Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 47 (16.11.1875)
- Date
- 1875-11-16
- Page
- Seite 754 (sequence 2)
- Language
- German
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das Gesetz der Synagoge, Bewahrung des Charakters als Fremde u. s. w. Mit diesen Aussprüchen war selbst von Seiten der religiösen Autoritäten der Weg zur Theilnahme an der allgemeinen Cultur geöffnet, geebnet, ja geradezu dem Volke vorgezeichnet. Wiederum konnten solche entscheidende Gebote nur aus dem Wesen des Volkes selbst hervorgehen, und dürfen nicht etwa als willkührliche Aussprüche eines einzelnen erleuchteten Geistes angesehen werden. Die geschichtlichen Thatsachen sprechen denn auch genügend dafür. Kaum in das babylonische Leben eingetreten, vereinigte sich das jüdische Element mit dem einheimischen dermaßen, daß einerseits ein mächtiges Parteileben entstand mit wechselnden Machlchancen, wovon uns das Buch Daniel überraschende Andeutungen giebt, und uns einen Kamps der jüdischen und der heidnischen Anschauung selbst in den höchsten Staatsregionen erkennbar verräth, daß andererseits nur ein geringer Bruchtheil des jüdischen Stammes zur Rückkehr nach Palästina sich entschloß, als ihm diese von CyruS freigestellt ward. Es zeigt dies doch hinreichend, wie sehr der größere Theil der Weggeführten in dem kurzen Zeitraum eines halben Jahrhunderts mit dem Lande und Volke, dahin sie gekommen, bereits verwachsen war. Ebenso unverkennbar ist der Einfluß, den der Aufenthalt unter den Chaldäern nicht blos auf Sprache und Sitte des Volkes, sondern auch auf den Geist der jüdischen Schriftsteller übte, wie uns Jecheskel, Secharja I! und Daniel erweisen. Jemehr aber die Juden durch die Siegerzüge der Macedonier und der Römer in das damalige allgemeine Völkerleben hereingezogen und durch Colonisation zum Theil nach fremden Ländern verpflanzt wurden, desto mehr öffneten sie sich dem Einfluffe derselben und suchten ihrerseits wieder auf die Völker zu wirken. Will man einen stärkern Beweis hierfür haben, als daß sie ihre eigene Sprache als Volkssprache ausgaben, fremde Sprachen annahmen und das Hebräische im eigenen Lande nur zur Gelehrtensprache machten? Ja, selbst dies erhielten sie nicht aufrecht, und während die Mischna noch in hebräischer Sprache verfaßt ward, ist die Gemara in aramäischer, mit vielen fremden Elementen durchquickter Sprache geschrieben. Andererseits machte sich in Palästina, noch mehr aber bei allen auswärtigen Juden die griechische Sprache heimisch. Nicht blos die h. Schrift, sondern auch viele andere hebräische Werke wurden in's Griechische übersetzt, und bald entstand eine jüdisch-griechische Literatur, deren Ueberreste selbst einen bedeutenden Umfang einnehmen. Die Juden schrieben nicht allein in Alexandrien, sondern selbst in Rom griechisch. Es lag in der gewaltigen Gährung, besonders auch in dem baldigen Auftreten des Christenthums, dem Heidenthume gegenüber die Ursache, daß die Juden in Rom sich zwar bürgerlich mit der übrigen Maffe verschmolzen und z. B. in viele öffentliche Carrieren, wie die Ausschließungsbecrete der christlichen Kaiser unzweideutig erweisen, eintraten, geistig aber weniger. Denn bald trat das religiöse Moment an die Stelle aller Literatur und' Kunst, und in diesem konnten und durften die Juden nicht ttachgeben. — Ein gleiches Schauspiel bot die arabische Welt. Waren schon als die arabischen Stämme noch in ihrem Mutierlande saßen, die Juden diesen sehr nahegetreten, so daß die geringen Ueberreste aus der vormohammedanischen Zeit uns mehrere, von den Arabern gefeierte jüdische arabische Dichter nennen und in einigen Versen erhalten haben: so sehen wir nach der schnellen und ungeheuren Verbreitung der arabischen Herrschaft und im Aufschwung des arabischen Geistes Juden als bedeutende Glieder dieser Entwickelung erscheinen. Sie waren es, die zunächst die Schriften griechischer Philosophie und Wissenschaft den Arabern vermittelten und durch eigene Schriftwerke in arabischer Sprache an dem geistigen Fortschritt mit arbeiteten; noch mehr, die bedeutendsten Rabbiner und jüdischen Gelehrten verfaßten viele ihrer, theologischen Schriften von erstem Range in arabischer Sprache, so daß sie erst nachträglich in's Hebräische übersetzt werden mußten. Es ist demnach genügend erwiesen, daß bei der verhältnißmäßig größern Freiheit und Zugänglichkeit, welche die arabische Welt den Juden gewährte, diese eine sehr bedeutende Expansionskraft entwickelten und in äußeren wie innerlichen Momenten der allgemeinen Cultur mit ihrem ganzen Wesen anhingen. — Von dieser Freiheit und Zugänglichkeit war rn der christlichen Welt für die Juden nichts vorhanden. Sie drückte vielmehr diese auf's Aeußerste zurück und verwies sie in so strenger Weise auf sich selbst, bis sie zuletzt gegen alles äußere Leben gleichgültig und indolent wurden. Kaum hatten die Spanier die arabische Herrschaft aus ihrer Halbinsel verdrängt, als sie die Juden aus derselben verbannten. Dennoch trugen diese das Andenken an ihr ehemaliges Vaterland mit sich dahin, wo ihnen eine Ruhestätte gewährt ward. Noch in Holland verfaßten Juden spanische Schriften, und der Geist, der in ihnen geweckt und gepflegt 'war, vermochte noch einen bahnbrechenden Genius, Baruch Spinoza, aus ihrem Schooße hervorzubringen. Nicht minder haben wir in Italien eine Anzahl jüdischer Schriftsteller in der Sprache der appeninischen Halbinsel. — Kaum aber lüfteten sich die Fesseln ein wenig, als auch der jüdische Genius seine geistigen Bande sprengte und mit einer überraschenden Schnelligkeit sich im allgemeinen Culturleben Raum schuf. Es wäre sehr überflüssig, wollten wir hier den Forffchritt der jüdischen Masse auf den Wegen der Cultur seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts und ihren bald errungenen Antheil an dem Culturleben der Menschheit schildern. Ist es doch bezeichnend, daß einer ihrer ersten Vertreter sofort Schriften verfaßte, welche nicht allein auf die Muttersprache bildend einwirkten, sondern auch in alle moderne Sprachen übersetzt wurden. lPhädon von Mendelssohn.) — Dafür, daß dies eine Befähigung und ein Bedürfniß des ganzen jüdischen Stammes ist, spricht unzweideutig, daß in al le n Culturlänvern dasselbe der Fall war, sobald ihnen die Annäherung nicht mehr behindert ward. So haben wir z. B. auch in russischer Sprache gegenwärtig jetzt sehr tüchtige jüdische Federn in Thätigkeit.