Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 46 (9.11.1875)
- Date
- 1875-11-09
- Page
- Seite 744 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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den unseligen Krach, reffen traurige Wirkungen namentlich in Wien und den mit ihm engverbundenen Plätzen sich bemerklich zu machen nicht aushören. Der außerordentliche Aufschwung der Jnrustrie und des mit dieser verbundenen Capitals und die überraschenden Erfolge desielben brachte es zu Wege, daß mau jedwedem vorhandenen oder fictivem Gegenstände ähnliche Erfolge abgewinnen zu können glaubte. Daraus entwickelte sich ein Verfahren, welchem sich sonst früher solide Leute, vom Mammon verlockt, ergaben. Sie erkauften den betreffenden Gegenstand für Hobe Summen, verkauften ihn für noch höhere an Actiengesellschaflen, die zu diesem Zwecke gebildet wurden, stellten sich und Andere mit großen Gehältern als Geseüschaftsbeamte an, und da nun der Ertrag des Unternehmens mit diesem Aufwande in Mißverhältniß stehen mußte, fälschten sie Bücher und Berichte der Gesellschaft. Diese Dinge blieben nicht lange haltbar und der Zusammenbruch ward ein allgemeiner. Wenige wußten sich rechtzeitig zurückzuziehen, die meisten fielen in ihre eigene Falle. Nun, was Anderes bedeutet dies, als die alte Hippokratische Regel? Es mußte ausgeschieden werden, was sich Ungesundes, Krankhaftes, Verderbliches in der socialen Welt angesammelt hatte. Jetzt sind wir es los und die gesunde Arbeit wird sich wieder Herstellen und die Gesellschaft mit ihren nahrungsreichen Früchten erhalten und stärken. Ich wollte diese beiden schweren Ereigniffe der Neuzeit aus diesem Gesichtspunkte beleuchten, damit die Furcht vor beiden sich immer mehr zertheile, und man zur Einsicht gelange, vast es Ausscheidungsproceffe sind, an sich unangenehm, aber doch heilsam, und darum nothwendig. Synoutz ) Galizien), 18. October. (Privatmitth.) Unsere Glaubensgeneffen in hiesiger Gegend haben einen recht herben Verlust durch den Tod des Herrn M. Strelisker, der plötzlich am 15. d. M. erfolgte, erlitten. Seiner Religion eifrigst ergeben, von duldsamster Richtung, Freund und Förderer alles Guten, zeichnete er sich durch seine Liehe zur hebräischen Literatur und seine treffliche Begabung in der hebräischen Poesie aus. Mehrere seiner Schriften, z. B. „Die beiden Leuchten" (Religion und Wiffenschaft), haben sich allgemeinen Beifalls zu erfteuen gehabt. Wer da weiß, wie selten jetzt solche Männer in unsren Gegenden sind, wird unsren Verlust zu ermeffen vermögen. Szegediv, 29. October. Die Szegediner israelitische Cultus gemeinde hat in einer neulich abgehaltenen Sitzung in liberaler Weise für die Familie des verewigten Oberrabbiners Leopold Low gesorgt. Wie „Szegedi Hiradö" vernimmt, erhält die Wittwe ein volles Jahresgehalt ihres verstorbenen Gatten ausgezahlt und außerdem eine Pension von jährlich 1800 fl. Die Fürsorge der Gemeinde erstreckte sich auch auf die minorennen Waisen. Brüx (Böhmen), Ende October. (Privatm.) Bor längerer Zeit habe ich der „Allg. Ztg. d. Judenth." über das Berhältniß der wenigen noch existirenden Kreisrabbiner Böhmens zu den Gemeinden ihrer Kreise berichtet, und bemerkt, daß es eine Wohlthat für unsere Verhältnisse ist, daß dieses veraltete Institut von der Regierung fallen gelaffen sei. Nach einer Verordnung der Statthalterei über eingeholtes Gutachten der Gemeinden und Rabbinen, sollten in Kreisen, wo die Kreisrabbinate erledigt würden, keine neuen Besetzungen dieser Stellen Vorkommen. Zu den vacanten Kreisrabbinaten in Raudnitz, Rakonitz und Pilsen, sollte nun auch Saaz kommen, da Herr Moses Sachs in Kommotau, der bisher diese Stelle ausfüllte, in den Ruhestand trat. Derselbe hat jedoch ohne.Befragung seiner Gemeinden und mit Umgehung des oben erwähnten Statthaltereirescriptes, Herrn Knöpfelmacher in Laun zu seinen Nachfolger ernannt. Die Rabbiner des Saazer Kreises — mit Ausnahme des Genannten — sowie die namhafteren jüdischen Gemeindevertretungen, haben gegen diese Eigenmächtigkeit, die das Gesammtintereffe schädigt, bei der Statthalterei Einsprache erhoben, und steht es außer Zweifel, daß dieselbe die betreffende Ernennung, ohne dadurch die Person des Ernannten zu beleidigen, sistiren wird. Zur Angelegenheit Ebeling und der Frage, ob ein Geistlicher einem fremden Gottesdienste beiwohnen darf, erlauben Sie mir zu erwähnen, daß bei uns einerseits nicht nur mehrere katholische Geistliche dem jüdischen Gottesdienste, fpeciell der Jom-Kippur- Abendpredigt privatim beigewohnt haben, sondern bei der zum Andenken an den verstorbenen Kaiser Ferdinand abgehaltenen Trauerfeierlichkeit der hiesige Piaristenprior im feierlichen Priestergewande, den Franz-Josephhorden an der Brust, in Folge geschehener Einladung, in der Synagoge anwesend war. Andererseits hat aber auch unser Rabbiner, Ür. Kisch, der als Militärseelsorger zu allen feierlichen Hochämtern (Kaisers Geburtstag, Namenstag u. s. w.) in der Stadtkirche officiell geladen wird, dem Trauerhochamte um Kaiser Ferdinand in der Decanalkirche, ebenso wie der officiell geladene israelitische Gemeindevorstand, beigewohnt. Bei uns in Oesterreich wird Gott Lob auch officiellerseits die vollständige Gleichstellung der Culte, selbst da, wo man sie nicht mit Berufung auf Gesetzesparagraphen verlangen kann, immer allgemeiner. *• Frankreich. Paris, im October. (Privatmitth.) Der Monatsbericht der Alliance isr. rniiv. für October, der soeben erschienen ist, enthält diesmal viel Interessantes, von dem ich das Hauptsächlichste hervorheben will. Aus Ham ad an erfahren wir über den bekannt gewordenen traurigen Fall, daß der betreffende Jude beschuldigt wurde, Lästerungen gegen die mohammedanische Religion ausgestoßen zu haben, und baß der fanatisirte Pöbel ihn fürchterlich mißhandelte und dann verbrannte, sowie auch andere Juden angriff. Huffein-Khan telegraphirte an Crömieux, daß die Regierung nicht unthätig gewesen, die Rädelsführer ergriffen und bestraft habe. Näheres vermochte man noch nicht mitzutheilen. — Aus Diarbekir bestätigen sich zum Theil die Berichte, welche von einem Manne aus jener Stadt nach Paris