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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-23 · Heft 48 (23.11.1875) · p. Seite 778

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 48 (23.11.1875)
Date
1875-11-23
Page
Seite 778 (sequence 8)
Language
German
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778 kommt ihr dabei auf krasse Uebertreibungen nicht an. Wir haben dies ja schon bei den unsinnigen Zahlenangaben der stattgefunden haben sollenden Taufen erlebt! So wird hier angegeben, daß von den schulpflichtigen jüdischen Kindern in Breslau nur 700 hebräischen Unterricht hätten, also ungefähr 3000 ohne allen hebräischen Unterricht bleiben. Nun kann doch eine Seelenzahl von etwas über 13,000 keine 5000 schulpflichtige Kinder haben, sondern kaum 2000. (Die Stadt Breslau hatte bei 171,920 Seelen in sämmtlichen Lehranstalten 28,032 Schüler und Schülerinnen , so daß diese ca. den Oten Theil ausmachten, und hierbei waren nicht bloß die schulpflichtigen Kinder, sondern alle, dieses Alter weit überschreitenden Zöglinge der höheren Lehranstalten mitgerechnet.» Das Verhältniß der, keinen hebräischen Unterricht genießenden Kinder ist immerhin schon bei 2000 — 700 arg genug; wozu es also um das Dreifache übertreiben? Leipzig, im November. Die „Dahrlehnskasse für israelitische Frauen und Jungfrauen", welche an unbemittelte Mädchen und Frauen unter statuarisch festgestellten Bedingungen unverzinsliche Darlehen zur Begründung einer selbstständigen Existenz oder auch zu einer fachmäßigen Vorbereitung für solche gewährt, hat jetzt einen Fonds von 45,000 Mark erreicht, so daß sie jährlich 2400 Mark vertheilen kann. Vorzugsweise werden Bewerberinnen aus kleineren Orten berücksichtigt, weil in Folge der Freizügigkeit die wohlhabenden Familien sich meistens nach den großen Städten ziehen und die unbemittelten um so hülfloser Zurückbleiben. Oesterreich - Ungarn. Pest, 7. November. (N. fr. Pr.» Am sechsten Tage nach seinem Tode wurde heute Eduard Horn unter einer geradezu imponirenden öffentlichen Theilnahme zur Erde bestattet. Wir geben eine ausführliche Beschreibung des Leichenbegängnisses im Feuilleton dieser Nummer. Die Regierung hat der Willwe Horns eine Pension von jährlich 2000 Gulden gewährt. — M. A. Weiß, der langjährige Vorsteher der hiesigen Gemeinde. Mitgründer und Director des hiesigen israel. Ackerbau- und Handwerkervereins, ist den 4. d. M. im Alter von 74 Jahren plötzlich aus dem Leben geschieden. 8. Aus dem südl. Böhmen, 6. Nov. (Privatmitth.) Die viel besprochene Cottbuser Affaire erinnert uns an einen ähnlichen Vorfall in Prag bei Gelegenheit des Leichenbegängnisies Rappaport's. In seinem Berichte über Letzteres hatte der „Tagesbote aus Böhmen" geschrieben, daß auch der evangelische Superintendent unter den theilnehmenden Honoratioren zu sehen war. Der übereifrige Reporter hatte nämlich Jemanden gesehen, der nicht da war. Anstatt aber, daß der durch seine Abwesenheit glänzende Superintendent dem Reporter dafür Dank gewußt hatte, daß er ihn unter den anwesenden Honoratioren aufgezählt, hielt er es für nöthig, seine Abwesenheit in einer an den Tagesboten cingesandten Berichtigung öffentlich zu constatiren, welcher Berichtigung indeß der Tagesbote eine für den frommen Einsender nicht sehr schmeichelhafte Bemerkung hinzufügte. Ich bin gleich Ihnen, geehrter Herr Redactcur'. der Meinung, daß es von wenig Selbstachtung und Selbstgefühl zeugt, wenn mit der Anwesenheit von Nichtjuden — und mögen dieselben auch Geistliche und Pastoren sein — bei jüdischen Feierlichkeiten viel Aufhebens gemacht wird. Soll unsere Gleichberechtigung bei Andern eine Thatsache des Bewußtseins werden, müsien wir erst selbst uns als gleichberechtigt betrachten, und dürfen nichts thun, was den Anschein hätte, als ob wir selbst uns für weniger als die Andern hielten. „Die mich ehren, ehre auch ich," das muß unsere Richtschnur sein. Vielen unserer älteren Glaubensgenoffen, selbst hervorragenden und hochgestellten, die lange Zeit das Joch des Galut getragen, steckt auch jetzt noch das Galut in allen Gliedern. Diese vermögen auch jetzt noch nicht den Gedanken zu fasten, daß z. B. die Judengemeinde sich um den Herrn Pfarrer oder auch den Herrn Bischof ebenso wenig zu kümmern braucht, als die christliche Gemeinde um den Rabbiner. Als der Budweiser Bischof im heurigen Sommer auf einer Visitationsreise auch nach unserem Orte kam, hatte Schreiber dieses seinen ganzen Einfluß aufzubieten, um die jüdische Gemeinde davon abzubringen, sich als besondere Corporation an dem Empfange deffelben zu betheiligen, da mehrere Herren ihm cntgegenhielten, daß in früherer Zeit auch die jüdische Gemeinde mit dem Rabbiner an der Spitze und den Thoras in der Hand den Bischof erwartet habe, und einem Rabbiner sogar einmal die hohe Ehre zu Theil wurde, von demselben in Audienz empfangen zu werden. Gottlob, daß die Zeiten, in welchen solche Selbsterniedrigung nothwendig war, zu den tempi passati gehören. Jetzt verlangt es unsere Würde und unser gutes Recht, daß wir Ehrenbezeigungen versagen, die früher als ein Zeichen unserer Unterthänigkeit galten und die bei der noch immer herrschenden Anschauung von der Superiorität der katholischen Kirche dem Judenthume gegenüber als eine Anerkennung dieser Superiorität von unserer Seite aufgefaßt werden könnten. Ja, unser gutes Recht macht uns nicht allein die ausdrückliche Verweigerung solcher Ehrenbezeigungen da, wo sie von uns in gewohnter Weise als eine Schuld gefordert werden, zur Pflicht, sondern gebietet uns auch dagegen die Stimme zu erheben, wenn, wie es häufig vorkommt, eine Stadtvertretung aus dem Gemeindesäckel, in den auch die jüdischen Steuergelder fließen, das Geld nimmt, um einem geistlichen Würdenträger Triumphpforten zu bauen, oder auch nur, um es zu kirchlichen Zwecken zu verwenden. Den Borwurf der Arroganz und der Anmaßung haben wir nicht zu fürchten, sobald wir nur im privaten Verkehre nicht unbescheiden sein werden. Kürz und gut, etwas mehr Würde und Selbstgefühl da, wo wir als Gesammlheit auftreten, und etwas weniger Anf- und Zudringlichkeit im privaten Verkehre könnten uns nicht schaden.

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