Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 46 (9.11.1875)
- Date
- 1875-11-09
- Page
- Seite 746 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Odessa, 24. October. (Privatmitth.) Unter dem schmerzlichen Eindrücke eines herben, unersetzlichen Verlustes, den wir persönlich vor Kurzem erlitten, nehmen wir die Feder zur Hand, um Ihnen, geehrter Herr Redacteur, den Heimgang eines trefflichen Mannes anzuzeigen. Der unerbittliche Tod hat vor wenigen Wochen, — am 14/26. September, — einen Mann in der Blüthe seines Alters dahingerafft, der eine Zierde Israels war. Elias Orschansky, der Schn eines armen jüdischen Lehrers, starb in noch nicht vollendetem 29sten Jahre seines Lebens in Ekaterinoslaw. Bis zu seinem 16ten Jahre lag er dem Studium des TalmudS ob, ohne irgend eine Schule und einen regelmäßigen Unterricht genossen zu haben. Gar mächtig war der Drang in der Brust des Jünglings, der mit vielen Widerwärtigkeiten zu kämpfen hatte, sich Wissen und Kenntnisse zu erringen. Er durchlief die Schule, bereitete sich zum Eintritt in die Universität vor, wo er sich der Rechtswissenschaft zuwendete. Nach Beendigung seiner Studien, ließ er sich in Odessa als Anwalt nieder; aber nicht lange konnte er sich seinem Berufe widmen. Von Jugend auf kränklich und immer leidend, sah er sich genörhigt, die Praxis aufzugeben und sich der Journalistik zu widmen, in der er Meister war. Wenn wir nicht irren, debütirte er in der jüdischen Zeitschrift „Djen", deren Mitarbeiter er wurde, und worin viele treffliche Aufsätze seiner mächtigen Feder sich befinden: wir erwähnen unter Anderm: „Ueberblick der gesetzgebenden Maßregeln in Bezug der Juden in den letzten Jahren", „Ueber das cconomische Sein der russischen Juden", Aufsätze, die der verewigte Orschansky nebst vielen andern später in dem Werke unter dem Titel: „Die Juden in Rußland. Schilderungen und Forschungen" herausgab und das seiner Zeit Epoche machte. Die „Jüdische Bibliothek", die in St. Petersburg erscheint und von Landau herausgegeben wird, brachte von ihm: „Gedanken über den Chassidismus", „Aus der neuesten Geschichte der Juden in Rußland" und die „Russische Gesetzgebung in Betreff der Juden", ein Werk, welches verdient in die modernen Sprachen übersetzt zu werden. Außer diesem war der Verewigte Mitarbeiter der bedeutendsten russischen Zeisschriften. Ueberall, wo es galt, eine Lanze für die Ehre und die Rechte der Juden und des Judenthums einzulegen, da war unser Orschansky der Erste. Daß der Hintritt eines solchen Mannes tief empfunden wurde, bedarf nicht erst gesagt zu werden. Die Trauer um ihn ist eine allgemeine und tief empfundene. Fast alle russische Journale und Zeitungen, selbst der berüchtigte „Goloß" nicht ausgenommen, brachten ehrende Nachrufe und Nekrologe. Unsere intelligente Gemeinde konnte und durfte nicht die Gelegenheit Vorbeigehen lassen, ohne dem schmerzlichen Verluste, den die Juden Rußlands erlitten, Ausdruck zu geben. Am msw den 9/21. dieses, während der Seelenfeier, hielt unser geehrter Prediger Herr l)r. Schwachacher eine Gedächtnißrede, die wir als eine sehr gelungene und wie von einem Gusse bezeichnen müssen. In begeisterten Worten und in einer glänzenden Sprache, die in einem seltenen Maße unserm Prediger zu Gebote steht, gab Nr. Schwabacher ein treffliches Lebensbild des leider viel zu früh Dahingeschiedenen. In schönen, fließenden Worten schilderte der Redner den Lebensgang des Verklärten, der ein tiefes Wissen, einen antiken Charakter und eine seltene Bescheidenheit besaß. In dem schwächlichen Körper, in dem der Keim der Krankheit nagte, der er erlag, war ein mächtiger Geist, der trotz aller Hindernisse seinen Zweck verfolgte. Nur eine kurze Spanne Zeit war es dem Verewigten beschieden, hienieden zu wandeln, aber wahrlich! er hat mit dem Pfunde seines Geistes redlich gewuchert. Als er sich bereits einen Namen, und zwar einen berühmten Namen erworben batte, da trat die Versuchung an ihn heran, und bol ihm Rang, Stellung, Besitz und Reichlhum an, aber Orschansky wollte nicht, wie der Redner treffend bemerkte, für ,ein Linsengericht seine Erstgeburt verkaufen". Bis zu seinem letztem Athemzuge hielt er die Fahne des Judenthums hoch, und wollte nicht, gleich vielen andern, fahnenflüchtig werden. Von Schmerzen geplagt, in der Vorahnung feines baldigen Todes, raffte er seine letzten Kräfte zusammen, durchwachte er tltächte, um für sein Volk zu wirken. Ties und innerlich ergriffen, lauschte die zahlreiche Versammlung den Worten des bewährten Redners, die sichtlich einen großen und mächtigen Eindruck hervorbrachten. Am Schlüsse der in jeder Hinsicht gediegenen Gedächtnißrede, forderte der Prediger die Gemeinde auf, ein Stipendium zum Andenken Orschansky's zu gründen, um der Jugend zu zeigen, daß die Juden demjenigen dankbar und erkenntlich sind, der die besten >kräfte seines Lebens für das Wohl feines Volkes eingesetzt hat. Mit dem Vortrage von a^nm sbra bs schloß die erhebende Gedächtnißfeier. Wie wir hören haben ähnliche Trauerfeier für den Verewigten in Swenigorode, Berdyczew und in anderen Gemeinden stallgefunden. In der „Hazfirah", welche unter Redaction des gelehrten Slonimsky in Warschau erscheint, lasen wir einen tiefempfundenen Nachruf, der Feder des Kiewer Rabbiners Herrn Zuckermann entflossen. Er erzählt unter Anderm, daß er den Heimgegangenen Orschansky auf seiner Durchreise nach Italien, wo er Heil und Linderung zu finden hoffte, in Kiew sprach, und der ihm folgendes sagte: „Mit tiefem Schmerze sehe ich, daß das Häuflein unserer Jugend, welches im Stande ist, sich um die Fahne zu schaaren, die unserm Kampfe vorangetragen wird, uns den Rücken gekehrt hat; ein großer Theil davon, hat die Feder zu einem Werkzeug