Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 47 (16.11.1875)
- Date
- 1875-11-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Au-enthums. Ein unparteiisches Organ sür alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bi« 2 V-j Bogen. Preis Herausgezeben von 3n rrdactionellen Angelegenheiten wende man sich «Dt. i. Philinpso« in Bonn; hinsichtlich de» Bezug« und der Jnseratean«a»mgilr1ner'«Sachl>atiblu»y inLeipzig. Inserate, weiche di« voanrra- \ t«9 eingebru. finde» in bet :arauffolgm» j den Nummer Brrückfichligung. | SBiertdiäbri« 3 'Atari. Inserate werden mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Llle Buchbaudlnnge», Postämter und Zeitung». Expeditione» nehme» Bestellungen an. Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baomgärtuer's Buchhandlung iuLerpM- Beilagen werden mit l Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 39. Jahrgang. Leipzig, den 16. November 1875. j\r 47. Zubatt. Leitende Artikel: Die Juden und die Cultur. ll. — Palästina. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Magdeburg, Köln, Vom Rhein, Homburg v. d. H. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Schweiz: St. Gallen. — Türkei: Rustschuk. — Rußland: Odessa. — Feurlleto»: Eduard Horn. — Correfpondcn;: Aus dem Braunschweigischen. —Vermischtes. teilende <3Lxh&eL Bonn, 10. November. Die Juden und die Cultur. 1J. Weil der jüdische Stamm während zweier Perioden seiner Geschichte isolirt, von der allgemeinen Cultur entfernt und nur der Entwickelung seiner eigenen Culturmomente lebte, hat man ihm lange Zeit die Befähigung und das Bedürfniß für diese allgemeine Cultur abgesprochen. Es prägte sich dies theils in Aussprüchen des Haffes aus, wie sie uns so bezeichnend aus dem Munde Hamans berichtet werden und selbst aus der Feder eines Tacitus erhalten blieben, als ob die Juden feindselige Gesinnungen gegen das ganze übrige Menschengeschlecht hegten, theils in langgenährten Voruriheilen, welche, wie noch bei R6nan, wenigstens in der Behauptung sich gefielen, daß der jüdische Stamm keine bahnbrechenden Geister hervorgebracht. Der geschichtlichen Wahrheit entbehren alle diese Ansichten. Die erste jener Perioden war die, in welcher das jüdische Volk in seinem Binnenlande — denn der ihr zugehörige kurze Küstenstrich war fast ohne Hafen — lebte, abgeschlossen innerhalb seiner Grenzen, weder durch Ströme, noch durch große Karavanenstraßen mit der übrigen Welt verbunden, viele Jahrhunderte nur in Berührung mit den wenig cultivirten kleinen Nachbarvölkern, später im Kampf mit den großen Despotien um sein Dasein und gerade durch seine eigenen Lebensmomente in den Gegensatz zur damaligen Welt gestellt. Es wuchs überhaupt aus dem langen Zeiträume hervor, während dessen die Völker vereinzelt ihr Culturleben führten, und z. B. die Egypter und Inder zu einer hohen Stufe der Civilisation sich erhoben, ohne mit anderen Nationen in Verbindung zu stehen. Die zweite Periode der Jsolirung war für die Juden die, in welcher man sie ihnen aufzwang, wo man sie in den Ghetti internirte. wo man sie vom Grundbesitz, zünftigem Gewerbe, wozu auch der geordnete Kaufmannsstand gehörte, von den Schulen und Lehranstalten und von jeder öffentlichen Wirksamkeit sorgsam ausschloß. Beide Perioden beweisen daher nichts gegen seine Befähigung und sein Bedürfniß für die Cultur. Diese konnten sich erst erweisen, als eine engere Verbindung mit den übrigen Nationen eingetreten und zum zweiten Male als jener Zwangszustand aufhörte. Und fürwahr, da ergaben sich bald ganz andere Resultate. Als die Judäer nach Babylon versetzt, also mitten unter die Völker eingetreten waren, da rief ihnen der Prophet zu (Jerem. 29, 5): „Bauet Hauser und wohnet darin und pflanzet Gärten und verzehret ihre Frucht und suchet das Heil der Stadt, wohin ich Euch geführt und flehet für sie zum Ewigen, denn in ihrem Heile wird Euch Heil sein." Die Weggeführten sollten also unbedingt an dem bürgerlichen und politischen Leben der Völker theilnehmen, und zwar mit ganzer Seele und Kraft, so daß selbst ihre religiöse Empfindung davon erfüllt sei. Und an den Eingang zur gänzlichen Zerstreuung unter allen Völkern schrieben die talmudischen Weisen das Wort: vina «lemalchuiha Dina, d. h. das Gesetz des Staates ist Gesetz, also gültig und rechtskräftig auch für die Juden. Dies klingt doch ganz anders als Feindseligkeit, Abschließung, Verachtung des Staatsgesetzes, Unterordnung des letzteren unter