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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-09 · Heft 46 (9.11.1875) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 46 (9.11.1875)
Date
1875-11-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipp son in Bonn. Verlag von Baumgärtner'S Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit l Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. Die?e Zeitmm ctföeint wScherrtNch einmal in 2 bis 2>/. Boqen. Preis Biertüiähria 3 Hlark. Inserate werden mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Bnchbandtuuzen, Postämter und Zeitung» »Expeditionen Tn redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. €. JJIjüippfon in Bona; binfichtli» de» Bezug» und der Anserate an Lanmgärtner'» Luchdandlung inLeipzig. llasrralr, welch« bi» vonnrr»- l«s eingeben, finden iu der darrufsolgende» Stummer Berücksichtigung. 39. Jahrgang. Leipzig, den 9. November 1875. J\? 46. Inhalt. Leitende Artikel; Die Juden und die Cultur. I. — Die jüdische Armenpflege. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Dresden, Berlin, Aus der Provinz Posen, Posen, Aus der Rbeinprovinz.— Oesterreich-Ungarn: Wien, Synoutz (Galizien), Szegedin, Brüx (Böhmen). — Frankreich: Paris. — Belgien: Brüssel. — Schweden: Stockholm. — Rußland: Warschau, Odessa. — Amerika: Cincinnati. — Feuilleton: Jüdische Typen in der Romanliteralnr. («chluß>. — Ein Stillleben aus den zwanziger Jahren. — Vermischtes. «Telle iu)e CLxk&ei. Bonn, 3. November. Die Juden und die Cultur. I. Die Ueberschrift dieses Artikels legt uns zwei Fragen vor: Welches ist das Verhältniß der Inden zu der Cultur? und welches das Verhaltniß der Cultur zu den Juden? Oder mit anderen Worten: hatten und haben die Juden eine Mission auszuführen für die Cultur? und haben die Juden in ihrem innersten Wesen und ihren geschichtlich gegebenen Verhältnissen eine Tendenz und Befähigung, und darum ein unabweisliches Bedürfniß für die Cultur? Zur Beantwortung dieser Fragen ist es wohl angemesien, sich zuvor klar zu machen, was eigentlich Cultur ist? Ganz einfach gefaßt erscheint sie uns als die durch den ganzen Lauf der Geschichte fortschreitende Entwickelung und Bildung res Menschengeistes, um zur Erkenntniß und Verwirklichung der Wahrheit und des Rechts in der Gesammtheit des Menschengeschlechtes zu gelangen. Wie sie in der Ur- und Vorzeit ihre ersten Keime pflanzte, alsdann durch lange Zeiten in einzelnen Völkern diese Keime befruchtete und entfaltete, wie sie spater diese Völker in Verbindung brachte, gegenseitig auf sich wirken und ihre Erfolge aufeinander überttagen ließ, wie sie immer neue Völkerstämme, wenn die alten erschöpft und abgenutzt waren, zu ihrem Boden machte und durch die Vergangenheit befruchtete, wie sie endlich in unsrer Zeit die entferntesten Weltgegenden zu einem Ganzen zu vereinigen sucht, das lehrt uns die Geschichte in der unzweideutigsten Weise, so daß. wer dieses großartige Bild überblickt, keinen Schatten von Zweifel über dieses äußere und innere Wachsthum der Cultur, über ihre dem menschlichen Wesen eingeborene Natur hegen wird. Ebenso wenig entgeht es uns, daß die Cultur wesentlich in den beiden Momenten besteht, die Wahrheit und das Recht zu erkennen und zu verwirklichen. Die rohe Naturgewalt kennt nichts weiter als die Befriedigung der Bedürfnisse und zielt deshalb auf nichts als Besitz und Macht. Die Cultur hingegen geht zwar von diesen beiden Naturmomenten ebenfalls aus, verlegt aber das Bedürfniß in die Region des Geistes, erstrebt die Aufklärung des Geistes über das Wesen und wirkliche Verhalten der Dinge und unterzieht auch das materielle Bedürfniß der Einwirkung und Herrschaft des Geistes. Die Macht aber will sie nur zur Dienerin des Rechtes umwandeln; sie verlegt deshalb die Macht in die Gesammtheit, um jedem Einzelnen in gleichem Maße Bestand und Freiheit zu sichern. Nicht mehr der einzelne Mensch soll Erkenntniß und Macht besitzen, sondern Alle an derselben Antheil haben; und wie im einzelnen Staate, so sollen — dies ist das Bestreben der Cultur — alle Völker der Erkenntniß und des Rechtes theilhaftig werden und so durch die Macht der vereinigten Völker das Recht allein in der Gesammtheit des Menschengeschlechtes obwalten. Dies ist die unermeßliche Arbeit der Menschheit, deren fortschreitende Erfüllung wir da, wo wir gegenwärtig angelangt sind, zu erkennen vermögen, ohne die Zeit bestimmen zu können, in welcher das Ziel erreicht sein wird, und diese Arbeit nennen wir Cultur. Hat nun das jüdische Volk an dieser Cultur Theil ge-

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