Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 46 (9.11.1875)
- Date
- 1875-11-09
- Page
- Seite 745 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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745 gebracht worden, zum Theil aber stellen sie sich als übertrieben heraus. Als besonders prägnant erscheint der Aberglaube des dortigen Volkes, das im Falle der Dürre der Regen erfolge, wenn der Kopf einer jüdischen Leiche in den Fluß geworfen würde, und es ist daher eine Folge dieses Wahnwitzes, daß selten das Grab eines Juden unverletzt bleibt. Der Pöbel öffnet die Gräber, schneidet die Köpfe ab und wirft die Reste hinaus. — Aus Teheran wird über die Unwissenheit geklagt, an welcher die Maffe der Juden leidet. Nur wenige können lesen und schreiben. Die Perser wollen nicht, daß die Juden ihre Sprache erlernen. Doch gebe es unter den letzteren solche, die das Persische verstehen und^auch lehren könnten. Man wünscht, daß einige jüdische Knaben nach Europa gebracht und vorgebildet würden, um dann in Persien Schulbildung verbreiten zu können. — Aus Marokko wird die wohlwollende Gesinnung des jetzigen Kaisers gerühmt, daß er den Befehl gegeben, überall Gerechtigkeit auch gegen die Juden zu üben, und einige Male seine Officiere nach Orten gesandt habe, wo Juden mißhandelt worden, und dann selbst die Gouverneure nicht ohne Strafe läßt. Diejenigen, welche ihre Klagen bis zu ihm bringen, können stets auf Berücksichtigung hoffen. Das Schlimme ist nur, daß die Beamten dem Kaiser hierin nur sehr widerwillig gehorchen und deshalb die Anordnungen deffelben umgehen, wo sie es nur vermögen. Belgien. Brüssel, 25. October. Die ultramontanen Blätter, namentlich in Deutschland, haben ein wülhendes Geschrei gegen die Juden erhoben, um dem Volke zu insinuiren, daß der Gründungsschwindel, die damit verbundenen Betrügereien und der darauf erfolgte „Krach" lediglich das Werk der Juden seien. Es ist hiergegen in mehreren Artikeln d. Bl. darauf hingewiesen worden, daß es gerade die ultramontane Partei war, welche die ersten und größten Schwindler geliefert hat, und daß sehr hochstehende Personen dieser Partei sich daran betheiligten. Einen neuen Beweis hierfür liefert ein Proceß, der gegenwärtig vor dem Zuchtpolizeigericht dahier geführt wird. Folgende Correspondenz der „N. fr. Pr." ist intereffant genug, um aus diesem Gesichtspunkte auch hier wiedergegeben werden zu sollen. „Langrand-Dumonceau scheint in Wirklichkeit bestimmt, der klerikalen Partei verhängnißvoll zu werden. Nicht genug, daß der katholische Law den Klerus, den Adel, die Bürger und die Bauern der beiden Flandern halb ruinirt hat; nicht genug, daß er die hervorragendsten Parlamentsmitglieder der Rechten auf unheilbare Weise compromittirte; nicht genug, daß er bereits das Cabinet d'Anethan in schmählicher Weise zum Fall brachte: heute, am Vorabend der Sessionseröffnung und der nächsten Dienstag staltfinvenden Gemeinderathswahlen, sieben Monate ungefähr vor den Kammerwahlen (im Juni 1876), heute tritt plötzlich der Mann wieder in den Vordergrund, allerdings nicht mit seinem Willen. Im Gegentheile. Ich glaube, daß er sein Möglichstes thun wird, um den belgischen Boden zu meiden. Ob ihm dieses gelingen wird, ist zweifelhaft. Denn die Verbrechen der Fälschung und des Betruges, welcher Langrand - Dumonceau angeklagt ist, sind in allen Auslieferungsverträgen, selbst mit Amerika, vorausgesehen, und der Verhaftsbefehl ist heute, nach langjähriger Instruction, erlaßen worden. Die gerichtliche Verfolgung Langrand-Dumonceau's zieht natürlich auch die sämmtlicher Verwaltungsräthe nach sich, und da mehrere derselben im Senat und in der Kammer Sitz und Stimme haben, so dürften alsbald, gleich nach Eröffnung der Session, beide Versammlungen die nothwendige Ermächtigung zu ertheilen haben, damit besagte Depuiirte und Senatoren zur Rechenschaft gezogen werden können. Wäre der Staatsminister Dechamps nicht mit Tode abgegangen, so hätte der Cardinal-Erzbischof von Mecheln die Demüthigung erlebt, seinen Bruder auf der Bank des Zuchtpolizeigerichts als Angeklagten zu sehen. Dieser Monstreproceß wird auch außerhalb Belgiens die allgemeine Aufmerksamkeit erregen und dürfte seinen Platz einst in der Geschichte der zweiten Halste des neunzehnten Jahrhunderts einnehmen." Schweden. Stockholm, im October. In neuerer Zeit hat eine große Anzahl polnischer Juden um das schwedische Bürgerrecht nachgesucht. Da in den meisten Fällen jegliche Aufklärung darüber fehlt, inwieweit dieselben dem Lande durch ihre Aufnahme als Unterthanen Vortheil bringen können, ist den Bezirksbehörden von der Regierung auferlegt worden, die genannten Ausländer nicht eher zur Erwerbung des Bürgerrechts zuzulaffen, als bis die zur Beurtheilung derselben nörhigen Aufklärungen eingeholt sind. Rußland. Warschau, im October. (Pos. Ztg.) Der englischen Missionsgesellschaft zur Bekehrung der Juden ist von der Regierung die Erlaubniß ertheilt worden, ihre Thätigkeit auf das Gebiet des ehemaligen Königsreichs Polen auszudehnen. Diese Nachricht hat unter dem ungebildeten Theile der jüdischen Bevölkerung einen panischen Schrecken hervorgerufen. Die albernsten Gerüchte wurden colportirt und fanden Glauben; so wurde u. A. erzählt, daß die Missionäre die Judenkinver rauben und taufen. In Grzybowo, dem am stärksten von der jüdischen Bevölkerung bewohnten Theile unserer Stadt, kam es in Folge reffen zu einigen Tumulten; ein unbekannter Jude, der im Verdacht stand, sich jüdisch gekleidet zu haben, um desto ungestörter für die „Engländer" Kinder zu rauben, wurde überfallen und derartig zugerichtet, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Die Polizei mußte einschreiten, um den Unglücklichen den Händen des aufgeregten Pöbels zu entreißen. 46