Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1875)
- Date
- 1875-11-30
- Page
- Seite 793 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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793 — So erfreulich einerseits die Thalsache ist, daß fast bei allen Kreisgerichten unserer Provinz Kreisrichter jüdischer Confession fungiren, so betrübend ist es andrerseits, berichten zu müssen, daß ein sehr großer Theil derselben leider von Juden und Judenthum gar nichts wissen wollen, ja einigen dieser kleinen Herren ist der Jude sogar ein Dorn in den Augen. Anstatt am Versöhnungstage wenigstens ein Stündchen lang den Tempel zu besuchen, um dadurch ihren Glaubensgenossen zu zeigen, daß sie noch das Iudenthum nicht ganz vergessen haben, sieht man sie an diesem Tage mit der brennenden Cigarre im Munde stolz durch die Straße spazieren, was sogar von gebildeten Christen gemißbilligt wird. Gottlob giebt's auch manche ehrenhafte Ausnahme, und es bleibt Loch wahr bsnsr -,nrrr ttV -2! Rakel, 14. November. Die „Nat. Ztg." schreibt: Aus Nakel ging uns von amtlicher Seite eine längere Erklärung bezüglich des in Nr. 525 ls. Nr. 48) aufgenommenen Artikels über die Wochenandacht am dortigen Simultan - G y m n a - sium zu. Es wird darin namentlich gellend gemacht, daß diese Andacht nicht neu eingeführt sei; sie wäre vielmehr lange Zeit unbeanstandet, seit Ostern 1872, in Uebung gewesen. Ferner wird hervorgehoben, daß der Rector die Eltern jüdischer Schüler aufgefordert habe, den Wunsch um Dispensation schriftlich kund zu geben. Die Angaben des ersten Artikels bezüglich einer Abhaltung der Andacht außer der Schulzeit seien „in ihrer Form ungenau und unrichtig." Oesterreich-Ungarn. Wien, im November. lPrivatmitth.) In dem soeben veröffentlichten 14ten Jahresbericht des „Vereins zur Unterstützuug mittelloser israelitischer Studirenden in Wien" spricht sich der verdienstvolle Vorstand folgendermaßen aus: „Zu unserem Bedauern haben sich auch in diesem Jahre die Verhältnisse nicht gebessert, und leiden dieselben stark unter dem Einflüsse der Zeitverhältnisse, obwohl zu keiner Zeit die Unterstützung der Studirenden dringender geboten war. als eben jetzt, wo dieselben durch die Einschränkungen der Familien, durch die Theuerung der Lebensmittel und durch die Höhe der Wohnungsmiethe stark in Mitleidenschaft gezogen werden." Es versteht sich, daß sich hieran die dringende Bitte schließt, dem Vereine auch fernerhin, womöglich erhöhete Theilnahme zu schenken, und wollen wir hoffen, daß die warmempsundenen Worte dieses Gesuches die Stätte der Erhörung und Erfüllung finden. Dem Vereine wurden im verflossenen Vereinsjahre 31« Gesuche vorgelegt, von welchen jedoch blos 239 berücksichtigt werden konnten. Unter diesen waren: 10 Studirendeder Philosophie, 60 Hörer der Rechte, 134 Studirende der Medicin, 34 Hörer der Technik und 1 Schüler der Malerschule. Dem Vaterlande nach waren: 3 aus Wien, 106 aus Ungarn, 37 aus Galizien, 34 aus Böhmen, 27 aus Mähren, 11 aus der Bukowina, 7 aus Oesterr.-Schlesien, 4 aus Siebenbürgen, je 3 aus Croatien und Rumänien, je 1 aus Niederösterreich, aus Preußen, Rußland und der Türkei. An besonderen Spenden erhielten wir: Die Freiherrn von Rothschild haben aus der bei Anlaß des Ablebens ihres Vaters, des Herrn Anselm Salomon Freiherrn von Rothschild, für Wohlthärigkeitszwecke gewidmeten Summe von 135,000 fl. zweitausend Gulden dem Vereine zum Capitalfonde zugewenbet; Herr Felix Roth bei Gelegenheit seines 25-jährigen Amtsjubiläums 100 fl. Papierrente. Die Einnahmen betrugen 3086 fl. An Unterstützungen wurden 2848 fl. vertheilt. Der Verein besitzt an Fond 17,750 fl. Frankreich. Paris, 15. Nov. i Arch. isr.) Durch Decret des Präsidenten der Republik vom 3. d. wurde der Großrabbiner des israelitischen Central Konsistoriums zum Mitgliede des Oberraths über die Gefängnisse ernannt, der jüngst bei dem Ministerium des Innern eingesetzt worden. —. Jetzt verlangen bereits die Gönner der neuerrichteten katholischen Universitäten beträchtliche Subventionen für dieselben vom Staate, d. h. aus den Steuern, zu welchen Protestanten und Juden ihr Quotum beitragen — daraus sollen Anstalten unterhalten werden, welche nur strenggläubige Katholiken aufnehmen und, wie sie offen gestehen, dem Syllabus gemäß unterrichten, also die bürgerliche Gleichstellung verurtheilen und untergraben! Es ist bezeichnend, daß man von der gegenwärtigen französischen Regierung und der Nationalversammlung im Voraus nicht weiß, ob sie dieses Verlangen bewilligen oder zurückweisen werden. Corfu. CvrfU, im Oktober. Der „Corrierc Israelilieo** enthält einen belobenden Bericht über den geistigen Fortschritt der Corsuer Jsraelitengemeinde seit der Ankunft ihres neuen Rabbiners, Prof. G. E. Levi. Die Talmud-Thora-Schule ist vergrößert und öffnet ihre Pforten jetzt zweihundert Zöglingen. Außer dem Hebräischen und dem Neugriechischen lehrt man dort das Italienische, Französische, Geschichte, Geographie und Naturgeschichte. Eine vortreffliche Mädchenschule ist ganz kürzlich gleichfalls dort eröffnet worden, wo die Schülerinnen eine vielseitige und gründliche Bildung erhalten. Bei Gelegenheit der Einweihung der letzteren hat man dem Herrn Rabbiner zwei Adressen überreicht, die eine, mit 120 Unterschriften bedeckt, ging von den Gemeindemitgliedern aus, die andere von einigen eingeborenen Israeliten Corsu's, die sich zu Neapel niedergelassen haben.