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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-16 · Heft 47 (16.11.1875) · p. Seite 755

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 47 (16.11.1875)
Date
1875-11-16
Page
Seite 755 (sequence 3)
Language
German
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755 Fügen wir noch einige allgemeine Bemerkungen hinzu. Der jüvische Stamm war und ist seiner ganzen geschichtlichen Stellung nach auf die Cultur angewiesen. Er existirt nur durch sie. Da, wo nur noch einige Funken derselben vorhanden sind, erhält er sein Dasein, (und wo sie ganz erlöschen, erlischt auch er. Die orientalischen Länder liefern dafür den Beweis. Er hat sie fast ganz verlaffen, nachdem die Cultur sie verlaffen, und sobald diese, wenn auch langsam und in weiten Etappen nach jenen zurückkehrt, richten sich die geringen Reste des jüdischen Stammes daselbst wieder auf. Nordamerika, die Türkei und Persien geben uns hierfür die thalsächlichen Erweise. Warum? Weil die Cultur gleichbedeutend mit der Herrschaft des Rechtes ist; das Recht eben darin besteht, daß dem Schwachen dasielbe gewährt und vertheidigt wird, wie dem Starken. Der Jude gehört zu den Schwachen; er wird unter- und erdrückt, wo nicht das Recht, sondern die Gewalt, die brutale despotische Gewalt nicht blos in der Wirklichkeit, sondern in der ganzen Anschauung des uncultivirten Volkes herrscht. Mil der Cultur zieht das ihr gleichbedeutende Recht ein, und unter dem Schutze des Rechtes erhalt auch der Jude die Freiheit der Bewegung und Entwickelung. Hieraus geht aber auch der Beweis für die Befähigung und bas Bedürfniß des Juden für die Cultur hervor. Er benutzt sofort die ihm geworbene Freiheit der Bewegung und Entwickelung, um sich der Bildung, der Zeit und des Volkes zu nähern, sie sich anzueignen und in ihr Stellung zu nehmen. Wer diesen Proceß neuerdings beobachten will, hat die Gelegenheit dazu in Algerien, worüber wir in Nr. 45 das Urtheil eines unparteiischen Franzosen gegeben haben. Darum sind auch die Juden überall auf den äußeren und inneren Frieden der Völker angewiesen. Sie kämpfen getreulich, als Söhne des Vaterlandes, desien äußere und innere Kämpfe mit. Aber ihrer geschichtlichen Lage, ihren daraus entwickelten Verhältnisien und ihrer auf diesem Wege geschaffenen Natur entspricht wesentlich der Friede. (Fortsetzung folgt.) Palästina. Je heiliger und weihevoller der Name Jerusalem in unsrer Seele wiederklingt, desto trübseliger ist der Gedanke, der sich an die Zustände der jüdischen Bewohner dieser, allen civilisirten Völkern geheiligten Stadt knüpft. Seit vier Jahrzehnten ist in den europäischen Juden das Bewußtsein dieser schmählichen Verhältnisse erwacht; seit ebenso langer Zeit find Bemühungen um die Verbefferung dieser Lage an der Tagesordnung gewesen, ohne daß jedoch alle Anstrengungen und Opfer irgend welche wesentliche Veränderung erwirkt hätten. Dabei kann man nicht einmal einwenden, daß die dortigen Juden besonderem Druck und Beschränkungen unterworfen seien. Die türkische Regierung behandelt die jüdische Bevölkerung Jerusalem mit aller Milde, und seit langer Zeit ist uns kein Fall erinnerlich, daß Juden in der h. Stadt mißhandelt worden. Als daher von London bekannt gegeben wurde, daß ein ehrendes Andenken für Sir M oses Montesiore durch die Sammlung eines Fonds hergestellt werden solle, der zum Vortheil der jüdischen Bevölkerung Jerusalems und Palästinas überhaupt zu verwenden wäre, und zwar so, daß davon durchaus kein Almosen gewahrt, sondern die Verbefferung und Hebung der Lage der dortigen Juden erwirkt werden solle: verhehlen wir uns nicht, daß damit dem hochverehrten Greise eine sehr schwierige, nach den gegebenen Verhältniffen gegenwärtig vielleicht unlösbare Aufgabe gestellt worden sei. Sir Moses reiste zur bessern Information noch einmal, trotz seiner neunzig Jahre, nach Jerusalem und gelangte unter Gottes Schutz glücklich wieder in der Heimath an. Allerdings ist uns noch kein Bericht über die Resultate dieser Reise, keine Mittheilung über die nunmehrigen Absichten und Entschlüffe des Sir Moses zugekommen. Unterdeß aber liegt ein Bericht des Herrn Samuel Montagu aus London vor, der über seine in Palästina angestellten Untersuchungen unparteiische Mittheilungen veröffentlicht hat. Wir geben aus diesen den Theil, welchen die Alliance in ihrem letzten Monatsbericht hervorgehobev hat. Neues ist zwar nicht darin enthalten, aber es werden die Thalsachen prägnant zusammengeftellt. Es heißt: „Die israelitische Bevölkerung von Jerusalem scheint circa 13,(MH) Seelen zu zählen, worunter 7000 Aschkenasim und 0000 Sefardim sind.J) Der größte Theil der Erstgenannten ist erst in neuerer Zeit hingekommen , aus Polen, Oesterreich und Deutschland) und lebt von der Wohlthätigkeit. Die Sefardim sind größtentheils dort geboren und scheinen auf einer etwas höheren Bildungsstufe als ihre Glaubensgenoffen des anderen Ritus zu stehen. Etwa 10 pCt. rer Familienhäupter sind Handwerker (Schneider, Schuhmacher :c.) oder halten offene Läden und treiben Handel. Das Handwerk wird dort sehr schlecht bezahlt, und wer ein solches erlernt hat. verliert schnell die Lust dazu und nimmt schließlich zum Almosen seine Zuflucht. Kein Aschkenasi treibt Ackerbau, wenn nicht etwa in der von der Alliance gegründeten Ackerbauschule zu Jaffa. Die Kinder der Aschkenasim lernen nur Hebräisch; ihre Eltern würden, wenn sie ihnen eine höhere Erziehung geben wollten, Gefahr lausen, aus den Index gestellt und von jeder Theilnahme an der Geldvertheilung ausgeschloffen zu werden. Die Kinder der Sefardim erhalten einen etwas befferen Unterricht, zu dem jedoch weder Geschichte, noch Geographie, noch selbst Rechnen in irgend hinreichendem Maße gehört. Dennoch haben die von den Europäern oder den dortigen Einwohnern selbst gegründeten Anstalten eine Besserung herbeigesührt. An erster Stelle muß das Hospital Rothschild erwähnt werden, das sehr große Dienste leistet; sodann das 1) Diese Zahlen sind nach den Angaben anderer Reisenden zu hoch gegriffen. Redaction. 47*

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