Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1875)
- Date
- 1875-11-02
- Page
- Seite 731 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227060--33956-3303798- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
731 Beziehung unterschätzen. Auch hier haben wir also den Kaiser Alexander II. als einen vorurtheilslosen und großherzigen Herrscher zu begrüßen! Redaction.» Rumänien. Bukarest, io. October. Vorgestern hat der Bukarester Cassationshof endgiltig Len Recurs mehrerer Israeliten gegen die Nichteintragung ihrer Namen in die Communal-Wahllisten verworfen. Die Recurrenten beriefen sich auf das rumänische Gesetz, welches den Juden zwar nicht die politischen, wohl aber die Communalrechte zugestehe. Nachdem das Tribunal von Jassy gegen diese Ansicht entschieden hat, wurde nun auch vom Caffationshofe das Communal-Wahlrecht den Juden in Rumänien abgesprochen. (Dies gelten Gesetz und Recht in Rumänien! Das Gesetz gesteht mit großer Beschränkung einer Anzahl Juden das städtische Wahlrecht zu, die Stadtbehvrden verweigern ihnen die Ausübung dieses Rechtes und die Gerichtshöfe stimmen ihnen bei. Diese Einigkeit der Verwaltung und der Justiz ist sehr rührend und eine Bürgschaft der Wohlfahrt Rumäniens — besonders La es sich um Unterdrückung und Ausschließung handelt. Dem Auslände gegenüber zeigt aber dieses Volk triumphirend auf sein Gesetz, wie viel dies dem Freisinn und der Toleranz opfere. Wir glauben. Laß die östlichen christlichen Staaten noch recht viel von der so verachteten und verschrieenen Türkei lernen können. Redaction.) Amerika. Sau Autouio (Texas», 11. September. (Privatmitth.) Wir erhalten von diesem Orte die Nummer 108 der „Freie Preffe für Texas" von obigem Datum. — In derselben befindet sich ein Artikel über die Einweihung einer Synagoge, den wir, weil aus so entlegener Gegend, hier wörtlich wiedergeben. Man sieht leicht, daß er aus einer christlichen Feder stammt. „Die Einweihung der Synagoge Beth El fand gestern Abend (am 9. September) von 5 V-> Uhr Abends statt. Das stattliche Gebäude liegt im nördlichen Theile der Stadt auf der Ostseite des Travisparks und wendet seine Front nach Westen hin. ES hat zwei Stockwerke, und soll, wie wir hören, der untere zu einer Schule eingerichtet werden. Man tritt durch das Hauptportal zunächst in eine Borhalle, von der aus zwei Treppen nach dem Tempel hinaufführen. Dieser selbst ist ein großer, lustiger Raum, hinreichend mit Fenstern versehen, um einen erquickenden Luftzug zu gestatten. Die Einrichtung desselben ist einfach, aber höchst geschmackvoll. Das Allerheiligste mir den Gesetzestafeln wird von einer Facade in Imitations-Marmor umgeben, die architectonisch gefällig ist; der Rednerstand, zu dem rechts und links Treppen hinaufführen, ist ganz modern und mit Candelabern versehen, die eine Anzahl Gasflammen tragen. Ein großer, bronzener Kronleuchter ziert die Mitte des Raumes und an den Wanden sind eine genügende Anzahl Seitenlichter vertheilr. Der Chor, dem Allerbeiligsten gegenüber, wird von großen Bogenfenstern erhellt und trägt die Orgel. Die Synagoge war mit Guirlanden und Blumensträußen festlich geschmückt; die Lichter brannten und eine große Menge Zuschauer hatte sich eingefunden, um einem Gottesdienste beizuwohnen, den zu sehen sie bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt. Der geräumige Saal wurde bald zu klein, um die neugierigen Menschen alle zu fassen. Die hiesige Gemeinde ist eine Reformgemeinde und hat somit viel des Formenwesens der jüdischen Orthodoxie beseitigt. Dazu gehört namentlich das Hutaufbehalten, die Trennung der Geschlechter im Tempel und das Priesterornat. Auch sind Orgel und Chor Neuerungen. Die Feierlichkeit begann mit einem Präludium auf der Orgel, während dessen sich eine Anzahl junger Mädchen vor der Tribüne aufstellle. Tann setzte der Chor mit einer Hymne ein und die Procefsion mit der Bundeslade bewegte sich von der Vorhalle aus nach dem Allerheiligsten. Es ist nicht unsere Absicht, alle Einzelnheiten der Ceremonien zu beschreiben; sie sind im Wesentlichen von denen anderer religiöser Körperschaften wenig verschieden, machen aber durch ihr ungesuchtes Wesen im Ganzen einen wohlthuenden Eindruck. Die Herren Rosenspitz und Gutheim leiteten die Handlung und der aus Herren und Damen zusammengesetzte Chor übernahm den musikalischen Theil der Feier und entledigte sich seiner Aufgabe in anerkennenswerther Weise. Den Mittelpunkt der Anziehung bildere die Rede des Rabbi Gutheim von Neu-Orleans, eines Mannes von ungefähr sechzig Jahren mit grauem Haupt und einem höchst intelligentem Gesicht. Seine Stimme klang voll und rund und füllte den Saal vollständig aus. Sein Thema war ein Spruch aus dem Propheten Jesaias, den er dazu benutzte, die Entwicklung des Menschengeschlechtes zur Freiheit durch alle verschiedenen Phasen der Geschichte nachzuweisen. Was uns ganz besonders angenehm berührte, waren die toleranten Ansichten, welche er dabei zur Schau trug. Er segnete nicht blos seine Glaubensgenoffen, sondern auch alle jene, die in Glaubenssachen von ihm differirten. Welch' ein Gegensatz zu dem ewigen Anathema, das uns aus den alleinseligmachenden Gotteshäusern und aus dem Munde des unfehlbaren Oberpriesters entgegenschallt! Wenn die Israeliten durchweg diesem Geiste der Humanität huldigen, so muß man ihnen zugestehen, daß sie auf der Höhe der Cultur in Glaubenssachen wenigstens stehen. Wir sind der Rede des Gutheim, obwohl unsere Ansichten von den seinen wesentlich abweichen, doch mit großem Vergnügen gefolgt. Oratorisch war sie ein Meisterstück und den darin niedergelegten Gesinnungen nach ein Ehrenzeugniß für ihn selbst und seine Gemeinde. Damit wollen wir schließen und nur noch den Wunsch aussprechen, daß die hiesigen Israeliten auf der ihnen von Herrn Gutheim vorgezeichneten Bahn wacker voranschreiten mögen. 4L*