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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-12-14 · Heft 51 (14.12.1875) · p. Seite 829

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 51 (14.12.1875)
Date
1875-12-14
Page
Seite 829 (sequence 9)
Language
German
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829 Hofrath gestatten, ihm zu versichern, daß der wilde Sturm und Drang der Saxo-Borussen, Markomannen, Alemannen und der sonstigen grimmigen Teutoburger der solicen Lernbegierde der Deutschen gewichen ist, und daß daher die Speculation des Herrn Profeffors auf die Romantik des Mittelalters eine völlig verfehlte war. Auch ich bin als armer Student zu den Füßen berühmter Lehrer geseffen, deren Andenken mir theuer sein wird bis an's Ende meiner Tage; denn nie habe ich aus ihrem Munde ein Wort vernommen, Vas geringschätzig von den Bestrebungen der armen Studenten gesprochen hätte. Es lag ihrem Denkungskreise gänzlich ferne, den Gelvsack als die Hauptsache für den wissenschaftlichen Beruf hinzustellen. Wenn einer unter uns Triefaugen oder zitternde Hände besessen hätte, dann wären sie zunächst um die Heilung besorgt gewesen. So kenne ich den Lehrer einer deutschen Universität aus einer fünfjährigen Studienzeit; der Universitätsprofeffor aber, der sich hinsetzt, um gegen seine College« und vor Allem gegen seine Studenten ein Pamphlet zu schreiben, der ist eine neue Erscheinung unter den Lehrern der deutschen Hochschule. Wir mißgönnen Professor Billroth diese Priorität nicht." Frankreich. Paris, l. Dec. (Nach den Arch. isr.) Wir haben schon berichtet, daß der Obrist Lambert zum Commandeur der garde republieaioe von Paris ernannt worden ist. Das Kulletiu fran$ais, officieües Abendblatt, sagt über ihn: „Im Jahre 1847 ttat Lambert als Volontär in die Fremdenlegion ein, und verbrachte den größten Theil seiner langen militärischen Laufbahn in den Colonien, wo er sehr bedeutende Dienste geleistet und seine großen militärischen Eigenschaften erwiesen hat. — Das vielbesprochene Decret vom 24. October 1870, welches die Naturalisation der eingeborenen Israeliten Algeriens aussprach, hat nicht allein bei reactionären Franzosen, sondern auch bei einem Theile der dortigen Israeliten selbst Widerspruch hervorgerufen. Während die jüdische Bevölkerung von Algier und Constanline das Decret mit Freuden begrüßte, waren die Juden von Oran unzufrieden damit. In einem Punkte nämlich besonders mußte das französische Gesetz den Juden sehr hart erscheinen, das ist, weil es die Ehescheidung nicht zuläßt, also auch nicht die Wiederverheirathung getrennter Eheleute. Dies widerspricht bekanntlich dem jüdischen Rechte, welches auch eine Ehescheidung zuläßt, wenn eine zehnjährige Ehe kinderlos geblieben. Es kamen daher Fälle vor, daß sich in Oran Juden auch nach dem Erlaß des Decretes vom 24. October 1870 wieder verheiratheten, indem sie ihre Chethubah auf 1869 zurückdatirten. Ein solcher Fall kam vor Kurzem vor das Geschworenengericht zu Oran, vor welchem der Staatsanwalt den Betreffenden, der 1872 wieder geheirathet, wahrend seine erste Frau noch lebte, und die Chethubah auf 1869 zurückdaürt hatte, der Fälschung beschuldigt hatte. Eigenthümlicher Weise, obgleich die Sache erwiesen war, und der Angeklagte sich nur damit zu ensschuldigen suchte, er habe die Chethubah 1869 schon vorbereitet, sprachen ihn die Geschworenen frei.1) — Am 17. November fand im Orphelinat Rothschild die übliche Preisvertheilung an die Zöglinge dieser vorzüglich eingerichteten Anstalt statt, ohne welche einmal in Frankreich ein Lehrinstitut nicht bestehen kann. Jedenfalls waren mehrfache Leistungen der weiblichen Zöglinge geeignet, eine hohe Vorstellung von dem zu geben, was die Anstalt für ihre Waisenkinder thut. Bon einfachen Stroharbeiten an bis zu feinsten Handarbeiten und Gemälden von Blumenstücken zeugten die ausgelegten Arbeiten für den Fleiß der Lehrer und der Zöglinge und die Kunstfertigkeit der letzteren. Eines der Waisenmädchen hatte soeben die Staatsprüfung als Lehrerin bestanden. Die zur Bertheilung kommenden Preise bestanden zum Theil in Sparkassenbüchern von 100 und 50 Francs. Italien. Venedig, im November. (Arch. isr.) Am 13. verstarb hier plötzlich der Oberrabbiner Abraham Lattes in seinem 67sten Lebensjahre. Welche große Achtung er bei der ganzen Bevölkerung Venedigs genoß, bezeugt ein ehrenvoller Nachruf, den ihm die Gazzeia di Venezia widmet. Für die israelitische Gemeinde ist es ein hatter Verlust.— Herr Pio Foa zu Sabbionetta ist zum Professor der pathologischen Anatomie der Universität Modena ernannt worden. Schweden. Stockholm, im November. (Privatmitth.) Einen herben, man kann wohl sagen, unersetzlichen Verlust hat leider unsere Stadt und unsere Gemeinde durch den Heimgang des allverehrten Herrn Leeser Meyerson erlitten, der am 1. d. M. in seinem 86sten Lebensjahre seine irdische Laufbahn vollendete. Er gehörte zu den Erscheinungen, die selten auftreten. In Mecklenburg gebürtig, kam er — etwa 20 Jahre alt — als Privatlehrer hierher, gründete später eine Seidensabrik, die er — unterstützt von seiner vielseitigen Bildung und seinem praktischen Sinn — zu einer außergewöhnlichen Blüthe brachte. Hier legte er den Grund zu feinem bedeutenden Reichthum, von dem er stets den fegenvollsten Gebrauch zu machen verstand. 32 Jahre hindurch war er wortführender Vorsteher in unserer Gemeinde und wir müßten die Grenzen dieser Correspondenz überschreiten, wollten wir Alles anführen, was wir seinem eifrigen und opferwilligen Stteben 1) Auffällig ist es, daß der Richter im Verhör des Angeklagten bemerkte, die Juden Europas „mit Ausnahme der in Polen und Ungarn" hätten der Polygamie entsagt. Auch die Juden in Polen und Ungarn haben sich dem Gesetze der Monogamie unterzogen, und dies hatte die Redaction der Arch. isr. bei der Mittheilung der ganzen Verhandlung berichtigen sollen. Die Redaction. 51

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