Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1875)
- Date
- 1875-11-30
- Page
- Seite 791 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Colmar 2× ep/1047872
- Lübeck 1× ep/1048008
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Straßburg 20,828, also mehr 1048, Colmar 17,000, also mehr 5710, und Metz 8500, also mehr 640 als die obigen Angaben für den gegenwärtigen Bevölkerungsstand. Jndeß muß es auffallen, daß Colmar einen so unverhältnißmäßig größer« Abgang als Straßburg und Metz hat, der durch die Abtrennung von Belfort nur theilweise erklärt wird. Sehen wir aber, daß der französische Kalender für Colmar nur die runde Zahl von 17,000 angiebt, so vermögen wir auf dieselbe umsoweniger statistischen Werth zu legen, als den Angaben des französischen Kalenders keine wirkliche Volkszählung zu Grunde lag. Selbst für Metz erregt uns die Zahl 8500 gerechten Zweifel, so daß nur die genaue Zahl für Straßburg uns Vertrauen einflößl.- Dem Reichslande lassen wir am füglichsten die drei freien Hansestädte Hamburg, Lübeck und Bremen folgen. Diese würden am geeignetsten sein, den Ultramontanen und allen Judenfeinden einen Prüfstein für ihre Behauptungen abzugeben. Denn da sie den Staat für verloren und den Untergang geweiht ausgeben, wo viele Juden ansässig sind und d e n glücklich preisen, der die Juden recht lange von seinen Grenzen fern gehalten hat und ihrer noch heute wenige unter seinen Bürgern zählt: so müßte sich ihnen die Frage, welche die bedeutendste und blühendste unter den drei Hansestädten sei? hiernach aufs Bestimmteste entscheiden. Denn Lübeck, das bis 1848 jedem Juden verbot, in seinen Mauern zu übernachten. so daß die in ihm verkehrenden Juden in benachbarten Dörfern wohnten, und jetzt eine jüdische Bevölkerung von nur 365 Seelen zählt, müßte unter den dreien die bedeutendste Stelle einnehmen und in einem außerordentlichem Maße prosperiren. Oder es könnte nur Bremen nachstehen, das früher ebenso unduldsam die Gleichberechtigung erst mit dem Bunvesgesetze von 1869 annahm und jetzt gar erst 465 Juden zahlt. Und doch ist es ganz anders, und Hamburg allein hat sich die wichtigste Stelle im Welthandel zu gewinnen und zu erhalten gewußt, so daß unbestritten Hamburg der erste Handelsplatz des ganzen europäischen Continents ist. Gerade Hamburg ist eine alte Wohnstätte der Juden, und zählt gegenwärtig 13,796 Juden (1 auf 26 Einwohnern). Einen thatsächlichern Beweis gegen alle diese reactionären Phrasen giebt es wohl kaum! Die Juden Hamburgs bilden 2 Hauptgemeinden, die deutsch-israelitische und die portugiesische, mit 3 Rabbinern, 7 Vorsängern, mit 4 Elementar- und einer Religionsschule, die von 1033 Schulkindern besucht werden, 4 Synagogen, 2 Schulhäusern, 3 Begräbnißplätzen und 44Wohlthätigkeitsvereinen und 34 Stiftungen. Die kleine Gemeinde von Lübeck hat 1 Rabbiner, 5 Lehrer, 1 Elementarschule mit 65 Schulkindern, 1 Synagoge, 1 Begräbnißplatz, 3 Vereine und 7 Stiftungen. Die Gemeinde zu Bremen hat 1 Rabbiner, 1 Vorsänger, 1 Religionsschule mit 35 Schulkindern, 1 Begräbnißplatz; ihren Gottesdienst hält sie in einem gemietheten Locale. 6U/Occ&txcßteii/. Deutschland. Colmar, im November. Die elsässischen Blätter berichten über einen Conflict am Lyceum zu Colmar. Den israelitischen Schülern des Lyceums war bis jetzt gestattet worden, am Sabbath-Vormittag den Gottesdienst zu besuchen, und deshalb den Unterricht während der betreffenden Zeit zu versäumen. Jetzt hat die Direction des Lyceums diese Erlaubniß zurückgezogen, weil sie mit dem Schulcursus unvereinbar sei. Die Familien haben hiergegen protestirt, weil auf diese Weise den Schülern ganz unmöglich gemacht wird, dem Sabbathgottesdienste beizuwohnen. Der Großrabbiner Weill bemüht sich, diese, so viele Gewiffen beunruhigende Maßregel zurücknehmen zu laffen. Die meisten elsässischen Tageblätter nehmen für die jüdischen Schüler Partei, und man ist auf die Entscheidung gespannt, die hohern Ortes erlheilt werden wird. Es liegt hier ein Conflict vor, der sich selbstverständlich an sehr vielen Orten wiederholt. Bekanntlich wird auf den deutschen Schulen Samstag Nachmittag kein Unterricht ertheilt, und die Zeit und Dauer res jüdischen Gottesdienstes nimmt ziemlich die Schulzeit des Samstag-Vormittags in Anspruch. Findet nun im Lehrkörper die Billigkeit statt, so ist es nicht zu schwer, die Lehrgegenstande so zu ordnen, daß jüdische Schüler ohne zu großen Nachtheil die betreffenden Stunden versäumen können. Jndeß so oberflächlich läßt sich über die Sachlage nicht urtheilen. Was hier in der Schule vorgeht, findet im Leben tausendfach statt, nämlich der Conflict zwischen dem bürgerlichen und gewerblichen Leben und dem religiösen Sabbathgesetz. Viele Tausende von Juden erweisen nun allsabbathlich, daß sie ohne irgend welchen Zwang das Sabbathgesetz den gewerblichen Anforderungen nachsetzen. Die Juden haben es sich also selbst zuzuschreiben, wenn die Behörden in dieser Frage irre und zweifelhaft werden. Das Gegentheil fände statt, wenn die Juden ihre feste Anhänglichkeit an das Sabbathgesetz bethärigten. Ein Herr Blum, wahrscheinlich ein deutscher Verwandter des Herrn Fleur von Paris, nimmt hiervon Gelegenheit, uns in den „Arch. isr." wegen unserer deutschen Sympathien anzugreifen und triumphirend auf die französische Freiheit gegenüber dem deuffchen Zwang zu verweisen. Wir haben kein Gelüste, uns auf seine Phrasen einzulaffen. Er hätte bester gethan, uns factisch mitzutheilen, wie es in der obigen Frage bei den Lyceen in Paris oder in Frankreich überhaupt gehandhabt wird. Bekanntlich giebt es gegenwärtig in Frankreich — zu unsrem schmerzlichen Bedauern — vielfache Thalsachen, z. B. bei dem Militär, bei denen die religiöse Freiheit durchaus nicht geschützt erscheint.