Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-09 · Heft 46 (9.11.1875) · p. Seite 741

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 46 (9.11.1875)
Date
1875-11-09
Page
Seite 741 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227061--33967-3303810
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

741 Vorstand die durch den Tod des Dr. Geiger entstandene Vacan; wieder zu besetzen, oder wenigstens die nächsten Bedürsnisie durch Anstellung eines oder mehrerer Hülfsprediger zu befriedigen gedenkt. Wen er zu diesem Zwecke zu einer Probepredigt beruft, der kann gewiß sein, vor oder nach oder vor und nach seinem Erscheinen schmähenden und lobhudelnden Inseraten in den Zeitungen ausgesetzt zu sein. Im Ganzen jedoch hat Lies auf die Wahl keinen großen Einfluß. Schließlich kommt es doch auf die Wirkung der Predigt, auf den Eindruck der Persönlichkeit und — einige Gönnerschaft an. Unter den betreffenden Inseraten in' diesen Tagen befand sich eines von „Einem Gemeindemitgliede", welches immerhin Beachtung verdiente, oder worüber sich doch sprechen ließ, weil es prinzipiell gehalten war. Es lautete: „Im Jahre 156» veröffentlichte der Vorstand eine Denkschrift, welche den Schriftwechsel enthielt, der damals zwischen diesem Collegium und den Repräsentanten in Bezug auf Cultusangelegenheiten und der in Aussicht gestandenen Rabbinerwahlen stattgefunden. In dem Schreiben vom 30. November 1864 an die Repräsentanten, Seite 17. daselbst, heißt es in gesperrter Schrift: „daß unsere Gemeinde bei dem Rabbinatswahlacte ihr Augenmerk nur auf Männer richten könne, welche bei voller, über jeden Zweifel erhabener Integrität des Charakters .sich einen achtungswerthen Namen erworben haben, ein Grundsatz einzig und allein würdig einer großen Gemeinde und besonders der Berliner Gemeinde. Gegenwärtig ist wieder eine Rabbinerwahl in Aussicht. Der Vorstand hat seit jener Zeit bis aus ein Mitglied gewechselt, wir dürfen aber dennoch wohl mit Recht erwarten, daß auch der gegenwärtige, zur Ehre der Gemeinde, an jenem Grundsätze festhalten wird und von vorne herein sein Augenmerk nur auf solche Persönlichkeiten richten, bei denen derselbe die vollste und unbeschränkteste Anwendung findet. Selbstverständlich ist es ganz gleichgültig, ob ein Rabbiner, ein Rabbinatsaffeffor oder ein Hülfsprediger gewählt wird, denn alle Liese sollen nicht blos Redner, sondern Lehrer und Leiter der Gemeinde in religiösen Angelegenheiten sein; überhaupt ein würdiges Vorbild für dieselbe." Allerdings wird man zugestehen müffen, daß eine Gemeinde wie Berlin mit ihrem Rabbinate kein Versuchsfeld für unbekannte und noch unbewährte Kräfte sein darf. Jndeß andererseits kann für das practische Predigt- und Seelsorgerami bedeutendes literarisches Verdienst nicht entscheidend sein, da es mancher Persönlichkeit an Gelegenheit und literarischem Geschick fehlen kann, die doch nach anderen Seiten hin Bedeutendes zu leisten vermag. Es kommt daher besonders darauf an, ob der zu Wählende in seinem früheren Wirkungskreise sich allseitig bewährt hat und ein Maß von Kräften besitzt, das für Berlin ausreichen könnte. — An Gelegenheit, sich als jüdischer Theologe tüchtig auszubilden, fehlt es jetzt hier wahrlich nicht, und vergleicht man aus diesem Gesichtspunkte die Gegenwart mit der Vergangenheit, ich möchte sagen noch vor einem Jahrzehnt: so bekennt man sich freudig, daß sehr viel geschehen ist. Berlin hatte sich für die jüdische Theologie in einem Maße gleichgültig gezeigt, daß es in dieser Hinsicht den bittersten Tadel verdiente. An Mitteln fehlte es natürlich nicht — aber an der schöpferischen Kraft, welche den guten Willen heraufzubeschwören versieht. Außer der Universität, der Hochschule für die Wiffenschaft des Judenthums, des Rabbinerseminars für das orthodoxe Judenthum werden in der „Beitel Heine Ephraim'schen Lehranstalt" Vorlesungen von Rabbiner Dr. Aub, Prof. Haarbrücker, Dr. Lebrecht und Dr. Steinschneider über sehr wichtige wiffenschaftliche, theologische, linguistische und literaturhistorische Themata gratis gehalten. Wir kommen nur immer auf einen Punkt zurück, der an allen diesen Anstalten für jüdische Theologen gänzlich vernachlässigt wird — die Homiletik (Kanzelberedsamkeit) in wissenschaftlicher Bearbeitung und practischer Uebung. Die Homiletik kann sich nicht begnügen auf die seltenen Geister zu warten, welche mit großer Begabung zu einer genialen Beredsamkeit sich selbst zu bilden vermögen und an einem Paar zufällig gehörter Musterpredigten genug zu haben. Die Zahl der Kanzeln ist zu groß, um nicht auch mittelmäßig begabte Redner in großer Anzahl verwenden zu müffen. Diese aber müffen theoretisch und practisch ausgebildet werden, um nur etwas Tüchtiges leisten zu können. Gerade für die jüdischen Gemeinden ist aber gegenwärtig der gute Kanzelredner und Lehrer das unentbehrlichste Bedürfniß, und alle Gelehrsamkeit vermag einen solchen nicht zu ersetzen. Hieran will aber Niemand Lenken, und wie jeder Jüngling glaubt, ein Gedicht machen zu können, denkt man: das Predigen kommt von selbst — es kommt aber nicht von selbst, oder doch so, daß es viel bester sein könnte. Hierdurch haben aber nicht blos die Gemeinden großen Schaden, sondern auch viele sonst wackere jüdische Theologen selbst. — Dem Abgeordneten Dr. Lasker wurde gestern im Namen seiner Meiningen'schen Wähler durch die Abgeordneten v. Forckenbeck, Miquel und Rickerl ein prachtvolles silbernes Schreibzeug überreicht. Beigefügt war ein Schreiben des Comitös der Wähler, in welchem diese ihrem verehrten und hochverdienten Abgeordneten ihre Glückwünsche zu seiner Wiederherstellung ausdrücken und ihn bitten, das erwähnte Geschenk als ein Zeichen ihrer Anerkennung und Verehrung anzunehmen. Das Schreibzeug, welches hier in Berlin angefertigt wurde, ist außerordentlich kunstreich und geschmackvoll ausgeführt. In der Mitte der Rückwand erhebt sich die Statuette der Germania, zu deren Füßen man den Wahlspruch lieft: „Durch Einheit zur Freiheit." Weiter unten ist die Widmung an den Abgeordneten Lasker eingravirt. Aus der Provinz Posen, 24. October. «Privatmitth.» Für den Ausfall von Einkommen, welcher den christlichen Geistlichen durch Einführung der Civilstandesamter entsteht, wird denselben vom Staate eine Vergütung zugesichert, auch den jüdischen? Die Regierung von Posen hat folgende Verfügung erlaffen: Unter Abänderung unserer Verfügung vom 22. Juli 187 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.