Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 51 (14.12.1875)
- Date
- 1875-12-14
- Page
- Seite 826 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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526 uns, daß eine viel größere Anzahl ausgenommen werden müßte. Die Erziehung dieser 20 Waisenkinder kömmt sonst der Wohlthatigkeit pro Kops sehr theuer zu stehen.) — . Die beiden Simultanschulen, in welchen Kinder jüdischer Confession durch einen jüdischen Lehrer Religionsunterricht erhallen, füllen sich namentlich in den unteren Clafsen so an, daß aus letzteren nun schon zum zweiten Male eine Ausfchulung nach den zunächst gelegenen Schulen hat stattfinden müssen. München, 1. Dec. (Privatmitth.) Auch die bayerischen ultramontanen Blätter, das „Bayerssche Vaterland" von Dr. Sigl voran, stürzten sich mit einer gewissen Begeisterung aus die gegen die Allg. Zeitung des Judenthums gerichtete „Erklärung" des Paderborner Comitös für die dortigen Abgebrannten. Sie suchten sie auszubeuten, um die Juden zu beschuldigen, falsche Angaben zum Schaden katholischer Hülfsbedürstiger zu verbreiten. Von der Berichtigung, daß Ihre Correspondenz vom 4. die betr. Miltheilungen der Kölnischen Zeitung vom 3. wörtlich entnommen habe, nehmen diese Blätter selbstverständlich keine Notiz. Aber die Erklärung des Comitös selbst enthält den auffälligsten Widerspruch mit sich selbst. Denn, wenn sie jene Correspondenz beschuldigt, die irrthümlichen Mittheilungen auch nach geschehener Berichtigung wiedergegeben zu haben, so übersieht sie, daß nach ihrer eigenen Mittheilung die Berichtigung erst in der Berliner Börsenzeitung vom 4. gestanden hat, also am 4. dem Correspondenten der A. Z. d. I. noch gar nicht hätte vorliegen können, selbst wenn er die B. B.-Z. läse. Hieraus ergiebt sich doch wohl klar, welche Absicht die Erklärung des Comitös in sich birgt. Mit Sigl und Genossen werden Sie sich natürlich nicht entlassen. Daß dieser Grobschnitzler der Presse hierbei mit „Lügen" u. dergl. um sich wirst, kann nicht in Verwunderung setzen, und noch weniger beleidigen. Was man selbst nicht scheut, traut man Anderen gar zu leicht zu. Interessant ist es nur, wie diese Herren in die höchste Enttüstung verfallen, wenn ihnen Etwas begegnet, was ihnen unangenehm ist, während sie Tag für Tag auf Nichts sinnen, als Anderen zu bereiten, was diesen noch mehr als unangenehm ist. Die Partei hat sich gegen die ganze übrige Welt in Kriegsstand versetzt, und raffelt immerfort mit ihren Waffen, wenigstens mit dem, was sie für solche halten, und gerathen nun außer sich, wenn sie gewahren muffen, daß Andere auch Waffen haben und die Welt selbst ihnen durchaus nicht freundlich gesinnt ist. Oesterreich-Ungarn. Raab, 29. Nov. (Privatmitth.) Man hat nicht mit Unrecht die Magyaren ein Volk von Rhetoren genannt. Wer nur einmal einer Sitzung einer Comitatseongregation beigewohnt, der muß unwillkührlich diesem Ausspruch beipflichien. Das Todtreden, das die Linke im Pest er Reichstag vor etwa 3 bis 4 Jahren mit vielem Geschicke und mit nicht minder großer Zungenfertigkeit ein- und durchgeführt hat, steht wohl in der Geschichte des Parlamentarismus einzig und allein da. Und obschon jetzt durch die glücklich durchgeführte Fusion der beiden großen Parteien, die Regierung über eine wahrhaft kolossale Majorität verfügt, so gehen dennoch die Verhandlungen beim Reichstag ihren gewohnten Schneckengang, trotzdem so viele bedeutende und dringend nothwendige legislative Arbeiten seit Jahren der endlichen Lösung harren. Ja, wenn der bekannte Ausspruch eines berühmten Rechtslehrers, der unserer Zeit die Fähigkeit Gesetze zu schaffen, abgesprochen, wirklich auf Wahrheit beruht, so findet er jedenfalls auf Ungarn seine vollkommene Anwendung. Denn in einem Zeitraum von ungefähr 9 Jahren ist hierin, ungeachtet der schreienden Mißbräuche unv der Mangelhaftigkeit der Gesetze, nichts Erkleckliches geschehen.' Man spricht, debattirt so viel, daß man zum Handeln und Schaffen gar nicht kommt! Diese Redewuth manisestirt sich auch gar oft auf nichtpolitischem Gebiete. Es ist aber diese Redelust nichts anderes als der Hang zum Großthun, zum Pomp und Luxus, der den Ungarn angeboren und eigenthümlich ist! — — Bei dem wahrhaft solennen Leichenbegängniffe des gelehrten Rabbiners Leopold Löw in Szegevin haben nebst dem Sohne des Verstorbenen sechs Rabbiner und Prediger Leichenreden gehalten, obwohl das Leichenbegängniß am Halbseiertage, Chol-Hamoed, des Laubhüttenfestes stattgefunven hat, wo ritualmäßig Trauerreden nicht am Platze sind. Es hat das Juventhum in den letzten Jahren seine bedeutendsten Männer, die Zierden des Jahrhunderts, verloren — und ich will nur Frankel, Geiger, Mannheimer, Munk, Luzzatto, Rappaport und Sachs erwähnen — und bei keinem dieser weltberühmten Gelehrten wurden am Sarge 7 Trauerreden gehalten! Der rigorose Rabbinatsasseffor Samuel Freund in Prag wollte es nicht einmal gestatten, daß beim Leichenbegängniffe Rappaport's, weil am Chol-Hamoed, eine Trauer- und Leichenrede gehalten werde, und nur Herr vr. Jellinek ließ sich's nicht nehmen, am Grabe dem hochverehrten Lehrer einen kurzen, warmen und inhaltteichen Nachruf zu halten. Einen wahrhaft schneidenden Contrast dagegen bildet die Theilnahmlosigkeir des Publicums gegenüber der Predigt und der religiösen Rede, wenn dieselbe nicht durch festliche Veranlassungen, Einweihungen u. dgl., wo gewöhnlich, sonderbar genug, mehrere Predigten gehalten werden, ausgezeichnet sind. Für das einfache, schlichte, belehrende Gotteswort har das Volk, sowohl Jude als Christ, weniger Empfänglichkeit, das, wie gesagt, nur das Prunkende und Glänzende liebt. Darum sind so viele Kanzeln verwaist und die Gemeinden fühlen nicht vas Bedürfniß, vieselben zu besetzen. — Es hat unlängst ein Correspondent in dieser Zeitung bemerkt, daß die größten Rabbinatssitze in Ungarn vacant sind und lange noch vacant bleiben werden. Es hat diese Erscheinung noch andere traurige Folgen. Der israelitische Religionsunterricht an den Mittelschulen, Gymnasien und Realschulen