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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-23 · Heft 48 (23.11.1875) · p. Seite 776

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 48 (23.11.1875)
Date
1875-11-23
Page
Seite 776 (sequence 6)
Language
German
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776 nicht zu beseitigen. Balv ist es ein kirchlicher, bald ein wissenschaftlicher Zweck. Wenn z. B. durch die jüngste amtlich angeordnete Untersuchung über die Farbe der Haut, Augen und Haare der Schulkinder ein wirkliches Resultat erzielt, und die Verschiedenheit der in Deutschland existirenden Racen constatirt worden wäre, läge es im Interesse des deutschen Reiches diese Differenz der Racen zum allgemeinsten Bewußtsein zu bringen? Es wäre nur consequent gewesen, wenn der Staat bei der Volkszählung selbst riese Farbennüancen bei allen Bewohnern des Reiches hätte äufzeichnen lassen. Nein, der Kirche und der Wissenschaft mögen ihre Untersuchungen für ihre Zwecke freistehen, der Staat aber, besonders das deutsche Reich, hat allein für das Gefühl der Einheit aller Staatsbürger zu sorgen und zu wirken. — Der Feldzug, den die „Germania" mir ihren Satelliten gegen die Juden mit so vielem Geschrei, das an den Kriegsruf der Rothhäute und der alten Germanen erinnerte, unternommen hatte, hat, wie sie sich nunmehr selbst gestehen wird, ein klägliches Ende genommen. Die mit so großem Pompe an alle Welt gerichtete Aufforderung, ihr Berichte über alle Geschichtchen zuzusenden, in welchen irgend ein Jude eine klägliche Rolle spiele, hat nur einen sehr geringen Erfolg gehabt, so daß die „Vermischten Nachrichten" jeder Nummer irgend welches Tages- Llattes mehr Raub- und Mordgeschichten enthalten, als die „Germania" über die Juden überhaupt zusammenzuraffen vermochte. Ihr Gelüste, ein Jnquisitionstribunal aufzurichten, vor das sie nach Belieben die Juden citiren könnte, ist unbefriedigt geblieben. Sie sieht sich am Ende ihrer Mittel, und — hat nichts erreicht. Es ist möglich, daß sie in vorurtheilsvollen Geistern diesen Borurtheilen etwas Nahrung zugeführt habe, das ist aber auch Alles. Die Juden leben ja nicht im Versteck, sondern offen mitten im Leben. Jeder einzelne Mensch hat Gelegenheit, das von der „Germania" entworfene Conterfei mit der Wirklichkeit zu vergleichen, und findet dann, daß wohl hier und da ein einzelner Jude irgend einen Zug von diesem Bilde an sich trage, aber nichts davon auf die Mehrheit derselben passe. So hat diese Partei nichts weiter bewährt, als die Unsittlichkeit ihres eigenen Strebens und Thuns, als die wüste Leidenschaftlichkeit des Hasses, mit der sie ihre selbstischen Zwecke verfolgt, und die stupide Gleichgiltigkeit, mit welcher sie die Mittel wählt, die ihren Zwecken dienen soll. Berlin, im November. Die hiesige israel. Gemeinde hatte bis jetzt für ihre Armen Special-Armenärzte unterhalten. Diese Einrichtung fällt mit dem 1. Januar k. I. fort. Auch die jüd. Armen haben sich von da ab in Krankheitsfällen an die städtischen Armenärzte zu wenden. (Vergleiche den Leitartikel: „Die jüdische Armenpflege" in Nr. 46.) Nakel, 8. Nov. („Nak. Z.") Am hiesigen Simultan- Gymnasium, ras als Frucht gemeinsamen StrebenS und einträchtigen Zusammenwirkens dreier Eonfessionen aus dem Schooße der Stadt hervorgeganzen ist, hat die Neueinführung einer am Wochenbeginn und zum Wochenschluß stattsindenden gemeinsamen Andacht zu bedauerlichen Differenzen geführt, da der Charakter der neueingerichteten Andacht weder den unabweislichen Ansprüchen der Gleichberechtigung aller Eonfessionen, noch den fortschrittlichen Tendenzen unserer Zeit, noch auch den freisinnigen Intentionen unserer Bürgerschaft entspricht. Ein Protest von jüdischer Seite, der geltend zu machen suchte, daß in der Schule das confessionelldogmatische Element wohl im Religionsunterrichte, aber keineswegs außerhalb desselben, Platz finden dürfte und daß eine gemeinsame Andacht, an der 66 jüdische Schüler theilzunehmen hätten, einen allgemein erbaulichen Charakter erheische, wurde vom Rector des Gymnasiums abschlägig beschieden. Christlich sei der Charakter der Schule, christlich die Majorität der Schüler, christlich „das immanente Bewußtsein der Lehrer" und christlich, weil unausweislich confessionell, müsse auch das Gebet in der Schule sein. Nachdem nun die Christlichkeit der Anstalt, Andacht :c. bis zur Evidenz festgestellt war, fanden sämmtliche jüd. Ellern sich bemüßigt, ihre Kinder von der sogenannten gemeinsamen Andacht bis auf Weiteres fernzuhalten. Die städtische Schuldeputation bemächtigte sich nunmehr dieser Angelegenheit, allein der Rector mochte, obwohl er sich im schroffen Widerspruche mir der gesammten öffentlichen Meinung wußte, zu keiner weiteren Concession sich herbeilassen, als daß er mündlich die Zusage ertheilte, die Andacht 16 Minuten vor Beginn resp. nach Schluß der regelmäßigen Unterrichtszeit abhallen zu lassen. Ob die Stadt damit sich begnügen und ruhig zusehen wird, wie die Anstalt, die von ihr mit der ausdrücklichen Bestimmung in's Leben gerufen ward, sich niemals einen confessionellen Charakter aufbürden zu lassen, unter der Hand aus einer Simultanschule in eine paritätische sich verwandelt, bleibt abzuwarten. (Man sieht aus diesem Beispiele abermals, wie vorsichtig die jüdischen Gemeinden bei der Errichtung von Simultanschulen sein müssen. Simultanschulen setzen vollständige Gleichberechtigung voraus; diese muß dann aber auch sorgfältig verbrieft sein. Mündliche Verabredungen und Versprechen reichen nicht aus; der nächste Nachfolger will nichts davon wissen, oft sogar dieselben Persönlichkeiten. Die allmalige Beseitigung des Simultancharakters wird von Andersgesinnten wieder erstrebt. Wir könnten eklatante Beispiele schon aus der Zeit vor zwei Jahrzehnten anführen. Redaction der A. Z. d. I.) München, 12. November. (Privatmitth.) Am 19. des vor. M. verschied hier eine nicht blos hier hochgeachtete, sondern auch weithin wegen ihrer Verdienste gekannte Persönlichkeit, Obercantor Herr Maier Kohn, der seit 50 Jahren in hiesiger Gemeinde wirkte. Zuerst als Lehrer und Vorsteher einer Mädchen- Erziehungsanstalt thätig, übernahm Kohn 1843 die hiesige Cantorstelle, richtete, damals noch ein seltener Fall, einen trefflichen Tempelchor ein, und componirte jene vielbekannten Münchener Synagogengesänge, welche ebenso durch ihre Einfachheit und die

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