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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-16 · Heft 47 (16.11.1875) · p. Seite 756

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 47 (16.11.1875)
Date
1875-11-16
Page
Seite 756 (sequence 4)
Language
German
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Hospital der protestantischen Missionen, wo fast ebenso viele israelitische Kranke als im Hospital Rothschild ausgenommen werden. Man berechnet, daß diese beiden Anstalten, sowie das Biccur Cholim und Andere 66,000 Israeliten jährlich aufnehmen, was im Verhältniß zur Einwohnerzahl pro Person 5 Aufnahmen bedeutet, eine erschreckende Zahl, die sich nur dadurch erklären läßt, daß Viele gewohnheitsmäßig aus Armuth unter dem Vorwand einer Krankheit das Hospital aufsuchen, lediglich um in demselben einige Tage verpflegt zu werden. Sir Moses Montefiore hat für das Wohl von Jerusalem viel gethan; sein Name ist in Aller Munde, man nennt ihn mit der tiefsten Dankbarkeit und religiösesten Verehrung. Das Unglück von Jerusalem und Palästina ist der Bettelstand, der durch die vom Auslande gesandten reichen Almosen ermuthigt wird. Bekanntlich besteht dort für Bertheilung der Almosen eine vollständige Verwaltung, die ihre festen Regeln hat; dieselbe übt, da sie Einzelne von ihrer Vertheilungsliste streichen kann, eine sehr große Macht aus, die in gewisien Fällen sich als Zwangsmittel und als ein Hinderniß für den Fortschritt erweist. Den größten Theil der nach Palästina geschickten Summen erhalten die Aschkenasim; man berechnet, daß jede Person im Durchschnitt 100 bis 150 Fr. jährlich erhält, was etwa die Hälfte deffen ausmacht, was sie zum Leben braucht. Die Sefardim, die weniger erhalten, sind auch weiter fortgeschritten und besitzen mehr Initiative, Arbeitslust und Bildung. Im Ganzen belaufen sich die nach Palästina gesandten Summen auf 750,000 bis 1,000,000 Fr. jährlich. Wie viel Gutes könnte nicht dort mit diesem Gelde geschaffen werden, wenn es nützlicher verwendet würde! Gegenwärtig wird damit nur der Bettel ermuthigt und die persönliche Thätigkeit verhindert; weit entfernt, hierdurch die Armuth zu beseitigen, schafft man dieselbe vielmehr und verbreitet sie; die Zahl der Personen, welche die Chalucca empfangen, hat sich seit 9 Jahren verdoppelt. Die Rabbinen, die Paschahs, die Juden, die Mohammedaner und Christen schlagen einstimmig folgende Hauptmaßregeln zur Verbefferung der Lage vor: 1. Allmälige Beseitigung der Chalucca, die nur den Greisen und Schwachen bewilligt werden darf; 2. Unterstützung der Ackerbauversuche der Sefardim und der von der Alliance gegründeten Ackerbauschule zu Jaffa, in der die Jugend für die Lanvwirthschaft herangebildet wird und die für künftige lancwirthschaftliche Unternehmungen die besten Aussichten bietet. 3. Unterstützung des Handwerksunterrichts u. des Handwerks. 4. Stiftung einer Darlehnscaffe für Arbeiter, Meister und Kaufleute. 5. Stiftung einer Industrieschule. 6. Stiftung eines Baufonds zur Errichtung von Wohnhäusern, da die Miethspreise ungeheuer hoch sind und leicht herabgesetzt werden könnten. Diese Maßregeln würden die Israeliten von Palästina erheben und den Israeliten anderer Länder Ehre machen. Man bedenke, daß die Armuth von Jerusalem, wie sie jetzt beschaffen ist, seit 60 bis 70 Jahren datirt, und daß, wenn man dieses Uebel zu heilen suchen will, das auf jeden Israeliten, welchem Lande er auch angehören möge, den peinlichsten Eindruck machen muß, der gegenwärtige Moment ganz besonders günstig zu sein scheint. Mehr als ein hervorragender Besucher von Jerusalem kommt mit den Juden nirgends sonst als in Palästina in Berührung, und der Eindruck, den er hier von ihnen empfängt, ist nichts weniger als angenehm." Wir gestehen offen, daß wir die Verwirklichung obiger Rathschläge theils für nicht möglich, theils für nicht sehr wirksam erachten, selbst nach der mit schonender Hand entworfenen Schilderung res Herrn Montagu. Die Ursachen aller Uebelstänre sind erstens, daß die überwiegende Mehrheit von Almosen lebt und zweitens, daß diese bettelhafte Bevölkerung fortwährend im Wachsthum ist, so daß sie sich, wie oben bemerkt, in 9 Jahren verdoppelt hat. Nun, läßt sich der Zusendung von Almosen aus Europa und Amerika ebenso wenig Stillstand gebieten, wie dem Zuzuge der auf die Almosen speculirenden Bettler aus Rußland und Oesterreich. Man kann leicht sagen, die Chalucca d. i. die Bertheilung der Almosen soll allmälig aufgehoben werden. Wovon sollen die a/io der einmal dort befindlichen Juden leben? und wer soll die Chalucca aufheben, so lange die Gelder zufließen? Wer will und kann diese Regelung almaliger Abnahme in die Hand nehmen? Können also die eigentlichen und wesentlichen Quellen dieser Zustände nicht verstopft werden, so kann dem Uebel durch alle kleinen Palliativmittel nicht abgeholfen werden. Man sehe doch, wie, wenn ein Nothstand durch Dürre, Seuche oder dgl. eintrirt, sofort auch der Nothruf in Europa erschallt, und überall reichliche Sammlungen veranstaltet werden, welche bedeutende Summen nach Jerusalem schaffen. Daffelbe würde eintreten, wenn von irgend einer Seite her die Chalucca auch nur theilweise verhindert würde. Hierzu kömmt nun endlich, daß die Zeloten, welche durch die Chalucca in der Herrschaft erhalten werden, alle civilisatorischen Mittel zu hintertreiben wiffen und vermögen: Industrie- Handwerkschulen u. dgl. anzulegen, sind vernünftige Vorschläge; nur werden sie dort sehr beschränkte Wirkungskreise haben, gerade wie die Ackerbauschule sehr segensreich ist, aber gerade für die Bewohner von Jerusalem völlig unwirksam bleibt, wie Herr Montagu selbst berichtet hat. Wir stehen hier vor einem völligen Ausnahmezustand, und halten das Problem für unlösbar.

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