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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-09 · Heft 46 (9.11.1875) · p. Seite 749

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 46 (9.11.1875)
Date
1875-11-09
Page
Seite 749 (sequence 13)
Language
German
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749 solchen Figuren gemißbraucht werben, so muffen wir hinzufügen, daß dies allerdings nur in der deutschen Literatur der Fall ist. In der französischen z. B. kommt dies nur selten vor. Wir erinnern an Balzac, der einen Prinzen sich als Juden verkleiden läßt, um als solcher die Liebe einer Prinzessin zu wecken und sich so zu überzeugen, daß diese Liebe seiner Person, nicht aber seinem Range gelte. Er rüstet also jedenfalls seinen Juden mit solchen Eigenschaften aus, welche selbst das Borurtheil einer Prinzessin zu überwinden vermögen. Erst einem Galizier war es überlaffen, auch in die französische Literatur die verzerrten Bilder seiner heruntergekommenen Landsleute, Polen wie Juden einzuführen. Die englischen Belletristen bedienen sich zwar auch zuweilen jener jüdischen Typen, aber sie sorgen meist dafür, edle Züge hineinzumischen, welche für die angebichteten Gebrechen entschädigen. Glauben wir auch nicht, durch diese Charakteristik die Herren von der novellistischen Feder zur Umkehr zu bringen, so scheint es uns doch immerhin nicht unwichtig, sie auf ihre Mängel und Schäden aufmerksam zu machen, und sie vielleicht zu veranlaffen, wenn sie einmal der Juden zu ihren romantischen Bildern zu bedürfen meinen, diese wenigstens bester zu studiren und kennen zu lernen. Sie würden sich dadurch selbst großen Nutzen schaffen, denn — keine Dichtung ohne Wahrheit! Ein Stillleben aus den zwanziger Zähren. Adolph Stahr giebt in „Westermann's Monatsheften" Lebenserinnerungen „Aus der Jugendzeit". Wir finden darin eine kleine Schilderung, die wir treffender Züge wegen hier wiedergeben. In den Jahren von 1820—25 besuchte Stahr das Gymnasium zu Prenzlau und schloß hier enge Freundschaft mit einem Mitschüler. Er erzählt nun: „Er hieß Davidson und war der älteste Sohn des jüdischen Cantors an der Synagoge der Prenzlauer Judengemeinde, welche schon seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts sich in der Stadt gebildet hatte. Seine Neigung und Begabung für die Wiffenschaften hatten die Eltern bestimmt, seinem glühenden Wunsche nachzugeben, und ihn, wie man es nannte, „studiren" zu laffen. Das war in jener Zeit bei den Juden bedeutend seltener der Fall als jetzt, zumal bei den ärmeren, zu denen seine Familie gehörte. Da die damaligen Verhältniffe sie von allen anderen Fachern als dem der Arzneiwiffenschaft ausschloffen, so hatte er sich für diese bestimmt, obschon seine Neigungen ihn zur Philologie und Literaturgeschichte zogen, und ihm eine künftige Wirksamkeit als Lehrer an einem Gymnasium oder einer Universität, wie ich selbst sie mir zum Ziele meiner Studien gesetzt hatte, als höchst wünschenswerth erscheinen ließen. Seine oft wiederholten Klagen über dies ihm Versagte hatten für mich etwas Rührendes, und die mancherlei Anfechtungen und Hänseleien, die er — der einzige Jude unter uns in den beiden obersten Claffen des Gymnasiums — seiner Nationalität wegen zu erleiden hatte, bestärkten meine Theilnahme und Freundschaft für den ebenso intelligenten und begabten als fleißigen und strebsamen Jüngling, der zugleich alle meine eigenen wißenschaftlichen und poetischen Neigungungen theilte, und der sich mir um so enger anschloß, je mehr er außer mir unter seinen Schulgenoffen allein stand." „Von diesem meinem Verhältniffe zu ihm datirt meine spätere lebhafte Theilnahme an der Lage seiner Volksgenoffen und an den Bestrebungen für die Hinwegräumung der beengenden Schranken, von denen sie damals allerdings in Staat und Gesellschaft noch in einer, dem jetzigen Geschlechte kaum mehr bekannten Weise eingezwängt waren. Zugleich lernte ich hier zum ersten Male jene zähe Energie bewundern, mit der er sich, wie seine Stammgenoffen überhaupt, durch alle äußeren Hinderungen hindurchzuringen wußte. Sein Vater war arm. Er trieb daher neben seinem geistlichen Berufe noch einen kleinen Handel mit Federposen und Fellen, besten Geschäfte in demselben großen Zimmer abgemacht wurden, welches den Tages aufenthalt der zahlreichen, aus einer Frau und sechs oder sieben jüngern Kindern bestehenden Familie bildete. In demselben Zimmer arbeitete der älteste Sohn seine Schularbeiten und unterrichtete er seine zwei ihm im Alter nächsten Brüder, umgeben von Kindergeschrei der jüngsten Geschwister und von den Störniffen der seinen Vater besuchenden Religions- und Handelsgenoffen, von denen das Zimmer nur selten leer ward. Hier saß er an seinem braunen Pultschranke, der zugleich seine Bücherei enthielt, versank in seine Studien der alten Classiker oder in die Lectüre Göthe's und Schiller's, ohne sich von dem Spektakel um ihn her stören zu lasten, der für mich, wenn ich gelegentlich dort mir ihm zusammen arbeitete, meist bald unaushaltbar wurde. Rührend war es dabei, wie seine Mutter, eine noch ziemlich junge Frau, bemüht war, hier und da die Besuchenden, wenn das Geschamster zu laut wurde, zu einiger Rücksichtnahme für ihren arbeitenden Sohn zu bewegen. Sie selber nahm an unserer deutschen Lectüre so oft sie konnte, lebhaften Antheil. Sie las gern und viel, besonders Schillers Gedichte und Dramen, unter denen Fiesco ihr Lieblingsstück war, und oft habe ich sie, während sie ihr Jüngstes nährte, mit einem Buche in der Hand eifrig lesend, sitzen sehen. Der Trieb, sich zu bilden, war damals bei den norddeutschen Juden, trotz, oder vielmehr wegen des socialen Druckes, unter welchem sie lebten, vielleicht stärker als jetzt, wo sie seit Jahren alle staatsbürgerlichen Rechte und socialen Möglichkeiten genießen, und wo Reichthum, der ihnen Rang und Stellung, Titel, Orden und sogar den Adel zu verschaffen vermag, das vorwiegende Ziel ihres Strebens bildet. Damals hingegen waren Achtung vor der Bildung und lebhafte Theilnahme an den geistigen Jntereffen der Literatur und Wiffenschaft die alleinigen Mittel, ihnen eine Annäherung an die gebildeten Christen und die ersehnte Beachtung von Seilen derselben zu verschaffen, deren sich z. B

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