Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 47 (16.11.1875)
- Date
- 1875-11-16
- Page
- Seite 757 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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757 2^ eihutcj 6 iicxc &t ew. Deutschland. Magdeburg, im October. (Privatmitth.) Die vor einigen Jahren Hierselbst gestiftete israelitische Wittwen- und Waisen- Unterstützungscaffe erfteut sich eines anerkenneuswerthen Wachsthums. Die Mitgliederzahl hat sich in dem Zeitraum vom l. October 1874 bis 30. September 1875 um 20 vermehrt, so Laß sie jetzt 141 beträgt. Es wurden 7 Wittwen unterstützt mit zusammen 14 Kindern, und außerdem 3 Waisen in bez. Anstalten unterhalten. Demungeachtet stiegen die Fonds des Vereins von 16,659 Markaus 18,103. So kann dieser Verein zum Vorbild und zur Anregung für viele Gemeinden dienen, in welchen ähnliche Verhältnisse noch keine Befriedigung gefunden haben. Köln, 2. November. «Privatmitth.) Gestern Abend ist mit großer Majorität vr. Frank aus Linz zum Rabbiner von Köln gewählt worden. Die Wahl ist gegen den Willen der Orthodoxen ausgefallen und hat der entschiedenste Vorkämpfer dieser finstern Richtung im Vorstande gleich seine Demission eingereicht. Vom Rhein, 4. November. (Privatmitth.) Ein neuerliches Ergebniß führt die Aufmerksamkeit noch einmal auf die Schmähartikel der ultramontanen Blätter gegen die Juden zurück. Der Hauptvorwurf, den jene gegen die letztern in allen Tonarten wiederholten, waren bekanntlich der, daß die Juden mit Geringschätzung der redlichen aber mühevollen Arbeit nur durch alle leichten, wenn auch betrügerischen Mittel sich zu bereichern strebten. Wir wollen diese in ihrer Allgemeinheit lächerliche Behauptung nicht etwa widerlegen, sondern nur auf eine Thatsache Hinweisen, welche die schwarzen Herren doch verhindern möchte auszurufen: „Ich danke Dir, Gott, daß ich nicht bin wie dieser einer!" Nach den Erhebungen der Magdeburger Feuerversicherung ist es jetzt constarirt, daß die großen Brände, welche im vorletzten Monate die fromme Bischofstadt Paderborn verheerten, durchaus nicht ein „Gericht Gottes" waren — wie sollte das auch gerade seine klerikalen Auserwählten treffen? — sondern sorgfältig angelegt, um die Versicherungen und dazu noch die öffentliche Mildthäligkeit zu brandschatzen! Ruchlose Hände hatten sogar die Spritzenschläuche durchschnitten, um die Rettung zu verhindern; einer dieser Verbrecher ist bei offener That ertappt und abgefaßt worden. War diese schwarze Heerde bei solchem Thun etwa auch in redlicher und mühevoller Arbeit zur Gewinnung des täglichen Broces begriffen? Findet sich also nicht allein unehrliche , sondern sogar verbrecherische Geldgier auch bei den Schafen des ultramontansten aller Bischöfe, des verfioffenen Martin? Es ist dieses paderborner Ereigniß wieder eine hübsche Illustration zu der schon in Bayern längst beobachteten Thatsache, daß, je ultramontaner eine Gegend ist, desto höher die Zahlen der Berbrecherstatistik anschwellen. Uebrigens können wir constatiren, daß' sich dieses Mal jdie öffentliche Meinung nicht durch eine falsche Sentimentalität zu Gunsten der klerikalen Brandstifter hat irre leiten kaffen: die Sammlungen für die Paderborner haben verhältnißmäßig nur ganz unbedeutende Summen ergeben! Homburg v. d. H., Anfangs November. (Privatmitth.) Die von unserer Regierung in Aussicht gestellte Verordnung über Wahl unseres Cultusvorstandes nach preußischem Recht, ist bis jetzt nicht erschienen. Die Acten über die Ihnen geschilderte, unter Vorsitz eines Regierungscommiffärs stattgehabte Gemeindeversammlung, scheinen gut gebettet in Berlin zu ruhen. Man har dort jetzt Wichtigeres zu thun. — Inzwischen har hier ein überraschendes Nachspiel stattgefunven, wodurch sich die Sachlage bedeutend veränderte. Der bisherige Rabbiner, Herr S. Fromm, hat seine Demission eingereicht. Er scheidet von hier, um eine seither schon von ihm mitversehene Privatstelle im Hause eines unserer größten und orthodoxesten Finanzmänner «W. v. R.) nunmehr ganz und ungestört anzunehmen. — Wohl kann man von dem scheidenden Rabbinen in Wahrheit sagen, daß er ein braver, gefälliger, uneigennütziger und wohlthätiger Mann war. Jedoch, um an der Spitze einer Gemeinde zu stehen, genügen diese Tugenden nicht. Man muß auch für die Anforderungen einer neu heran gebrochenen Zeit ein aufmerksames Auge und Ohr haben. Aber davon wollte unser durch Umgang, Familienbande unv wohl auch durch eigene Neigung der strengsten Orthodoxie aufrichtig zugethaner Rabbiner nichts wiffen. So blieben die alten unästhetischen Formen beim Gottesdienste :c., zur Verwunderung hierherkommender Fremden bestehen, renn jeder Brauch ward als ein heiliger, jede rabbinische «d. h. menschliche) Satzung als unantastbar angesehen, wodurch namentlich der jüngere Theil der Gemeinde sich höchst unbefriedigt fühlte und sich immer mehr zurückzog. — Wie verlautbart, will nun der noch sactisch bestehende, aber um zwei Mitglieder verminderte CulmSvorstand, die erledigte Stelle ausschreiben. Wird derselbe mit Takt unv Umsicht Vorgehen und bei der Wahl eines solchen Beamten auch noch die geeigneten Männer aus der Gemeinde zur enscheidenden Berathung hinzuziehen, — so ist hiergegen trotz aller Bedenken und Zweifel keine Opposition zu machen. Nur darf er nicht in den nahen frommen Dissicentengemeinren «Frankfurt, Mainz» seine Ideale suchen, nicht bloß auf einen Mann sehen, der der strengen Orthodoxie angehört und viel rabbinisches Wiffen besitzt, sondern auf einen Mann, der ein praktisch bewährter Schulmann ist, der seineZeit versteht und uns nach innen und rußen Ehre macht. — Es gilt nun bei dieser für unse Gemeinde so folgenschwere Wahl scharf aufzupaffen, daß der richtige Weg eingeschlagen werde, das Gute zu unterstützen, das Böse abzuwehren, und wenn nöthig den alten sieg-