Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 48 (23.11.1875)
- Date
- 1875-11-23
- Page
- Seite 772 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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772 Mißbrauche um so mehr ausgesetzt war, welchen theils absichtloses Mißverständnis und Mangel an richtiger Einsicht, theils die menschlichen Leidenschaften mit dem in Aller Händen befindlichen Buche trieben. Jrregegangene und irregeleitete Geister suchten und fanden in ihr Belege für die widersinnigsten und abgeschmacktesten Theorien und selbst für eine abscheuliche Handlungsweise. Aber selbst dieser bedauernswerthe Mißbrauch zeugt für ihre unbegrenzte Bedeutung in der gesammten Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechtes, und immer wieder lag das Correctiv solcher Verirrungen in der Bibel selbst bereit. Wenn sie von der einen Seite zu entflammen und zu sanatisiren vermochte, so belehrte sie von der anderen, stärkte, richtete auf, und gewann sich Geist und Herz. So kam es, daß die Kenntniß der biblischen Geschichten, Persönlichkeiten und Schriften wohl von jedem Menschen innerhalb der civilisirten Welt gefordert wird, während alles andere Wißen nur den Maßstab höherer Bildung abzugeben hat oder dem Lebensberufe angehört. So kam es ferner, daß die Bibel unzähligen Geistern den Gedanken- und Arbeitsstoff für ihr ganzes Leben hergab, daß sie tausend Male commentirt, und Vers für Vers, Wort für Wort interpretirt und ausgelegt, in einer und derselben Sprache immer wieder von Neuem übertragen, und nach allen Gegenständen, die in ihr Vorkommen, bearbeite! und behandelt ward und wird. Es ist eine unaufhörliche Geistesarbeit, die sich an ihr vollzieht, daß sie dem Bergwerk gleicht, in deffen Tiefen man immer mehr einzudringen versucht, und daß, je tiefer die Schachte eingesenkt werden, desto größere und lauterere Massen des Erzes darbietet. Da drängt sich die Frage auf: woher kommt dies? So viel auch die Autorität des göttlichen Ursprungs, wie sie viele Jahrhunderte unangetastet bestand, dazu beitragen mußte, die Bibel den Menschen als heilig, als Quelle und Schatz der Wahrheit heilig und unentbehrlich erscheinen zu taffen, so wäre dies doch nur ein äußerliches Moment geblieben, wenn ihr Inhalt und Charakter nicht dieser Vorstellung entsprochen und die Geister in die tiefste und andauerndste Bewegung zu setzen nicht befähigt gewesen wäre. Der ganze Inhalt der Bibel, deffen Eigenschaften und Tendenzen müssen es schließlich doch sein/ welche die Menschheit so einzunehmen im Stande waren. Es läßt sich der Menschheit aus die Dauer nicht aufdrängen, was nicht mit ihrem ganzen Innern zu verwachsen geeignet war. Suchen wir daher einige der Hauptmomente zu erfassen..— Von vornherein muß es uns auffallen, daß in den biblischen Schriften mit geringer Ausnahme eine Kunstform, wenigstens eine beabsichtigte und entwickelte Kunstform nicht vorhanden. Es ist überall nur ganz natürlicher Ausfluß des bewegten Geistes. Wo Kunstform bemerkbar, wie am Buche Hiob, am hohen Liede und an den Klageliedern, da erhebt sie sich nicht über eine sehr naive Stufe wie die Hinzufügung eines Vor- und Nachberichts im elfteren und die alphabetarische Versordnung an den letzteren. Desto einfacher und wiederum depo gewaltiger strömt das Leben, das wirkliche Seelenleben durch die biblischen Schöpfungen. Gerade aber auf diese Weife ergreifen die biblischen Schriften um so starker, und halten die Seele, deren sie sich bemächtigt haben, um so fester. Jede wirkliche Kunstform dient zur Befriedigung der Phantasie und des dem Menschen eingesenklen, dann entwickelten Triebes nach Symmetrie und Harmonie. Es ist aber einleuchtend, daß durch diese Beanspruchung fecundärer Geisteskräfte die Seelenthätigkeit beschäftigt und von der innersten Bewegung des Denkens und Fühlens abgeleitet wird. Die Kunstform kann nur an Gebilden der Dichtung geübt werden, bei denen es wiederum fraglich ist, wie weit sie dem wirklichen Leben und der psychologischen Wahrheit entsprechen. Die Kunfiform endlich übt ihre Wirkung nur auf den gebildeten, an ihren Genuß gewöhnten Geist, während die große Maffe der Menschen gar nicht zum Bewußtsein, kaum zum Gefühl derselben gelangt. So kam gerade die Kunstlosigkeit, die nur natürliche Lebendigkeit in den biblischen Schriften der Wirkung derselben zur Hülfe und machte ihnen den Eingang in alle Menschenherzen um so leichter. In der That ist es das Eigenthümliche der Bibel, daß sie überall das wirkliche Seelenleben der Menschen berührt, tief in dasselbe eingreift, und deffen eigentliche Frage- und Streitpunkte trifft. Es sind viel weniger die Bücher als Ganze, als die einzelnen Sätze und Aussprüche, welche an den Geist und das Herz andringen, diese bewegen und befriedigen. Es sind nicht umfassende Gemälde, die uns aufgerollt werden und die erst in ihrer Ganzheit einen einheitlichen Gedanken zum Ausdruck bringen, nach welchem wir daher zu fragen und zu forschen haben, sondern in jedem einzelnen Theile spricht sich ein solcher Gedanke lebendig ans, der einer ganzen Welt von Ideen und Gefühlen geradezu in den Mittelpunkt trifft. Der Zusammenhang und die Ganzheit liegen vielmehr nur in dem einheitlichen Charakter, in der Einheit der Tendenz. Daher findet sich jeder Mensch in den biblischen Schriften selbst wieder; sein eigenes Dasein, Kämpfen, Leiden und Siegen, findet er abgespiegelt; das, wonach er verlangt und schmachtet, das, wessen er bedarf, um auszuharren, sich zu gedulden und Zuversicht zu empfinden, alle Wirren und Lösungen begegnen ihm hier, und er selbst sieht sich in dem Helden oder in dem Spruch des Redners gezeichnet. — Jndeß ist diese Eigenschaft noch lange nicht das Hauptmoment. Dies besteht vielmehr darin, daß in den biblischen Schriften überall dem gewöhnlichen Leben des Menschen ein höherer, ihn über sich selbst erhebender und doch im Innersten ihm verwandter Hintergrund gegeben ist. Es ist, wie wenn der Mensch aus seinem Wohnzimmer in die frische Luft, in die freie Natur hinausiritt, wo ihn freilich die Sonne oft brennt und der Wind ihn scharf umweht, wo er aber fteier aufathmet und alle seine Kräfte in Bewegung gesetzt fühlt; die enge Umgrenzung weicht zurück und sein Auge blickt in eine weite Ferne, in den Horizont, wo Himmel und Erde sich begegnen. Eine sittliche Welt, eine Welt Gottes empfängt ihn, und zwar nicht aus ab- , strakten Begriffen, auf den Wegen logischer Folgerungen erreichbar,