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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-23 · Heft 48 (23.11.1875) · p. Seite 773

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 48 (23.11.1875)
Date
1875-11-23
Page
Seite 773 (sequence 3)
Language
German
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773 sondern — das ist die Hauptsache — unmittelbar sich an seine eigene Dorstellungsweise anlehnenv, an seine eigene Begrifsswelt sich anschließend, so daß der Einfache und Wiffensarme eben so wie der Denker und Gelehrte unmittelbar berührt und betroffen wird, und Niemandem der Steg oder die Brücke zu dieser höheren, sittlichen und göttlichen Welt fehlt. Hierin liegt der unendliche Zauber, den die Bibel auf alle nur irgend empfänglichen Seelen ausübt, und was sie von den Schriftwerken aller übrigen Literaturen unterscheidet. Sehen wir z. B. auf die, anderweitig doch so großartigen Werke der griechischen Literatur. Was bieten diese für einen Hintergrund? Eine Götterwelt, wie sie bunter, verworrener nicht gedacht werden kann, so daß sie hinter dem ringenden Menschen weit zurückbleibt. Die wesentliche Differenz besteht eben darin, daß die antiken Classiker nur den Kampf der menschlichen Leidenschaften unter und miteinander schildern, während die biblischen Schriften die Bekämpfung der Leidenschaften zeichnen und lehren. Der antike Held siegt nur, weil seine Leidenschaft die stärkste und von der größten Kraft unterstützt ist; in und nach der Bibel ist nur der ein Held, der diese Leidenschaft überwindet. Die antike Literatur sagt: Mein Held ist ein Stadteeroberer. Die Bibel sagt: „Wer sich selbst überwindet, ist stärker als ein Städteeroberer" (Spr. Salm. 16, 32. vgl. Spr. d. Bäter 4, 1.). Darum ist die sittliche Atmosphäre, die uns in der antiken Welt umgiebt, eine verworrene, mit den Dünsten der Leidenschaften geschwängerte; wirkliche sittliche Ziele werden nicht ausgestellt und die ethischen Momente nur äußerlich gefaßt. Sehen wir einige philosophische Schulen, wie die sokratische und stoische zu reineren, sittlichen Principien gelangen, so bilden sie doch eben nur einzelne Erscheinungen. Selbst die aristotelische Ethik weiß nichts Anderes, als eine Leidenschaft durch eine entgegengesetzte Leidenschaft bekämpfen, um so zu einem miltlern Zustande zu gelangen. Die Bibel hingegen stellt als ihr wirksamstes Gebot auf: Du sollst keine böse Begierde hegen, Du sollst sie in Dir überwinden und unterdrücken. — Wir wissen sehr wohl, daß man seit längerer Zeit den Einwand erhebt, die Bibel verlege den Brennpunkt des menschlichen Lebens in das Jenseits, flöße Verachtung des irdischen Daseins und seiner Arbeit und Güter ein, und schädige so das menschliche Dasein und die Gesellschaft. Aber wir brauchen wohl kaum noch hervorzuheben, daß dieser Vorwurf die Bücher des Alten Testaments gar nicht trifft, daß in diesen vom Jenseits nur wie in der Ferne gesprochen und der Mensch allein in seinen inneren und äußeren Verhältniffen nach der Beschaffenheit dieses Erdenlebens behandelt wird. Darum betrifft die sittliche und göttliche Welt, die als der Grund, auf welchem der Mensch erscheint, handelt und lebt, dargestellt wird, in diesen Schriften nur den Menschen, wie er an und in sich und in der Gesellschaft ist. Die göttliche Vorsehung und Vergeltung und der Mensch als sittliches, sich zu heiligen berufenes, d. h. nach sittlichen Zielen, nach dem Borbilde Gottes, zur Sühnung und Läuterung strebendes und dahin durch ein arbeitsvolles, seine Leidenschaften bekämpfendes Ringen gelangendes Wesen, dies sind die Elemente der Atmosphäre, welche die biblischen Schriften um uns breiten, dies die Vorstellungen, welche sie erfüllen; hierin zeichnen sie die Menschen und die Völker ab, auch diese als Individuen begreifend, die sich in der Folge der Entwickelung zu einer Gesammtheit vereinigen werden. Es versteht sich, daß innerhalb eines so umfaffenden Gebietes, gerade weil es der Wirklichkeit entspricht, all' die Ecken und Schärfen des menschlichen Wesens hervortreten, und zwar bisweilen so stark beleuchtet, daß das blödere Auge das Sonnenlicht übersieht, das auf sie fällt, und deshalb in der Beurtheilung derselben irregeht. Gerade darum konnten manche irrigen Vorstellungen sich an die Bilder und Aussprüche der Bibel knüpfen und lange Zeiten hindurch die falschen Wege, welche die Menschen eingeschlagen, verdecken. Aber in der Entwickelung des Menschengeistes brach und bricht sich dann immer wieder das rechte Licht seine Bahn, und verscheucht den Jrrthum, den man aus falschem Verständniß durch die Bibel geheiligt ausgab. Eben hierdurch wurde auch die Arbeit um die biblischen Schriften eine immer erneuere und wird es bleiben. Die Weltanschauung, die auf der Bibel steht, ist im Großen und Ganzen eine feste unwandelbare; aber sie ist nicht durch Formeln und systematischen Aufbau fixirte und gefeffelte und giebt daher der Entfaltung und den Wandelungen des Menschengeistes genügenden Raum. Auch in den biblischen Büchern gehen oft die Wogen der Leidenschaft hoch und tritt der Egoismus stark hervor; aber dieser wird immer wieder durch die strenge Rechtsforverung beschränkt, und jene werden durch die Ansprüche der Selbstüberwindung, der Sühnung und Läuterung gedämpft. Wenn wir bei der unmeßbaren Culturbedeutung der Bibel auf die unübersehbare Verbreitung derselben in allen Schichten aller civilisirten Völker ein besonderes Gewicht legten, und hieraus die Bedeutung des jüdischen Volkes in der Culturgeschichte der Menschheit hervorhoben: so wird man einwenden, daß jene Verbreitung und Wirksamkeit dem Neuen Testamente ebenso zukäme, ja, daß die Schriften des Alten Testaments vielfach erst durch das Neue Testament eingeführt worden seien. Die einfache Antwort lautet: Nun, bei aller Verschiedenheit, die zwischen diesen beiden Schriftsammlungen besteht, sind doch auch die Bücher des Neuen Testamentes von Juden verfaßt und tragen genugsam den Stempel des jüdischen Geistes. Also auch das Neue Testament ist vom jüdischen Volke ausgegangen und der Welt gegeben worden, also macht die sonstige Differenz zwischen beiden und die ablehnende Stellung, welche die Bekenner des Judenthums consequent und dauernd gegen das Neue Testament eingenommen haben und immerfort einnehmen werden, hinsichtlich der Culturbedeutung des jüdischen Volkes selbst nichts aus. Es ist hier nicht der Ort, die großen Unterscheidungsmomente zwischen dem Alten und Neuen Testamente hervorzuheben; bei aller Verschiedenheit ist dennoch die christliche Weltanschauung nur eine, wenn 48*

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