Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1875)
- Date
- 1875-12-14
- Page
- Seite 827 (sequence 7)
- Language
- German
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827 leidet am meisten darunter, da derselbe meist unberufenen Individuen anvertraut wird. Hat wohl im Allgemeinen der Religionsunterricht an den Mittelschulen mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, die hier auszuführen und zu detailliren zu weitläufig wäre, um so schlimmer ist es damit bestellt, wenn er von ungeeigneten Personen ertheilt wird. Ueberhaupt herrscht bei diesem Unterrichte die größte Willkühr und Eigenmächtigkeit. Von Plan und System ist nirgends eine Spur! Es ist kein Wunder, daß die Schüler so wenig Lust und Neigung zu diesem Gegenstände haben. Man besucht blos die Religionsschule, um nur eine gute Claffe zu erhalten, und hat man diese erlangt — was keine große Anstrengung kostet — so kümmert man sich um den Gegenstand gar wenig. Wahrlich, würden die Gemeinden diese ttaurigen Zustände ein wenig beherzigen, so müßten sie sich langst schon aus der Lethargie ausgerafft haben, um diesen schreienden Uebelständen abzuhelsen. Als ein erfreuliches Zeichen muß hingegen constatirt werden, daß die unerquicklichen Streitigkeiten zwischen der Congreß- und Anticongreßpartei gänzlich zu schwinden scheinen. Selbst das Organ der Orthodoxen und der Anticongreßpartei: „Scheweß Achim", herausgegeben von Herrn Ignaz Reich in Pest, ist zahmer geworden. Herr Reich ist unter die Prediger, Darschrnim, gegangen, und bringt als Leitartikel allwöchentlich eine homiletische Bettachtung über den Wochenabschnitt. Sonst enthält das Blättchen mit hebräischen Lettern gedruckt zumeist politische Nachrichten und kleine Notizen, zusammengettagen aus allen möglichen Zeitungen, und wie mir ein fleißiger Leser desselben mittheilte, enthält es jetzt wenig Ausfälle und Polemiken gegen die Congreßpartei. Herr Reich hat es daher für gut befunden, sein „Scheweß Achim" zu einem religiös - politischen Blättchen zu gestalten, das für das große, bloß hebräisch lesende Publicum berechnet ist und so ziemlich rentabel sein soll. Wir glauben, wenn die Coalitton der D«ak- und Tißrpartei gelungen ist, so dürfte eine Fusion der Congreß- und Anticongreßpartei auch leicht möglich sein. Da es sich hier, wie jeder Unbefangene weiß, nicht um eigentliche religiöse und dogmatische Fragen handelt, so läßt sich also hier ohne Schwierigkeit eine Bereinigung ermöglichen, wenn nur die Parteiführer den rechten Willen dazu zeigen möchten. Würde eine solche Fusion zu Stande kommen, so würben auch die Zersplitterungen in den Gemeinden von selbst aufhören und Friede und Einheit würde bald in die getheilten, gespaltenen Gemeinden einkehren. Hoffentlich wird eine solche Fusion der Parteien nicht lange aus sich warten laffen, da hier auch, wie im Reichstage, die zerrütteten finanziellen Zustände die bisherigen Verhältnisse auf die Dauer unhaltbar machen. Die getheilten und gespaltenen Gemeinden gehen zusehens ihrem Rnin entgegen und lösen sich nach und nach auf. Eine Vereinigung muß also ftüher oder später nothgedrungen endlich doch eintreten! Brüx (Böhmen), 27. Nov. Die „Biela-Zeitung" berichtet von hier, daß die Leiche des Professor Grünert (Katholik) hierhergebracht und hier bestattet werden solle. Die Familie des Verstorbenen forderte den Rabbiner Dr. Kisch aus, die Grabrede zu halten. Derselbe machte dies aber von der Einwilligung der katholischen Geistlichkeit abhängig. Pest, 3. December. (Privatmitth.i Der Gegenstand, der augenblicklich die Gemüther in Auftegung versetzt hat, ist der Vertrag zwischen Rumänien und Oesterreich-Ungarn. Daß Graf Andraffy die österreich-ungarischen Unterkhanen jüdischer Religion in Rumänien so schmählig preisgegeben, indirect dadurch den rumänischen Bedrückungen der Juden, einem wahren Aushungerungssystem, Recht gegeben, und vor den Rumänen die große kaiserlichkönigliche Flagge eingezogen hat, bringt viel Enttüstung hervor. Dennoch ist an eine Abhülfe seitens des ungarischen Reichstages nicht zu denken; dazu ist die Sache zu weit gediehen, nachdem der österreichische Reichstag seine Zustimmung gegeben. Die jüdischen Deputirten haben sich in der Conferenz viele Mühe gegeben; aber Andrasiy und Tissa haben daraus eine Cabinetssrage gemacht, und aus sie fällt auch die Verantwortlichkeit. Da auch andere Staaten mit Rumänien Handelsverttäge abschließen werden, so werden wir ja sehen, ob auch jene eine solche Machtlosigkeit oder Indifferenz dem kleinen Rumänien gegenüber erweisen werden. Der „Pester Lloyd" brachte einige treffliche Artikel über diesen Gegenstand, namenttich vom 24. November. Aber am besten charakterisirte die Situation folgendes „Eingesandt". Herr Redacteur! In den vierziger Jahren wollte ein ftanzösischer Jsraelite in der Hauptstadt Dresden ein Etablisiement errichten. Da nun dieses nach den mittelalterlichen Gesetzen Sachsens den jüdischen Unterthanen Sachsens verboten war, so schritt die Behörde auch gegen den französischen Israeliten ein. Dieser nahm die Hülfe des ftanzösischen Gesandten in Anspruch, da er als Franzose vor dem Gesetze gleich auch in Sachsen seiner Religion halber keine Ausnahmestellung einnehmen könne. Die sächsische Regierung ließ dem Petenten unter der Hand eröffnen, daß er im Gnadenwege die Concession sicher erreichen werde; der Franzose ging hierauf nicht ein und setzte sein Recht mir Hülfe seiner Regierung durch. In einer darauffolgenden Sitzung der ftanzösischen Deputirtenkammer beantragten mehrere Redner, diesem Israeliten den Dank des Landes auszusprechen, weil er das ftanzösische Bürgerrecht so beharrlich vertheidigt hatte. Es ist abzuwarten, ob der ungarische Reichstag für die Rechte vieler tausende seiner Bürger in Rumänien mit eben solcher Energie als die ftanzösische Regierung für einen einzigen eintreten werde. Wir können uns keineswegs mit einem moralischen Protest begnügen. Es muß der Reichstag, soll der Liberalismus desselben nicht bespöttelt und das ungarische Staatsbürgerrecht im Auslande geachtet wrrven, die Gleichheit aller Bürger wahren.