Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 47 (16.11.1875)
- Date
- 1875-11-16
- Page
- Seite 763 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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763 seines Angesichts durch ehrliche Arbeit und unter den bittersten Entbehrungen eine bescheidene Existenz zu gründen versuchte, sofort wieder auffcheuchten, als ob Wohl und Wehe der damals noch so sehr mit ihrer Starke prunkenden Monarchie in der Thal von dem armen jüdischen Feldpater abhängen würve. In Brüssel hatte Horn nebst allen anderen Schwierigkeiten, denen ja der Fremdling überall ausgesetzt ist, auch noch mit jenen der Sprache zu kämpfen. Allein kein Mißgeschick beugte seinen Math, keine Mühe brach die Elasticitat seines Geistes, die Kraft seines Willens. Mit bewunderungswürdigem Fleiße oblag er in Brüssel dem Studium der französischen und englischen Sprache, knüpfte — um mittlerweile leben zu können — Verbindungen mit deutschen Blättern, wie dem „Bremer Handelsblatt" und den „Blättern fürn literarische Unterhaltung" an, studirte dabei mit gespanntester Aufmerksamkeit die belgischen Zustände, und schrieb in den Jahren 1853 und >854 zwei Werke: „Statistisches Gemälde des Königsreichs Belgien" und „Bevölkerungswissenschastliche Studien aus Belgien", welche ihrer Trefflichkeit wegen allseitig unbedingte Anerkennung fanden. Diesen Schriften hatte er es wohl zu danken, daß ihm bald darauf die Redaction eines der bedeutendsten belgischen Blätter angeboren wurde. Verlockender als diesen Antrag fand jedoch Horn jenen deutscher Blätter, für sie als Correspondent zur Weltausstellung nach Paris zu gehen. Diese wunderbare Stadt aus unmittelbarer Anschauung kennen zu lernen, war längst der innigste Wunsch seines Herzens gewesen. Dieser wurde nun erfüllt, und zwar nicht nur vorübergehend. In Paris wurde Horn mit Michel Chevalier bekannt und durch diesen beim „Journal des Döbats" angestellt, desie» nationalökonomischen Theil er nun Jahre hindurch redigirte. Gleichzeitig schrieb er für eine Menge volkswirthschaftlicher Wochen- und Monatsschriften in Frankreich, in Deutschland, in Belgien, und von Zeit zu Zeit auch für ungarische Blätter. Nach der Art und Weise, wie Horn von Seite der österreichischen Machthaber behandelt worden war, wird es Jedermann begreiflich finden, daß sein Herz von unauslöschlichem Hasse erfüllt war gegen diejenigen Leute, die nicht nur seinem Baterlande die Verfassung und Freiheit geraubt, sondern auch ihn persönlich, wo sie nur konnten, mit den erbärmlichsten Mitteln schwer geschädigt hatten. In den Jahren 1859 und 1860 führte nun Horn einen förmlichen literarischen Krieg gegen das absolutistisch-centtalistifche Oesterreich. An der Hand der Geschichte wies er nach, welch schweres Unrecht Oesterreich an unserem Baterlande begangen, und die Erinnerung an die Leiden seiner eigenen Vergangenheit verlieh in diesen Flugschriften der Feder des sonst so ruhigen Mannes der Wissenschaft einen Schwung und eine Schärfe, deren ihn ftüher Niemand für fähig gehalten hätte. Die gegen Oesterreich gerichteten ftanzösischen Broschüren Horn's, welche Schlag auf Schlag erschienen, und denen er in der englischen wie in der deutschen Presse ein kräftiges Echo zu verschaffen wußte, werden für alle Zeiten ihren Platz in der Geschichte jener Tage behaupten, und sie fielen um so schwerer ins Gewicht, je größer die Anerkennung war, welche Horn's national-ökonomische Tüchtigkeit ihm persönlich verschafft hatte. Die ftanzösische ,.8oci6te deconomie“, die von Chevalier 1860 gegründete „Sociöts de siatistique“ nahmen Horn sofort unter ihre Mitglieder auf; die unter Lord Russell's Präsidium stehende „Society of Statistics in London ernannte ihn „in consickeratiov of the eminent Services rendered to Statistical science“ („in Anbetracht seiner der statistischen Wissenschaft geleisteten ausgezeichneten Dienste", zum Ehrenmitgliede. So kämpfte er durch seine politischen Schriften direct für Ungarns Recht, Lurch seine tüchtigen wissenschaftlichen Arbeiten indirect für Ungarns Ehre, indem er mit seinem Namen die nicht allzu große Anzahl derjenigen Ungarn vermehrte, die, wenn es sich um hohe wissenschaftliche Leistungen handelt, auch im Auslande stets mit Achtung genannt werden. Zu Anfang des Jahres 1869 kehrte Horn in sein Vaterland zurück. Was er hier gestrebt und gewirkt, lebt noch in unser Aller Erinnerung. Das Blatt, in welchem diese Zeilen erscheinen, war mit der politischen Richtung Horn's in Vielem nicht einverstanden; allein es hat dem tüchtigen Berufsgenoffen jederzeit bereitwillig seine Spalten geöffnet, so oft derselbe die Früchte seiner national-ökonomischen und finanziellen Studien einem größern Leserkreis vorlegen wollte, und keine Meinungsverschiedenheit vermochte unser Urtheil über den Mann zu trüben, dem kein Unbefangener die Anerkennung versagen konnte, daß er, unter den mißlichsten Verhältnissen und mit den größten Schwierigkeiten kämpfend, muthig ausharrte im Dienste der Freiheit und der Wissenschaft, daß er ein ernster Mann war, der noch mit ergrauendem Haare den Kampf für Ideen begeistert zu führen wußte. Wir Alle, die wir den unteren Schichten des Volkes entstammen, die wir von Jugend auf Tag und Nacht arbeiten und oft genug mit Noch und Elend kämpfen mußten, in der Hoffnung, uns endlich doch eine halbwegs erträgliche Existenz zu begründen, und vielleicht auch durch eine, wenngleich nur bescheidene öffentliche Thätigkeit einigen Anspruch auf die Anerkennung unserer Mitbürger zu erwerben, — wir Alle stehen heute tief erschüttert an dem entseelten Leichnam Eduard Horn's und eine düstere Frage steigt in unserer Seele auf. die uns kein sterblicher Geist zu beantworten vermag. Fünfzig Jahre hat der Verblichene mit allen Widerwärtigkeiten des Lebens gerungen; unter unsäglichen Mühen mußte er sich von Stufe zu Stufe emporarbeiten; endlich, fast schon im Spätherbste des Lebens, schien er dem Ziele ganz nahe gekommen zu sein; er, der vor einem halben Jahrhunderte in einem kleinen ungarischen Städtchen als armes Judenkind das Licht der Welt erblickte, hatte nun eine der höchsten Würden in seinem Baterlande erlangt; er war Staatssecretär im Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten; — nachdem er auch schon.ftüher Jahre lang dem Parlamente angehött, ging neuestens auch der sehnlichste Wunsch seines Herzens in Erfüllung: der volkreichste Bezirk der Hauptstadt hatte ihn mit bedeutender Majorität zu seinem reichs- 41*