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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-09 · Heft 46 (9.11.1875) · p. Seite 748

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 46 (9.11.1875)
Date
1875-11-09
Page
Seite 748 (sequence 12)
Language
German
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748 Religionen dreist verglichen werden konnten. Aus der neueren Zeit aber weiß es Jedermann, der es wissen will, daß Habgier und Wucher und betrügerische Schurkerei gerade so häufig oder so selten unter den Christen wie unter den Juden find, und die zahlreichen jüdischen Männer der Wiffenschast, der Kunst und der Bildung, und die ehrsamen Familien, die in fleißigem und redlichem Erwerbe ihr Brod verdienen, und die an Menge gerade in dem Vcrhältniß stehen, wie bei der christlichen Bevölkerung, möchten doch wohl die Skribenten abhalten müssen, noch fortwährend die Juden zu solchen Typen zu mißbrauchen. Hier Beispiele anführen zu wollen, wie etwa jüngst Schlägel „Die Ritter der Gegenwart" geschrieben, und da einen jungen Mann in Geldverlegenheiten bringen will, sich sofort dazu einen Juden leiht, der sonst mit der Geschichte gar nichts zu rhun hat, wäre wirklich überflüssig. Es geht soweit, daß, wo nur ganz beiläufig von gemeinem Betrüge gesprochen wird, die Redensart von den Juden dazu angebracht wird. Man kann in der Thal sagen, daß die christlichen Schriftsteller das Werk der Verhöhnung und Mißhandlung mit der Feder sortsetzen, welches die Fäuste ihrer Vorväter so nachdrücklich an den Juden ausgeübt haben, nur mit dem Unterschiede, daß diese immer Individuen trafen, jene jedoch die ganze Gattung schmähen. Wir glauben, daß nicht Wenige gar keine bewußte böse Absicht dabei haben, sondern nur aus übler Gewohnheit so verfahren. Auf diese haben wir es aber auch nur eigentlich gemünzt, wenn wir sie auf ihr Unrecht aufmerksam machen. — Wir versetzen uns in eine andere Sphäre, wenn wir als eine dritte Type — die getauften Juden anführen. Hier sind es allerdings nicht bloß christliche, sondern auch getaufte und selbst jüdische Autoren, die dieses Genre für ihren Pinsel zum Modell nehmen. Bemerkenswerth ist es, daß sie den Uebertritt in der Regel durchaus nicht aus Ueberzeugung vornehmen lasten, wenn auch hier und da die Apostaten gewaltige Kirchengänger werden, wofür ihnen die Verhöhnung nicht erspart wird. Auch das kommt höchst selten vor — wir erinnern uns keines Beispiels — daß ein Novellist seinen Juden, um sich eine Lebensbahn zu eröffnen, um Wirksamkeit und Amt erlangen zu können, sich taufen läßt. Man kann sich leicht denken, warum dies nicht geschieh*. Aus alter Zeit läßt man die Taufe an Juden vor sich gehen, welche sich aus irgend Gründen an ihren ftüheren Glaubensgenosten rächen wollen. In der neueren Zeit lasten sie gewöhnlich Familien erscheinen, die reich geworden, noch höher hinaus wollen, namentlich nach christlichen Gesellschaftskreisen verlangen und ihre Kinder in höherstehende Familien verheirathen möchten. Nun, solche Leute sind allerdings vorhanden, und sie gingen eigentlich uns gar nichts an; wenn nicht die Gelegenheit benutzt würde, ihre Fehler und Lächerlichkeiten als solche darzustellen, die sie aus ihrem jüdischen Vorleben milgebracht hätten, und die ihnen so ankleben, daß sie gar nicht zu verwischen seien. Da werden denn unter die Getauften die Rollen vertheilt: der Vater ist ein geldstolzer, in Sprache und Geberden linkischer, dabei eingebildeter, aufgeblasener Narr; die Mutier, abgesehen von den Aehnlichkeiten mit ihrem Gatten, spielt die fromme Christin und bringt den Kirchen und Pfaffen ihre Opfer dar; der Sohn ist ein sittenloser Verschwender, und die Tochter, eine ausnehmende Schönheit und voll Gaben und Talente, eine raffinirte Coquette, die alle Männer in sich verliebt machen und sie quälen will. Mehr oder weniger laufen sie Alle hierauf hinaus, bei Spielhagen, Map Ring, oder Fanny Lewald. Bei letzterer, da sie sich zur Sittenrichterin über diese Klaffe macht, drängt sich die Frage auf: warum sie denn zur christlichen Kirche übergetreten und das christliche Glaubensbekenntniß abgelegt habe? Doch nein, dies sind Persönlichkeiten, und mit solchen haben wir hier nichts zu thun. — Eine beliebte, typische Situation machten seit geraumer Zeit Liebeshändel und Heirathen zwischen Juden und Christen aus. Es gab dies allerdings einen reichhaltigen psychologischen Stoff ab, tragische Conflicte und einen Ausgang nach Belieben. Auch hierin hatte Shakesspeare den Vortritt genommen, jedoch in sehr unglücklicher Weise. Bon einem religiösen Seelenkampf, von dem Conflicte der Pietät und der Liebe ist bei ihm keine Ahnung; er machte es sich leicht, indem er die Jessika zu dem schlechtesten und leichtfertigsten Wesen machte, die z. B. den ihrem Vater gestohlenen Ring ihrer Mutter für einen Affen hingab, und verräth dabei mit keinem Worte, daß er dies mißbillige. Seine Lust, an dem Juden feinen Math zu kühlen, überwog bei ihm jedes moralische Bedenken, wenigstens giebt es seine Darstellung so zu erkennen. Unsere Leser dürfen uns in dieser Verurtheilung des Kaufmanns von Venedig keiner Ketzerei gegen den auch von uns im höchsten Grade bewunderten brittischen Dichter zeihen; wir haben darin Vorgänger, die keine Juden waren. Da verstanden es doch schon Vater Zschokke und Walter Scott bester, die Situation zu benutzen; der Erstere bringt einen Ausgleich zu Wege, der Andere flüchtet sich zur edelsten Resignation. Es wird uns kaum auffallen, daß die christlichen Autoren in der Regel den jüdischen Theil den Kürzern ziehen lasten. Der jüngste Romanschreiber, der diese Situation behandelte, ein jüdischer, laßt den psychisch-religiösen Streit ganz bei Seite und bleibt nur vor der Trauung stehen, die ihm Schwierigkeiten zu machen scheint. Bemerkenswerth ist es, daß, unsres Wiffens, noch Niemand die Conflicte zum Gegenstände gemacht hat, welche nach der Verheirathung zwischen Juden und Christen, also in der Ehe selbst entstehen können, und nicht selten nicht ausbleiben. Die Romanschreiber sind zu sehr gewöhnt, ihre Dichtungen mit der Hochzeit abschließen zu lasten. — Wir wollen uns diesmal hiermit begnügen. Es ist ja nicht unsre Pflicht, alle die Schattenbilder vorzuführen, die uns in der Romanliteratur aufgedrängt werden, um nach kurzem Erscheinen in die Nacht der Vergestenheit zu versinken. Sie gleichen der Welle, die einen Augenblick unter dem Strahle der Sonne aufglitzert und dann im Strome weiterschwimmt. Wenn wir oben darüber klagten, daß die Juden allzu häufig von den Belletristen zu

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