Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1875)
- Date
- 1875-11-30
- Page
- Seite 788 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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788 wirklich!, Iheils zu ihren Zielen genommen, wie sie selbst bedeutende Schritte gethan, zur Erkenntnis, zum richtigen Verstandniß des Mosaismus zu gelangen, und diesen von Len Schleiern des Vcrurtheils und der falschen Vorstellungen zu befreien, welche der Buchstabenglaube um ihn geworfen. Wir müssen daher sagen, daß Moses der Entwickelung der ganzen Menschheit angehört, die Keime derselben in hohem Alterthum gepflanzt hat, ihr tteu zur Seite geht, und mit jedem Fortschritt sich mit ihr um so mehr identificirt. Wir wissen sehr wohl. Laß diese Sätze über den Mosaismus erst eine verhältnißmäßig noch geringe Schaar von Anhängern besitzen, von einer größern Menge noch bestritten werden. Aber wir haben doch in den vier Jahrzehnten, seit denen wir speciell dieser richtigern Erkennmiß nach Kräften dienen, in dieser so mannichfache Fortschritte machen sehen, daß wir unverzagt die obigen Bemerkungen aussprechen zu dürfen glauben konnten. Wird Loch die folgende Parallele manchen Beitrag dazu geben. — Jedenfalls ersieht man schon hieraus, daß es nicht unangemessen ist, diese beiden Männer vergleichend nebeneinander zu stellen, obschon von Aristoteles nicht gesagt werden kann, daß er in irgend eine Berührung mit der Lehre Moses' jemals gekommen. Ist doch dieser große Hellene auch als Charakter nicht unwürdig neben Moses zu erscheinen. In rer That ist Moses als Charakter im höchsten Grade zu bewundern, und sehen wir ihn, an welchem die Bescheidenheit so hoch gerühmt wird, und der sich Anfangs nicht die Fähigkeit zutraute, seine große Sendung übernehmen zu können, sehen wir ihn, nicht etwa wie er auf der Höhe des Felsens die Hände zum Gebete erhebt, da zu seinen Füßen die Schlacht mit Amalek wüthete, nicht etwa wie er vom Horeb herabsteigend, im Zorn über den Abfall seines Volkes die beiden Gesetzestafeln zerschmettert — Situationen, welche die Künstler vorzugsweise für ihre Darstellungen wählten — sondern wie er dem empörten Volke gegenüber in das Thor des Lagers ttitt und mit Donnerstimme ruft: „Wer mit Gott ist, trete zu mir heran!" und schon durch die Macht seiner Persönlichkeit die Aufregung des Volkes dämpft und es beherrscht — dann tritt uns der Charakter dieses Gottbegeisterten Gesetzgebers und Volksführers in seinen bedeutendsten Lineamenten glänzend entgegen. Aber auch Aristoteles erscheint uns in der Unabhängigkeit seines Charakters, in seiner Unerschrockenheit und unbedingten Wahrheitsliebe große Anerkennung zu verdienen. Er starb, bedroht von einem Hochverrathproceß seitens seines Schülers, Alexanders des Großen, ressen Tod allein ihn davon befreite, und zugleich aus Athen, seinem langjährigen Wohnorte, aus die Anklage der Götterlasterung, welche schon den Sokrates zum Giftbecher verdammt und den AnaxagoraS in'S Exil getrieben hatte, verfolgt und verjagt. Diese Thatsachen bezeugen uns, daß Aristoteles dem hoffahrtig, ausschweifend und unersättlich gewordenen Sieger, welchem er ftüher so viele Hochachtung gezollt, und der ihm viele Beweise der Verehrung selbst aus rer Mitte Asiens heraus gegeben hatte, die Wahrheit nicht ersparte, die jener fteilich nicht mehr zu erttagen verstand und daß er ebenso wenig vor der entarteten Pöbelherrschaft zu Athen den Mund verschlossen hielt/ sondern unverzagt seine, diese verwerfende und geißelnde Lehrthätigkeit fortsetzte. Erwägen wir, daß Aristoteles von aller Schmähsucht sehr fern war, daß er vielmehr seinen sittlichen Standpunkt in der Mitte, in der Ausgleichung der Extreme genommen, so breiten diese beiden Facten ein Helles Licht über die Reinheit und Mannhaftigkeit seines Lebenswandels aus. — Es ist nicht unsre Absicht, zunächst auf dem religiösen und sittlichen Gebiete die Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten zwischen Moses und Aristoteles aufzusuchen, sondern wir beschäftigen uns vielmehr mit den politischen und socialen Lehren. Wir folgen hier dem jüngsten und trefflichsten Bearbeiter der Aristotelischen „Politik." Bekanntlich ist die uns überlieferte Schrift des Philosophen, wie wir sie besitzen, nicht unmittelbar aus dessen Feder geflossen, sondern eine Art Collegienhefl, noch dazu in mißlicher Beschaffenheit des Textes. Aber echt aristotelisch ist sie doch, wie besonders durch mancherlei Parallelstellen aus anderen Schriften des Slagiriten erwiesen ist. Vor Kurzem erschien nun der zweite Theil des verdienstvollen Werkes: „Die Staatslehre des Aristoteles in historisch-politischen Umrissen. Ein Beittag zur Geschichte der hellenischen Staatsidee und zur Einführung in die Aristotelische Politik von Prof. Wilhelm On cken." In diesem giebt der Verfasser eine eingehende Darstellung der Aristotelischen Ansichten über das politische und sociale Leben, indem er den Wortlaut der gedachten Schrift erörtert und den historischen Hintergrund zeichnet, aus welchem sie entstanden und zu begreifen sind. Wir haben hier einen zuverlässigen Führer und können uns durch ihn der sichern Unparteilichkeit erfteuen, die gerade bei solchen Vergleichungen am schwierigsten einzuhalten ist. II. Aristoteles, der systematische Denker, beginnt die Untersuchung jedes Gegenstandes mit der Erforschung und Definirung des Princips, aus welchem sich Ursprung und Entwickelung herleiten ließen. Oncken stellt nun zuerst „den religiösen Charakter des antiken Staates", nämlich bei Hellenen und Römern, dar, nach welchem die Götter als Begründer und Beschützer des Staates erscheinen, läßt mit den Zweifeln an den Göttern bei den Sophisten die Zweifel an dem Recht und der Nothwendigkeit des Staates entstehen, der für die Einen nur Despotismus, für die Anderen Knechsschaft, für die Weisen, selbst wenn er verfassungsmäßig ist, nur die unerttägliche Belastung des Gebietens und Gehorchens bedeute. Diesen gegenüber habe Aristoteles nach einem neuen Principe des Staates gesucht, und es mit Beseitigung des religiösen Charakters in dem Naturgesetze des Menschen gefunden, 3) Leipzig. Engelmann, 1875. Der erste Theil war schon 1870 erschienen.