Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 46 (9.11.1875)
- Date
- 1875-11-09
- Page
- Seite 743 (sequence 7)
- Language
- German
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daß eine solche Dispensation nachtheilig auf den Gang des Unterrichts wirke, da man der jüdischen Schüler wegen nicht fortschreiten dürfte, ohne daß diese zu viel versäumen, ist hinfällig. Die streng gefeierten jüdischen Festtage betragen, wie aus dem Kalender ersichtlich, im Ganzen 13 Tage, von diesen fallt alljährlich die Hälfte oder doch ein Theil in die Ostern- oder Michaelisferien; von den anderen Tagen fallen oft einige auf Sonntag, Mittwoch ober Sonnabend, so daß jedenfalls rer ganze wirkliche Ausfall an Schultagen sich auf höchstens 5 oder 6 reducirt. Daß diese wenigen Tage oder vielmehr Stunden von solcher schwerwiegenden Bedeutung für den Unterricht seien, wirb wohl Niemanb rechtlich behaupten. — Warum sollen ferner vie specififch katholischen Feiertage den Vorzug haben, in der Art berücksichtigt zu werden, baß, wo sie nicht, wie bereits erwähnt, als gänzlich schulfreie Tage gelten, doch den katholischen Schülern ohne Weiteres gestattet ist, aus der Schule zu bleiben? Es wird Niemandem einfallen, zu behaupten, daß diese besonderen Feiertage, die nicht einmal, wie die jüdischen, in der auch von Christen heilig gehaltenen Bibel begründet sind, von höherer Heiligkeit seien, als letztere. Auch ist die Zahl dieser Festtage größer, als die der jüdischen. Warum also soll gerade den jüdischen Schülern verwehrt fein, ihre Festtage durch Gottesdienst, ober im Familienkreise zu feiern? Aus der Rheillprovinz, 28. October. (Privatmittheil.) Bor einigen Jahren, als die Existenzfrage des jüdischen Lehrerseminars zu Münster (Marks-Haindorf'sche Stiftung) debattirt wurde, beschlossen die sg. Orthodoxen, besonders auf Anregung des damaligen Rabbiners zu Düffeldorf Dr. Feilchenfeld, ein eigenes Lehrerseminar zu gründen, das streng im Sinne ihrer Partei eingerichtet und nach ihren Ansichten geleitet werde. Es wurde damals in Köln eine Versammlung von Gemeindevertretern und Notabeln aus Westphalen und Rheinprovinz abgehalten, um eine Verständigung herbeizuführen und die Einheit zu erhalten. Die ungeheure Mehrheit der Versammlung stimmte für diese Einheit und wollte alle Anstrengungen verwendet wiffen, um das Seminar zu Münster nicht blos zu erhallen, sondern auch bester auszustatten. Nichtsdestoweniger führten Ur. Feilchenfeld und seine Freunde ihren Entschluß aus und seitdem bestehen beide Seminare nebeneinander, was natürlich beiden schon deshalb ein verkümmertes Dasein bereitet, als die Zahl jüdischer Jünglinge, die sich für das Lehrfach bestimmen, nur eine sehr geringe ist. Sicherlich würden die Orthodoxen, wenn sie sich der Verständigung irgend zugeneigt gezeigt hätten, einige Plätze im Curatorium des Seminars zu Münster erhalten und so die Gelegenheit gehabt haben, das conservative Element, wie sie es verstehen, zu verstärken. Aber dies macht ja die Zeloten aller Confessionen so unzugänglich, so gefährlich und wiederum so stark, daß sie überall allein herrschen und von einer Concession ober Ausgleichung nichts wiffen wollen. Da nun der als Seminar- Lirector seit den letzten Jahren fungirende vr. Zirndorf im Mai k. I. diese Stelle verlaßen wird, so nahmen in diesen Tagen die Curatorien der beiden Anstalten Beranlaffung, über eine Vereinigung derselben gemeinschaftlich zu berathen. Der Erfolg war, daß die Düffelvorfer diese Vereinigung zugestanden, wenn ihr gegenwärttger Director, Herr vr. Platho. zum Director des vereinigten Seminars gemacht wird. An und für sich kann man dies durchaus nicht für ungerechtfertigt ansehen, denn es wäre ihrerseits ein Unrecht, den I)r. Platho aufzugeben und zu beseitigen. Aber es liegt doch zugleich darin eine schwerwiegende Principienftage. Dr. Platho ist ein würdiger und tüchtiger Mann; aber er ist ein Ultraorthodoxer; er selbst erklärt sich für einen unbedingten Anhänger des strengsten Autoritätsprincips, d. h. nichts Anderes, als des ängstlichsten talmudisch-rabbinischen Standpunktes, verbunden natürlich mit dem Firniß äußerer Bildung. Das Lehrerseminar zu Münster würde also durch dieses Uebereinkommen zur Domäne der strengsten Orthovcxie, also zum Gegentheil von dem, was sein Stifter erstrebte und diejenigen wollten, die es bisher erhalten haben. In solchen Dingen wollen die ehrlichen Orthodoxen durchaus keinen Zweifel lassen; es liegt in ihrem Wesen. Alles auszuschließen, was nicht streng zu ihnen gehört, und diejenigen irren, die unter dem Regime eines solchen Mannes für andere Ziele doch noch etwas erlangen zu können vermeinen. Das Curatorium des Seminars zu Münster faßte daher wohlweislich noch keinen Beschluß, sondern will die Directorstelle ausschreiben unv den Herrn vr. Platho auch ohne besondere Meldung in vie Reihe der Bewerber aufnehmen. Oesterreich - Ungarn. - Wien, im Oktober. (Privatmitth.) Ich erinnere mich aus meiner Jugend, in den Aphorismen des Hippokrates den Ausspruch gelesen zu haben: „was zum Ausscheiden bestimmt ist, muß ausgeschieden werden." Diese physikalische und medicinische Wahrheit hat ihre Bedeutung auch für die socialen und politischen Verhältnisse der Menschen, und kam mir in den Sinn, da ich die täglichen Hetzartikel gegen die Juden gewahrte. Sind auch oie Mittel, durch welche die Ausscheidung bewirkt wird, unangenehm und diese mit Schmerzen verbunden, so muß sie doch geschehen, um das Leben und den Organismus zu purificiren. Das Vorurtheil und die Gehässigkeit gegen die Juden stecken nun einmal als ein Erbtheil der Vergangenheit noch in den gegenwärtigen Menschen; sie müffen heraus, und hierzu sind die Ultramontanen, Pietisten und Feudalen die geeigneten Werkzeuge. Je toller sie es treiben, desto besser, desto eher stellen sich ihre Produkte als etwas dar, was eben, innerlich steckend, ungesund war und in seiner ganzen Erscheinung abstößt. Das Ungerechte und Unwahre, das Uebertriebene und Gehässige macht sich der vernünftigen Welt kenntlich, unv diese fängt an, sich deffelben zu schämen. Schließlich kann Jedermann daraus Etwas lernen, und das ist immer heilsam. — Aber dieselbe Wahrheit gilt auch für