Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-16 · Heft 47 (16.11.1875) · p. Seite 764

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 47 (16.11.1875)
Date
1875-11-16
Page
Seite 764 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227062--33991-3303835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

764 täglichen Vertreter gewählt; auch seine materiellen Verhältnisse schritten allmälig der Besserung entgegen; während die Vergangenheit vüfter genug hinter ihm lag, schien seinem Auge, wenn es vorwärts blickte, nunmehr eine heiterere Zukunft entgegenzulachen; es schien als sollte diese müde Menschenseele endlich die Früchte Jahrzehnte langen Ringens einheimsen, als sollte auch sie endlich kennen lernen, was sie bisher niemals gekannt, kennen lernen, was ein ruhiges, behagliches Leben heißt! Und in diesem Augenblicke breiter der Tod seinen schwarzen Schleier über das nach so vielen trüben Tagen wieder hoffnungsvoll in die Zukunft blickende Auge; das Herz, das vielleicht zum erstenmale freudig zu schlagen begonnen, steht plötzlich still, und als Resultat eines ganzen mühe- und leidvollen Manneslebens bleibt nichts zurück, als ein trostloses Weib, das händeringend in die todesftarren Züge des Gatten blickt, und eine Schaar unversorgter Kinder, die weinend am Todtenbette des Vaters knieen .... Wenig ist es, was menschliche Kraft einem so wuchtigen Schicksalsschlage gegenüber zu thun vermag, allein das Wenige wird und muß gerhan werden. Die Familie des Mannes, der heute aus der Bahre liegt, nachdem er so viel für sein Vaterland und für die Wisienschafl geleistet, darf nicht der Noch und dem Elende preisgegeben werden; nicht die Klage um den Todten, sondern die Sorge für die Ueberlebenden ist unsere nächste, heiligste Pflicht, und es werden sich gewiß ohne Verzug die geeigneten Männer zusammenfinden, die mit der nölhigen Zartheit, aber auch mit dem nölhigen Eifer das Liebeswerk in Angriff zu nehmen wisien. Mit dieser zuversichtlichen Hoffnung breiten wir das Leichentuch über den dahingeschiedenen Kampfgenoffen; er war einer unserer Bravsten und Tüchtigsten; möge ihm im Tode die Erde leicht sein, ihm, der im Leben so viel des schweren Druckes empfinden mußte! — Correspou-enz. Synagogenweihe. Aus dem Braunschweigischen, im November 1875. Wie mir langst bekannt, so machen Sie geehrtester Herr Redacteur, nicht viel Aufhebens von Synagogenbauten und Synagogeneinweihungen. Daß aber die Einweihung der Synagoge der Stadt Braunschweig in Ihrem geschätzten Blatte so kurz abgefertigt werden soll, wie dies in Nr. 44 geschehen ist, liegt gewiß nicht in Ihrem Sinne. Blicken wir auf die Entstehung dieses Gotteshauses, so ist hier der Ort, wo Dem Namen des verewigten S. Nathalio» ein bleibendes Denkmal gesetzt werden muß, da er fast seine ganze Hinterlaffenschaft — ein Capital von 36,000 Thlrn. — dazu hergab. Dieses Stifiungscapital wuchs unter der kundigen, allseitig fürsorglichen Verwaltung, der sich der allgemein hochgeachtete erste Vorsteher der Gemeinde. Herr Solmitz daselbst, unterzog, auf 61,000 Thlr. heran. Auch der Herr Commerzienrath A. Oppenheimer. Vorsteher der Gemeinde, hat sich dadurch ein bleibendes Denkmal gesetzt, indem er die heilige Lade, ein wahres Meisterwerk der Stein- und Bildhauerkunst, auf seine Kosten hat bauen laffen. Durch eine weitere Collecte innerhalb der Gemeinde, sowie durch jede mögliche Erleichterung von Seilen der Stadt, wie auch durch eine ansehnliche edelmuthige Subvention Sr. Hoheit des Herzogs Wilhelm wurde der schöne Synagogenbau unter Gottes Beistand zu Ende geführt. Es gereicht der Gemeinde Braunschweig aber zur besondern Ehre, daß sie nicht nur eine Synagoge, sondern auch gleichzeitig ein Gemeindehaus zu 3 Amtswohnungen für den Rabbiner, Religionslehrer und Cantor, wie auch Raume zur Religionsschule und einer Gemeindestube gebaut hat. Hierdurch ist für die Zukunft der Gemeinde eine große Erleichterung und ein vollständiger Mittelpunkt geschaffen. Synagoge, Schule und Beamtenpersonal sind gewifsermaßen unter einem Dache. Bei der wahrhaft schönen Einrichtung des Innern haben fast alle Gemeindemilglieder, besonders die Damen, sich in ftommer Weise betheiligt, nicht nur durch Gaben an Gold und Silber, sondern auch durch persönliche Hülfeleistung bei Anfertigung der Vorhänge :c. Lobenswerlh war besonders die Betheiligung von Jung und Alt bei Einübung der Einweihungs- und Festgesänge, man könnte fast sagen, der Landsturm innerhalb der Gemeinde sang mit Begeisterung die Loblieder des Herrn. Die Einfachheit der Gesänge, die Präcision in der Ausführung und die Betheiligung Aller, machte einen wahrhaft erhebenden Eindruck aufdas Gemüth aller Festtheilnehmer, besonders die feierliche und schöne Vortragsweise des allen, durch seine einfachen und dennoch schönen Synagogengesange in den meisten Gemeinden Deutschlands bekannten Cantors Goldberg. Der Vorstand, die vielfachen Bemühungen des Herrn Goldberg anerkennend, hat denselben auch durch ein recht angemeffenes Geschenk erfreut. In den hierbei gehaltenen und inzwischen im Druck erschienenen feierlichen Reden des Herrn Dr- Herzfeld, waren mit großem Tact alle hierbei nölhigen Momenle wohlthuend berührt. Es ist eine nicht genug zu schätzende Eigenrhümlichkeit gieses gelehrten Kanzelrevners, daß er sich ganz an den Text hält, nichts Fremdartiges hinein- oder herausdeutelt. Alles in Allem, so war die Synagogenweihe an und für sich keine religiöse Schaustellung, sondern ein recht feierlicher Gottesdienst, wobei die köstlichsten Bibel- und besonders Psalmensprüche in ihrer vollen Kraft zu Tage traten. Daß die Spitzen aller Behörden, sowie die Geistlichen aller Confessionen, sogar sämrntliche Staatsminister und die hochwürdigen Herren Consistorialräthe aus Wolfenbüttel im Ornate mit sichtlicher' Befriedigung der Einweihung beiwohnten, gereicht diesen Herren im höchsten Grade zur Ehre und bleibt für die israelitische Gemeinde eine ewig dankbare Erinnerung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.