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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-30 · Heft 49 (30.11.1875) · p. Seite 792

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 49 (30.11.1875)
Date
1875-11-30
Page
Seite 792 (sequence 6)
Language
German
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792 Auch giebt es in Deutschland noch keine Universitäten, wo der, Student vor seinem Eintritt das katholische Glaubensbekenntniß abzulegen hat. Doch es ist wahrlich keine Zeit, daß die israej litische Presse untereinander nach der Nationalität in Hader liegen! sollte, sondern vielmehr müßte sie gemeinsam jede Gesahr, die i für die Glaubensfreiheit aussteigt, bekämpfen. Wir sind uns j bewußt, stets allein aus dem Boden der Thatsachen uns aufzu- Hallen, und wisien. baß zwar Angriffe auf die deutschen Glaubensgenoffen von französischer Seite ausgegangen sind, niemals aber von deutscher Seite mit Anfeindungen der französischen Glaubensgenoffen vergolten worden. Berlin, 18. Nov. (Privatmitth.) Die „Germania" sucht noch, um sich nicht ungetreu zu werden, von Zeit zu Zeit irgend ein avtijüdisches Artikelchen aus altem Kehricht heraus. Wir wollen sie bei diesem Lumpensammeln nicht weiter stören, einem Geschäft, das ihr um so eher zusteht, als es in den großen Städten um Mitternacht betrieben wird. So hat sie jüngst einen Aufsatz des unlängst verstorbenen Robert v. Mohl aus der Vergeffenheit hervorgeholt, dem zu seiner Zeit in diesem Blatte genügend heimgeleuchtet worden. Nun, Robert v. Mohl gehörte in vielen seiner Ansichten lange Zeit vor feinem Tode schon zu den Dahingeschiedenen, und die „Germania" kann sich ruhig neben ihm begraben laffen. Sie schmäht auch auf die römischen Juden, daß sie sich so undankbar gegen den Papst benähmen, während die Päpste ihnen doch so viel Gutes gethan hätten. Davon wiffen nun die Annalen der jüdischen Geschichte bis zum Jahre 1870, einige seltene Fälle ausgenommen, nichts zu erzählen, wohl aber recht viel vom Gegenrheil. Das jährlich vom Tiber mehrere Male überschwemmte römische Ghetto ist ein redendes Zeugniß, und wirb vom päpstlichen Wohlwollen sprechen, so lange noch ein Stein deffelben auf dem anderen bleibt. Auch der Fall Mortara bleibt dem jetzigen Papste unvergessen, da er gerade in seinen Details den Charakter Pius IX.., über welchen man früher in Zweifel war, ins hellste Licht stellte. Mit solcher Uebertünchung der geschichtlichen Wahrheit können nur Leute auftreten, welche alle Achmng vor der Wahrheit überhaupt aus sich verbannt haben. Köln, 17. Nov. (Privatmitth.) In diesen Tagen fanden hier die Stadtverordnetenwahlen statt. In der dritten Klaffe erhielten die Ultramontanen im ersten Wahlgang und bei einer nothwendig gewordenen engeren Wahl die Majorität. Die Ursache hiervon — bis jetzt saß kein einziger Klerikaler in der hiesigen Stadtverordnetenversammlung — lag einzig und allein in der Zerfahrenheit der Fractionen der liberalen Partei, die sich seit Jahren in den Haaren liegen, Nicht allein die national-liberale und die Fortschrittspartei stimmten für besondere Candidaten, sondern auch eine Partei der Unabhängigen hatte sich eine andere Candidatenliste aufgestellt; bei der engern Wahl kam nur eine verhältnißmäßig geringe Zahl von Liberalen zur Urne. Man kann es daher nur als eine ungerechtfertigte Beschönigung dieser auffälligen Niederlage betrachten, wenn der Berichterstatter der „Köln. Ztg." behauptet, „viele Israeliten und Socialdemokraten stimmten mit den Ultramontanen," ungerechtfertigt so lange, als bis dies aus den Wahllisten erwiesen ist. Wir Juden muffen bei jeder Niederlage einer Partei als Prügelknaben herhalten. Unterliegen die Ultramontanen, so sind die Gegner „Juden, Protestanten und Freimaurer" oder „Juden, Heiden und Freimaurer". Verlieren die Liberalen, so bestehen die Gegner aus „Ultramontane . Juden und Socialdemokraten". Die Liberalen werden daher gestatten müsse», derartige Insinuationen für Münzen von gleichem Gepräge, wie der Ultramontanen zu halten. Herr Edmund Aboüt, und diesen werden die deutschen Liberalen für keinen Wahrheitsfreund erklären, behauptete jüngst in einer der „Union republicaine“ gehaltenen Jungfernrede Aehnliches. Aber mehr gilt uns doch das Zeugniß der Ultramonanen und deren consequentes Benehmen gegen die Juden. Würden diese in den Juden irgend eine Hülsstruppe auch nur von ferne vermuthen, so würden sie dieselben nicht so maltraitiren, wie sie es fortwährend thun. Bon dem Berichterstatter der „K. Z." würden wir also eine Beweisführung, die, wenn sie möglich, nicht schwer zu erlangen wäre, erwünschen. Auö der Neumark, 14. Nov. Der Kreistag des Kreises Königsberg i. N. hat am 12. den Landrath von Levetzow, den Rltterschaftsrath von Gerlach auf Rohrbeck und den Dr. meit. Peyser (Israelit, zu Provinziallandtags-Abgeordneten gewählt. Die ersten beiden gehören der conservativen, der letztgenannte der Fortschrittspartei an. Die Wahl beruhte auf einem Compromiß zwischen den Städten und einem Theile der Vertreter der Landgemeinden, welche gemeinschaftlich gegen die Agrarier Front machten und den Sieg errangen. K. Aus dem Poseuschen, 17. November. (Privatmitth.) Nachdem das evangelische Schullehrerseminar zu Koschmin auf Anordnung des Herrn Ministers Falk seines confessionellen Charakters entkleidet und zu einem simultanen umgestaltet ist, hat rer Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Koschmin an das Cultusministerium das Gesuch gerichtet, anzuordnen, daß in Folge dessen am dortigen Seminar auch jüdische Zöglinge mir gleichen Rechten mit den christlichen, unter Ausschluß der Verpflegung, ausgenommen werden sollen, und falls es ihre Zahl erforderlich macht, auch für den Religionsunterricht derselben zu sorgen. In dem Gesuche wird der große Mangel an jüdischen Lehrern, wie an jüdischen Seminarien nachgewiesen. Hoffentlich wird der Herr Minister diesem gewiß billigen Gesuche gern entsprechen, zumal dadurch auch das Interesse des Staates gefördert wird. — In Warschau hat die Verschmelzung der evangelischen mit der jüdischen Schule zu einer Simultanschule stattgefunden. Gegenwärtig besteht dieselbe aus nur 3 Klaffen, weil zur Zeit nur 3 Lehrer, 1 evangelischer und 2 jüdische, nämlich die bisherigen Lehrer der getrennten Confessionsschulen, zur Verfügung stehen. Zu Ostern wird auch noch ein Rector angestellt werden.

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