreiche Rede mit dem Gebete für das Wohl Sr. Majestät unseres geliebten Monarchen, Seiner erhabenen Familie, der Räche und Minister und namentlich des anwesenden Ministers der Volksaufklärung, worauf er den Segen der Gemeinde ertheilte. Hierauf richtete der Minister Worte des Dankes an den Rabbiner und soll er, wie wir hören, den Wunsch ausgesprochen haben, die Predigt zu besitzen, die er gehört hatte. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Minister der erste jüd. Officier Freimann «der Sohn eines hiesigen Kaufmanns) durch den Bürgermeister vorgestellt, mit dem er einige Worte sprach. Ich hielt es nicht für überflüssig, den Besuch des Ministers im israelit. Tempel im verbreitetsten Organ res Juvenrhums zu registriren, um so mehr, da er in seiner Person auch den Oberprocuror des heiligen Synods vereinigt. Die hiesigen Zeitungen bringen Berichte über den Aufenthalt des Ministers in Cherson, woraus wir folgendes entnehmen. Die Chersoner Commune gab ihm zu Ehren ein Festmahl und hielt der dortige Rabbiner, Herr Peßker, eine treffliche Rede in russischer Sprache. In Antwort auf diese Rede, sprach Graf Tolstoy folgende Worte: „Sie haben ganz richtig gesagt, daß unsere Regierung keinen Unterschied in ihren Schulen macht, weder des Glaubens, noch des Standes. Wir haben nicht und wir hatten nie, wie in anderen Staaten, confessionelle Gymnasien, wie z. B. in Deutschland, wo nicht nur Nichtchristen, sondern Christen anderen Glaubens nicht zugelaffen werden.') Denn nach dem Willen Sr. Maj. des Kaisers ist für Ihre Glaubensgenoffen der Eintritt in die Schulen stets offen gewesen, und ich muß bezeugen, daß viele unter ihnen durch ihre schönen Talente sich auszeichnen und in den Wiffenschaften große Fortschritte machen. Ebenso wurde nie in unseren Schulen ein Unterschied wegen des Standes gemacht. Es giebt bei uns nur einen Unterschied unter den Schülern, nämlich den Unterschied nach ihren Verdiensten. Sie haben wahrscheinlich die Vorwürfe gehört, die man mir während und nach der Lehrreform gemacht har, daß ich deshalb das classifche System der Bildung vorgeschlagen habe, um unsre Gymnasien und Universitäten allen zu verschließen, mit Ausnahme der Aristokraten. Das ist wahr. Unsere Gymnasien sollen Aristokraten hervorbringen, aber welche? Aristokraten des Geistes! Aristokraten des Wiffens! Aristokraten der Arbeit! (Bravo! Bravo!) Gebe Gott, daß viele solcher Aristokraten bei uns seien!" L. T. Amerika. Baltimore, im Nov. Schon in Nr. 42 berichtete dieses Blatt von der Beschuldigung, die hier gegen den Rabbiner vr. Mayer an der Har-Sinai-Gemeinde erhoben worden, daß er sich in London von der Missionsgesellschaft habe taufen lasten. Die Anschuldigung ging besonders vom Rabb. vr. Szold aus, der einige Zeugen dafür aufbrachte. Jetzt ist nun vr. Mayer nach Liverpool abgereist, um durch gültige Zeugniffe das Gegentheil zu erweisen. (Wir haben unterdeß ein Schreiben empfangen, welches jene Behauptung für eine, aus Neid entsprungene Verleumdung erklärt. Da die weitläufige Erklärung jedoch keine Thatsachen bringt und anonym bleiben will, begnügen wir uns mit Diesem. Redaction. t) Wenn die Worte des Herrn Ministers in Obigem gan; richtig wiedergegcben wären, so würde darin der Jrrthum liegen, daß die consessioncllen Gymnasien in Deutschland Schüler, die einer anderen Religion angchörcn, ausschlöffcn. Dies ist nicht der Fall. Der Charakter eines solchen Gymnasiums ist allerdings specisisch nach der betr. Consessivn ausgeprägt und der Lehrkörper gehört ihr an, aber sowohl christliche Schüler einer anderen Consessivn als auch jüdische dürfen sie besuchen. Redaction. 51