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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-09 · Heft 46 (9.11.1875) · p. Seite 738

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 46 (9.11.1875)
Date
1875-11-09
Page
Seite 738 (sequence 2)
Language
German
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genommen? Hat es sie in sich ausgenommen und verarbeitet? hat es seines Theils für sie gewirkt, für sie, wie man zu sagen pflegt, eine besondere Mission gehabt und erfüllt. Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Wie die meisten Völker des Alterthums hatte auch das jüdische Volk lange Zeit hindurch nur die Aufgabe, die Culturmomente in seinem eigenen Innern zu Wachsthum und Blüthe zu bringen, um die Frucht erst später über seine Grenzen zu tragen und auf das allgemeine Culturleben wirken zu lasten. Haben doch selbst die Griechen nur auf ihre nächsten Nachbarn Einfluß geübt, und erst die Römer, freilich mit dem Vorgang Alexander des Großen, ihre durch das Schwert errungene Macht zur Verbreitung der bis dahin errungenen Cultur dienstbar gemacht. Bei dem jüdischen Volke war dieses längere Fürsichleben aber um so natürlicher, als sie die eigentlichen Culturrnomente, die Wahrheit und das Recht — letzteres nicht allein im Sinne des formulirten bürgerlichen Rechts gefaßt — zu ihren eigentlichen Lebensmomenten hatte, und hiermit über die Sphäre der antiken Welt in die allgemeine Welt des Menschengeschlechtes hinausreichte. Das jüdische Volk, das erkennt Jedermann an, war der Pfleger und dann der Verkünder und Träger des Monotheismus und des aus diesem consequent fließenden Rechtes, welches die persönliche Freiheit und Gleichheit Aller unter dem Gesetze der Gesammtheit constatirt und sichert. Ein Volk, das diese eigentlichen Culturmomente zu seinem Lebensinhalte hatte, mußte und muß ganz eigentlich ein Culturvolk sein. Seine erste Aufgabe war es, sie in sich selbst zur Anerkennung und Herrschaft zu bringen, und dieser innere Kampf füllte seine ganze Sonderexistenz als Volk und Staat aus, und ihm fiel es sogar zum Opfer, soweit sein selbstständiges nationales und staatliches Dasein in Frage kam. Für den zweiten Theil seiner Mission, die Verkündigung und Trägerschaft des Monotheismus und des aus ihm fließenden Rechtes, wirkte es zunächst durch den Ursprung des Christenthums aus seinem Schooße und durch die vermittelnde Rolle, die es bei dem Entstehen des Islam zu spielen hatte, ging aber zugleich in die Zerstreuung, um in dem Maße, welches die Vorsehung ihm dazu bewilligte, die Zeugenschaft für den wahren und reinen Monotheismus zu üben. Diesen Theil seiner Mission erfüllt es noch heute, und in dem großen Entwicklunzsproceffe unsrer Zeit ist es damit mehr, als feit vielen Jahrhunderten hervorgetreten, oder vielmehr durch die Verhältniste hervorgezogen worden. Es wird dafür von Neuem mit Feindschaft und Gehässigkeit überfluthet, aber auch diesem Geschicke steht es mit Festigkeit entgegen. Daß es hierin trotz der Schwäche seiner zersplitterten Gruppen für das allemeine Culturleben von Wichtigkeit und Einfluß ist — selbstverständlich gar nicht in der Weise, wie seine Gegner ihm zuschreiben — braucht nicht auseinandergesetzt zu werden. Es geht daraus von selbst hervor, wie falsch und thöricht jene oft gehörte Bezeichnung der Juden als „Mumien, Ruinen, Gespenster, Schmarotzerpflanzen u. dgl." ist. Aber es liegt auch in der Sache, daß die Juden, nachdem sie durch die Zerstreuung mitten in die allgemeine Völkerwelt versetzt waren, neben dieser großen geistigen Mission auch anderen Aufgaben, die mehr in das materielle und reale Leben eingreifen, zu dienen hatten. Wir sehen hier davon ab, daß sie überall, wo es ihnen gestattet wurde, und man ihnen Raum dazu gab, sich an dem geistigen Streben der Nationen betheiligten und diesem von ihrem eigenen Standpunkte aus ihren Tribut darbrachlen; die eigenthümliche Stellung, in welche die Juden, nachdem sie aus ihrem Lande hinauSgeschleuvert worden, gedrängt waren, brachte es mit sich, daß sie im Verkehre der Völker untereinander eine Vermittelungsrolle überkamen. Ohne Grundbesitz, ohne Antheil an der örtlichen Industrie, dabei durch Religion, Abstammung und gleiches Schicksal in einer gewissen Verbindung untereinander erhalten, von den Völkern ausgeschlossen und doch an diese gekettet, waren sie Jahrhunderte lang die Träger des Verkehrs zwischen den nahen und entfernten Völkern, die sich sonst nur an ihren Grenzen berührten; waren sie durch eine lange Periode, in welcher der Handel vom feudalen Adel verachtet und vorn leibeigenen Volke gar nicht auszuüben war, die Vermittler des Waarenaustausches und damit auch res Geldverkehrs im Großen und Kleinen. Man sollte glauben, daß eine solche Mission in unsrer Zeit völlig gewürdigt und der Jude des Mittelalters nicht mehr so mißachtet werde, wie es gewöhnlich geschieht. Aber auch in der neuesten Zeit fiel den Juden eine besondre Mission zu, nämlich die, das Princip der Gleichberechtigung im Staate, besonders auch aus dem confessionellen Gesichtspunkte, verwirklichen zu helfen. In Staaten mit religiöser Einheit war die Gleichberechtigung scheinbar leicht zu erreichen, nur scheinbar, weil die Erhaltung der vorhandenen Zustände ein sehr nachhaltiges Hinderniß der Rechtsentwickelung war. In Staaten gemischter Bevölkerung stand hinter dem katholischen oder protestantischen Theile, wenn er die Minorität des Volkes bildete, immer noch die Unterstützung der katholischen oder protestantischen Mächte. Wer aber trat für die Juden ein? Hier galt es einerseits eine verhältnißmäßig kleine, ohnmächtige, in die drückendsten Fesseln geschmiedete Bevölkerung von diesen zu befreien und trotz der Mißachtung und der Borurtheile in die gleiche bürgerliche Berechtigung eiuzufetzen, noch mehr, ihnen als Bürgern hinsichtlich ihrer Religion ganz dieselben Rechte und Ansprüche zu gewähren, welche den christlichen Kirchen zugestanden sind. Hier hörte jede Macht und Einflußftage auf und das Princip in seinem idealen Inhalte mußte sich durch sich selbst die Verwirklichung erkämpfen. Zu diesem hohen Kampfe, durch welchen die bedeutendste Rechtsfrage gelöst wurde — denn die allgemeine Gleichstellung hatte hier ihren äußersten Ausläufer und mußte den hartnäckigsten Widerstand überwinden — boten die Juden ihre Mithülfe schon dadurch, daß sie eben ihre Religion um keiner materiellen und bürgerlichen Bortheile willen aufgaben, andererseits in jedem Stadium desselben die Consequenzen willig über sich nahmen;

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