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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-02 · Heft 45 (2.11.1875) · p. Seite 732

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 45 (2.11.1875)
Date
1875-11-02
Page
Seite 732 (sequence 12)
Language
German
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732 Jeuilleton. Zädische Typen in der Romanliteratnr. Die größte Schwierigkeit unv dabei die erste Bedingung für den Verfasser von Romanen und Novellen ist die Auffindung bedeutender Charaktere unv interessanter Situationen. Darüber sind nun alle Aesthetiker und Psychologen einig, daß ein Dichter nur diejenigen Figuren wahr, dem Leben entsprechend und plastisch zu gestalten vermag, die er aus eigener Anschauung, Beobachtung und Erfahrung schöpft. Wie der Landschaftsmaler keine Naturgegenstande richtig zeichnen unv wiedergeben kann, die er nicht mit eigenen Augen geschaut, dann aber aus diesen in selbstständiger Wahl und Zusammenstellung ein ideales Gemälde componirt: so auch der Autor von Romanen und Novellen. Will dieser jedoch hierüber hinaus Kinder feiner eigenen Einbildungskraft, Personen nach der eigenen Phantasie schassen, Menschen, die er selbst hervorgebracht, in das Leben führen, das er zu schildern unternimmt: so werden es Schattenbilder, erkünstelte Marionetten ohne innere Wahrheit und ohne scharfe und richtige Gestaltung. Daher kommt es, daß mit wenigen Ausnahmen die ersten Schöpfungen eines Romanschriftstellers originell und bedeutend sind, vorausgesetzt, daß er überhaupt Begabung für dieses Fach besitzt und in nicht allzu großer Jugend anfängt. Späterhin wiederholt er sich nur, oder greift eben zu Künstelei und Nebulirung. Das Schlimmste nämlich ist, daß wenige dieser Autoren sich zu beschränken wissen, rechtzeitig aufhören oder nur in längeren Pausen zur Feder greifen. Meist machen sie aus dem Romanschreiben ihren Lebensberuf, ein Handwerk, so daß sie schon von der Lebensnothdurft gezwungen sind, jährlich wenigstens einen mehrbändigen Roman in die Welt zu schicken. Da ist es denn gar nicht anders möglich, als das sie alle Originalität verlieren und ihre Erzeugnisse todtgeborene Kinder einer immer mehr verstachenden Literatur sind. Wie gesagt, am meisten sind daher die Verfasser von Romanen und Novellen auf eigenrhümliche, interessante und pikante Charaktere aus, diese theils zum Hauptgegenstande ihrer Dichtung, theils zum Inhalt von Episoden zu machen, welche das Ganze würzen, und die Einförmigkeit unterbrechen sollen. Da nun die Auswahl zu diesem Zwecke nicht sehr bedeutend, so lag es nahe, daß diese Autoren recht häufig — zu den Juden stüchten. Das wechselvolle Geschick dieses Stammes, das so voller Tragik ist, die besondere Stellung in die man ihn hineingezwungen, die eigenthümliche Erscheinung, die sich an ihm herausgebildet, die mannichsaltigen Streitfragen und Conflikte, in die er und durch ihn Andere gerathen, bieten einen unerschöpflichen Stoff für die Verarbeitung im Gewände der Dichtung. Die Klippe jedoch, an der man scheiterte und immer wieder scheitert, ist, daß man den Juden gar nicht kennt, daß man ihn in seiner Wirklichkeit, in seinem Wesen und Charakter nicht kennt, daß hergebrachte Vorurtheile und äußerliche Momente für die überwiegende Mehrheit der Schriftsteller das alleinige Kriterium für die Judenfiguren in ihren Produkten hergeben. Man setzt sich gewisse Seelenzustände, Leidenschaften und Neigungen zusammen, und giebt diese für die psychologischen Elemente des Juden aus; ebenso componirt man sich gewisse Situationen, und theilt diese den Juden zu — und hiermit wähnt der Autor Juden gezeichnet zu haben. Ob sie mit dem Leben und der Geschichte übereinstimmen, ob sie Wahrheit enthalten, ob sie Muskeln und Nerven um das künstlich verfertigte und doch nur schlottrige Skelet besitzen, ob ein Herz in ihnen klopft, und lebendiges warmes Blut in ihnen rollt — darum kümmert sich der Romancier nicht, da die Juden es sich gefallen lassen müssen, und die Mehrzahl der Leser diese ebenso wenig kennt, wie der Autor. Man würde dieses leichtfertige Spiel nun den Romanschreibern und zugleich den Dramatikern Nachsehen, wenn die Juden nicht eben darunter zu leiden hätten. Es giebt keinen Stand, der nicht in ähnlicher Weise gemißhandelt wird; vom Fürsten bis zum Eckensteher müssen sie es sich gefallen lassen, verkehrt, excentrisch, bald nebelhaft, bald gemein dargestellt zu werden. Niemand wird es dem Autor verübeln, und nur dieser selbst hat darunter zu leiden, weil, wenn er es schlecht gemacht, Kritik und Publicum ihn verwerfen. Warum? Weil eben die Darstellung doch nur als die eines Individuums, nicht aber des ganzen Standes aufgefaßt wird. Wenn ein Fürst, ein Minister, ein Ossicier, ein Banquier,'ein Fabrikant, ein Schneider oder Schuster oder dergleichen als schlecht oder lächerlich, als ein Ausbund von Lasterhaftigkeit oder Thorheit gezeichnet wird, so wird es Niemandem einsallen, alle Fürsten, Minister, Schneider oder Schuster dadurch betroffen oder geschildert zu glauben. Anders ist aber das Schicksal der Juden. Nachdem man sie fast anderthalb Jahrtausende zu einer einförmigen Masse zusammengeschnürt hatte, nachdem dies bereits über ein Jahrhundert völlig anders geworden, und die Kultur mit ihrer rapide wirkenden Zersetzungskraft jene Masse längst ausgelöst und nach allen Theilen des gesellschaftlichen Gebietes zerstreut hat: kann das allgemeine Publicum sich immer noch nicht von der Vorstellung trennen, die Juden als eine einzige, gleichförmige Masse zu betrachten, und in dieser unerhörten Solidarität ihnen allesammt diejenigen Eigenschaften, Neigungen und Leidenschaften zuzuschreiben, die man an einem einzelnen Juden wahrgenommen oder wahrgenommen zu haben vorgiebt. Es ist dies so recht der Beweis, daß man die Juden nicht kennt; und doch kannte man sie ebensowenig, als sie noch in den Ghetti lebten. Wenn nun die Romanschriftsteller und ebenso die Dramatiker die Juden aus ihrer Vorstellung und Einbildung heraus auf die Bretter ihrer Dichtung bringen, wenn sie sie in einer Schlechtigkeit oder Lächerlichkeit zeichnen: so ist dies für die Juden darum nicht gleichgültig, weil eben das Publicum diese Eigenschaften auf alle Juden überträgt, und dadurch

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