Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 50 (7.12.1875)
- Date
- 1875-12-07
- Page
- Seite 812 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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812 jüdischen desto mehr freien Spielraum zu geben! Man wird zugeben, daß uns einen solchen Feldzug zuzuschreiben, keine große Erfindungskraft gehört: es ist jedoch nur die alte Leier mit noch etwas mehr Unsinn ausgeschmückt. Die Germania stößt einen Schmerzensschrei aus, daß in den rheinischen Städten die jüngsten Stadtverordnetenwahlen mit sehr geringer Ausnahme liberal ausgefallen sind: es versteht sich, daß auch hier die drei Kategorien Schuld sind, die Juden, die Freimaurer und die Heiden. Alle diese Dinge, worin ebensowenig Witz wie Wahrheit ist, werden mit der Zeit langweilig. Könnt Ihr denn gar keine Abwechslung hineinbringen? Es giebt doch so viele andere Vergehen und Verbrechen, von denen leider täglich Beispiele Vorkommen, könnt Ihr nicht auch diese den Juden anfhalsen? Die Liebe zur Wahrheit hindert Euch doch nicht daran. BvUU, 28. Nov. Vom Bürgermeister von Paderborn empfingen wir gestern die nachfolgende Erklärung. Unser Corr. „vom Rheine" bemerkt dazu: Es ist zu verwundern, wie der Bürgermeister von Paderborn gerade die Allg. Z. d. Jud. für diese Mittheilung verantwortlich machen kann, da wir den ganzen Passus behufs unsrer Correspcnvenz am 4. d. wörtlich der Köln. Ztg. vom 3. d. entnommen haben. Alle Vorwürfe, die der Bürgermeister uns macht, gehören an die Köln. Ztg., die unsres Wissens keine Widerlegung enchalten hat. Die Absichtlichkeit, die der Bürgermeister uns insinuirt, schieben wir auf ihn selbst zurück. Die Erklärung lautet: „Die „Berliner Börfenzeitung" brachte am 21. October d. I. einen Artikel, in welchem die letzten Brände, von denen die hiesige Stadt betroffen worden ist, auf Brandstiftung zurückgeführt wurden. Gleichzeitig wurde in diesem Artikel behauptet, daß bei einem dieser Brände Spritzenschläuche zerschnitten, und daß einer der Uebelthäter io flagranti durch den Agenten der Magdeburger Feuer-Versicherungs-Gesellschaft abgefaßt sei. Da nun von all dem nichts wahr ist, wurde die genannte Zeitung amtlich um Berichtigung ersucht, der sie auch in ihrer Nr. 511 vom 4. v. Mts. bereitwilligst entsprach. Verdächtigung und Widerlegung fanden ihren Weg durch eine Menge öffentlicher Blätter. Das hat die von dem Rabbiner vr. Phi lippson in Bonn redigirte „Allgemeine Zeitung für das Judenthum" nicht gehindert, nach fast 4 Wochen jene gehässige Insinuation von Neuem ihren Lesern vozuführen, und zwar in einem Gewände, als wenn nochmals Erhebungen der Magdeburger Versicherungs-Gesellschaft stattgefunden hätten und durch sie die Brandstiftung fefigestellt wäre. Das Blatt bringt nämlich in der Nummer 16. d. M. eine angebliche Privatmittheilung vom Rhein vom 4., in welcher gesagt wird: „Ein neuerliches Ergebniß führt die Aufmerksamkeit noch einmal auf die Schmähartikel rer ultramontanen Blätter gegen die Juden zurück. Der Hauptvorwurf, den jene gegen die letzteren in allen Tonarten wiederholen, war bekanntlich der, daß die Juden mit Geringschätzung der redlichen aber mühevollen Arbei nur durch alle leichten, wenn auch betrügerischen Mittel sich zu bereichern strebten. Wir wollen diese in ihrer Allgemeinheit lächerliche Behauptung nicht etwa widerlegen, sondern nur auf eine Thatsache Hinweisen, welche die schwarzen Herren doch verhindern möchte auszurufen : „Ich danke Dir, Gott, daß ich nicht bin, wie dieser . einer!" Nach den Erhebungen der Magdeburger Feuer- Bersicherung ist es jetzt constatirt, daß die großen Brände, welche im vorletzten Monate die fromme Bischofsstadt Paderborn verheerten, durchaus nicht ein „Gericht Gottes" waren — wie sollte das auch gerade seine klerikalen Auserwählten treffen?— sondern sorgfältig angelegt, um die Versicherungen und dazu noch die öffentliche Mildthätigkeit zu brandschatzen! Ruchlose Hände hatten sogar die Spritzenschläuche durchschnitten, um die Rettung zu verhindern; einer dieser Verbrecher ist bei offener Thal ertappt und abgefaßt worden. War diese schwarze Heerde bei solchem Thun etwa auch in redlicher und mühevoller Arbeit zur Gewinnung des täglichen Brodes begriffen? Findet sich also nicht allein unehrliche, sondern sogar verbrecherische Geldgier auch bei den Schafen des ultramontansten aller Bischöfe, des verfloffenen Martin? Es ist dieses Paderborner Ereigniß wieder eine hübsche Illustration zu der schon in Baiern längst beobachteten Thatsache, daß, je ultramontaner eine Gegend ist, desto höher die Zahlen der Verbrecher-Statistik anschwellen. Uebrigens können wir constatiren, daß sich dieses Mal die öffentliche Meinung nicht durch eine falsche Sentimentalität hatte irre leiten lassen: die Sammlungen für die Prderborner haben verhältnißmäßig nur ganz unbedeutende Summen ergeben!" Wir sind nicht gesonnen, den Zweck dieses Artikels, sowie seine wunderbaren Zusammenstellungen und verfehlten Schlüffe einer Kritik zu unterziehen, aber auf Eins müssen wir doch Hinweisen. Angenommen denn einmal, es liege wirklich in dem einen oder andern Falle Brandstiftung zu Grunde, so vermögen wir absolut nicht zu begreifen, mit welchem Rechte man dafür die andern 240 unschuldigen und unglücklichen Familien belasten will. Wir sind vielmehr der Ansicht, daß dies ebenso ungerecht, als grausam sein würde, und daß es wahrhaft unverantwortlich erscheint, zu dem Unglücke, das die Armen betroffen, noch den zwar sehr lächerlichen, aber dennoch tief schmerzenden Hohn hinzuzufügen, daß sie auf Sentimentalität speculirt, sich aber verrechnet hätten. Wir wollen nun aber wiederholt versichern, daß an den gehässigen Auslaffungen der „Allgemeinen Zeitung für das Juventhum" über unser Brandunglück auch nicht ein Wort wahr ist, daß die Magdeburger Versicherungs-Gesellschaft nichts constatirt hat, daß während des Brandes kein Spritzenschlauch durchschnitten worden ist und daß also kein Verbrecher bei offener Thal ertappt werden konnte.