Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-30 · Heft 49 (30.11.1875) · p. Seite 799

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 49 (30.11.1875)
Date
1875-11-30
Page
Seite 799 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227064--34030-3303876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

799 Mädchen, Namens Sarah.habe und wie das Kind sich führe, ob es brav, fleißig, befähig! sei u. s. w. Mit gutem Gewissen bejahte der erstaunte Onkel die Fragen und erfuhr nun, daß die Kleine vor einigen Wochen heimlich an den Kaiser geschrieben und unter der Anrede „Lieber Herr Kaiser" in kindlicher Weise ihre Verhältnisse dargestellt und gebeten habe, ihr die Mittel zu einer Erziehung zu gewähren, welche die Erfüllung ihres Lieblingswunsches, Lehrerin zu werden, ermögliche. Als die kleine Petentin in acht Tagen noch keine Antwort erhielt, schrieb sie noch einmal an den „lieben Herrn Kaiser" und erzielte auf diese Weife, daß höheren Orts Erkundigungen eingezogen wurden. Bor einigen Tagen nun hat der Präsident Hrn. S. abermals zu sich rufen lassen und ihm eröffnet, daß der Kaiser vorläufig 1500 Mark zur Erziehung des Mädchens angewiesen und befohlen habe, daß diese unter Aufsicht eines Oberrabbiners zu erfolgen hat. Gleichermaßen hat die Kaiserin eine gleiche Summe angewiesen. Der Oberrabbiner ist dahin verständigt worden, von Zeit zu Zeit Bericht über den Erfolg der Erziehung der Schülerin zu erstatten, und ist diese bereits nach Frankfurt am Main übergesiedelt. Die Akademie der Wissenschaften in Wien. Die philosophisch-historische Classe hielt ihre letzte Sitzung am 10. November. Zn derselben legte der Religionslehrer für Israeliten am Leopoldstädter Gymnasium, Dr. Gerson Wolf, eine Geschichte der Juden in Wien während der Jahre 1156—1875 mit dem Ansuchen um Subventionirung für die Drucklegung vor. Wien, 16. Novbr. Der Kaiser hat aus seiner Privatcasse jährlich 1800 Gulden zu Stipendien für sechs Studirende an der neuen Universität zu Czernowitz bewilligt. Einen besonders guten Eindruck hat es gemacht, daß bei Verleihung derselben weder die Confession noch die Nationalität in Betracht kommen sollen. Wer die Charakteristica und Curiositäten aus den ultramontanen Blättern sammeln wollte, würde Folianten zusammenschreiben können, welche des Jntereffanten vieles zu bieten hätten. Zu den ersteren gehört, wie offen und unumwunden diese Partei ihre eigentlichen Grundsätze und Absichten kundgeben, sobald sie die fiüher vorgethane Maske für überflüssig halten. In Deutschland z. B. schreien die ultramontanen Skribenten nach völliger Preßfreiheit und machen zu ihrer Devise „Für Freiheit und Recht!" In Frankreich dagegen schreit der Univers und Monde ebenso laut nach einem drakonischen Preßgesetz, welches der Kirche völlige Zügellosigkeit, jedem ihr nicht nachbetenden Schriftsteller Strafe und Stillschweigen bietet. Kaum hat die fromme Partei im Namen der Unterrichtsfreiheit die Erlaubniß, Universitäten anzulezen, als sie wüthend gegen die Errichtung von Rechtsfacultäten an Orten, wo sie ihre Universitäten zu gründen gedenkt, und gegen Vermehrung der Mittel zu Gunsten von Staats- Universitäten losfährt und dies als eine Beeinträchtigung der Kirche verdammt. Also Freiheit für sich, Knechtschaft für die übrige Welt! — Zu den Curiositäten gehört wohl, daß der Univers sich aus München schreiben läßt, die Zustimmungsadreffe an den König Ludwig II., welche die Bürgerschaft an den König in Folge seiner Zurückweisung der berüchtigten ultramontanen Kammeradreffe richtete, sei schlecht stylisirt, weil die Juden an derselben theilgenommen!! Nun, Juden gehören seit Mendelssohn zu den besten deutschen Stylisten und hätte die ultramontane Presse sehr oft eine Nachülfe und Correctur seitens eines guten jüdischen Stylisten nöthig. Daß Juden an der Abfassung jener Zustimmungsadreffe theilgehabt, ist wahrscheinlich eine Erfindung des pfäffischen Correspondeten — aber unterschrieben ist sie gewiß auch von Juden worden. Denn welches Unheil würde über Bayern hereingebrochen sein, wenn König Ludwig nicht so mannhaft gehandelt hätte, und am wahren Heil ihres Vaterlandes nehmen die Juden stets den herzhaftesten Antheil. Auch in diesem Jahre, wie wir es schon früher einmal zu vermelden hatten, fand auf einem Dampffchiffe, das von Sibney nach Europa fuhr, am Jom-Kippur mitten aus dem Ocean ein Gottesdienst ganz in üblicher Weise in einem besonderen, dafür hergerichteten Cabinete für die Israeliten statt, die sich zufällig auf dem Dampfschiffe befanden. Es waren Glaubensgenoffen aus Londen, Berlin, vom Cap der guten Hoffnung und anderen entlegenen Orten, die sich hier in rer Einheit ihres Bekenntnisses und ihres Cultus der religiösen Andacht ergaben. Vor einigen Wochen betrat ein Christ während des Mincha- Gebetes am Freitag Abend die große Synagoge in London. Plötzlich zog dieser einen Revolver aus der Tasche und richtete ihn gegen die h. Lade. Ein Mann hatte Geistesgegenwart genug, ihm in den Arm zu fallen und die Waffe zu entwinden; man zog ihn aus der Synagoge und überlieferte ihn der Polizei. Die Waffe war geladen gewesen, und in seiner Tasche befand sich ein Kästchen mit Schießkapseln. Bei dem Verhör erklärte der Mann mit großer Emphase, daß er von Gott berufen sei, alle Juden zu tödten, und damit den Anfang habe machen wollen, j Er wurde nach dem Jrrenhause gebracht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.