Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1875)
- Date
- 1875-11-02
- Page
- Seite 733 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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733 Boruriheil und Feindseligkeit gegen sie alle nährt. Allerdings hat es auch solche Autoren gegeben, welche die Juden nach der guten Seite idealisirten, und ohne die Wirklichkeit zu kennen oder ohne sich an diese zu halten, Juden und Jüdinnen zu Idealen verwandten. In der That haben diese hierdurch in gewisien Momenten für die Juden, oder vielmehr für die Sache des Rechts und der Humanität nützlich gewirkt; aber es sind dies nur wenige, und der Mensch ist einmal so beschaffen, daß er der Bosheit und Medisance viel mehr Ohr und Sinn leihet als dem Gegentheil. Das Ideal findet er im Leben nicht verwirklicht, die bösen und lächerlichen Eigenschaften traut er seinen Mitmenschen leicht und gern zu, besonders wenn er sie ihnen im Voraus schon zuschreibt. Da tadelt man denn an den Juden die allzu große Empfindlichkeit. Aber diese entspringt nur aus dem Bewußtsein, daß man den gerügten und in's Licht gestellten Fehler allen Juden aufbürdet und in jeder Zeichnung einen Typus der gesammten Judenheit gegeben zu haben vermeint. Wer die Juden kennt, weiß, daß sie für einander durchaus kein besonderes Wohlwollen, keine Vorliebe und Alles nivellirende Sympathie hegen; sie beurtheilen sich gegenseitig in vielen Punkten noch schärfer als die Nichtjuden. Es ist also kein Borurtheil für einander, aus welchem Kiese Empfindlichkeit entspringt, sondern daraus, daß sie wissen, sie selbst werden unter diese häßlichen und lächerlichen Gestalten hineingezogen. So kommt es, daß viele jüdische Leser und Leserinnen, wenn sie sich durch die Lectüre eines Romans ergötzen wollen, oft genug in ihrem harmlosen Vergnügen gestört, recht sehr geärgert werden, und zwar um so mehr, wenn ihnen die Schrift anderweitig gefällt. Wir würben unsere Benrtheilung für nicht gerechtfertigt halten, wenn wir nicht nachwiesen, wie eben die Autoren aus den Juden nur immer wieder gleiche Typen zurechtmachten, also nicht lebenswahre Individuen, sondern ganze Gattungen fabricirten. Da ist die erste Fiction, daß die Juden von glühendem Rachedurst gegen die Christen wegen der an ihnen verübten Unthaten erfüllt seien, und aus diesen Glaubensartikel bauet man sich den Typus eines jüdischen Racheengels auf. Wir wollen hier nicht wieder an Shylok erinnern, mit welchem sich Shakesspeare an den Juden für immer versündigt hat, während doch spanische Jüdin zur Hülfe, deren Eltern die Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannte, die deshalb der ganzen Christenwelt ewige Rache geschworen, sich, 25 Jahre alt, als alte Hexe verkleidet. den Heeren nachzieht, und die Leichen der Gefallenen auf den Schlachtfeldern ausraubt, die Beute aber den jüdischen Gemeinden für ihre Armen und wohlthätige Stiftungen zuschickt. Man wird zugestehen, daß dies ebenso unjüdisch wie überhaupt, verkehrt ist. Franz Ziegler giebt als zweiten Band seiner gesammelten Novellen und Briefe aus Italien einen Roman „Seit 1815". Der Hauptheld darin ist ein ganz kurioser Jude, der aus Rache für die Ungerechtigkeiten, die sein Stamm im preußischen Staate damals noch erduldete, und weil dieser noch manche feudale Gesetze damals aufrecht erhielt, dem Staate selbst Rache geschworen, und diese in den möglichsten Schaden, den er ihm zufügt, z. B. durch Beförderung der Schmuggler, zur That macht. Dieser sonderbare Held, ein Freund und Verehrer Robespierre's, voll Großmuth gegen alle Leidende und Unterdrückte, sieht das Unrecht und die knabenhafte Thorheit nicht ein, die er verübt. Er ist aber auch voll Haß und Rache gegen die Juden, weil sie, nachdem sie in Frankreich seit zwanzig Jahren emancipirt waren, in Deutschland und in Preußen damals noch lange nicht, nicht allesammt schon Landbebauer geworden, und weil sie sich unter einander verheiratheren. Auch hier wird man nicht leugnen, daß an diesem jüdischen Helden Alles gemacht und verkehrt ist, und dieser bewegliche und viele Reden haltende Jude doch nichts als eine Marionette ist, die der Autor am Drache seines erkünstelten Axioms hin- und herzieht. Wir haben diese beiden Beispiele für Figuren aus älterer und neuerer Zeit nur so herausgewählt, wie sie uns gerade in die Hände fielen. Man begegnet diesem Typus in zahllosen Romanen und Novellen — nur nicht im Leben und in der Geschichte. Diese beiden vermögen für das Rachegelüste der Juden, für eine so hoch tragische Leidenschaft gar kein Beispiel heranzubringen, und dies müßte doch überaus leicht sein, wenn der jüdische Stamm ftüher oder auch jetzt eine solche Passion gehabt und hätte. Die christliche Welt kann es sich einmal nicht anders denken, als daß die Juden, weil sie viel, ja manchmal Ungeheuerliches gelitten, von Rachegefühlen erfüllt waren und seien. Es ist dies das Schulvbewußtdie zu Grunde liegende Thasache ist, daß unter Papst Sixtus V.Jfein der christlichen Welt den Juden gegenüber — aber in diesen ein Christ einem Juden ein Pfund Fleisch abcontrahirt hatte,! selbst trifft das Rechenexempel durchaus nicht zu. Wir finden wofür der strenggerechte Kirchenfürst Beide bestrafte, auch den! in einigen uralten Gebeten der Juden hier und da einen Schrei Juden, weil er die Hand zu einer solchen verbrecherischen Absicht , um Vergeltung. Dies ist aber auch Alles. So viel wir in der geboten, natürlich diesen minder. Shakesspeare kannte die Juden; Geschichte und im Schriftthum der Juden blättern, und so viel gerade so, wie Walter Scott, der seine Jüdin zu einem Ideal! wir uns im Leben alter und neuer Zeit umsehen: wir begegnen der Dankbarkeit und Resignation gestaltete. Aber die Vorstellung; weder einer Aufforderung, noch einer That der Rache. Dievon Rachegelüsten in den Juden ist seitdem aus den Romanciers j jenigen, die der Wahrheit die Ehre geben, haben den Juden nicht gewichen, und wird von ihnen auszebeutet, weil sich damiti diesen Mangel an Rachedurst sogar bisweilen als eine Charakterrecht tragische Scenen und Verwickelungen herbeiführen laffen.! schwäche vorgeworfen — denn Vorwürfe muß man doch einmal Da schreibt Brachvogel „Die Abentheuer des Ritters Lupold" j den Juden machen. Die geschichtlichen Gründe scheinen uns aber aus dem sechszehnten Jahrhundert. Als Episode nimmt er eine i darin zu liegen, daß einentheils die Juden zu sehr wußten, wie