Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1875)
- Date
- 1875-11-02
- Page
- Seite 730 (sequence 10)
- Language
- German
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730 der Cultusgemeinde und der Honvöds-Officierscorps und das übrige Publicum. Im Friedhofe wurden bei Beleuchtung noch drei Reden gehalten und es war zehn Uhr Nachts geworden, als die Leidtragenden die Stätte des Friedens verließen. Holland. Amsterdam, im October. Der „N. fr. Pr." schreibt man von hier: „Nur das ultra-orthodoxe Organ, der Standard, welcher allen modernen Institutionen einen unversöhnlichen Haß geschworen hat, laßt keinen Tag vorübergehen, wo er nicht versucht, den Mauerbrecher anzusetzen. Dieser Tage bemühte sich das antirevolutionäre Blatt, den Glaubenshaß neu anzufachen, indem es über den jüdischen Deputirten Amsterdams spöttelte, und bei dieser Gelegenheit allerlei Gemeinplätze und bissige Bemerkungen zu Markt brachte. Mehrere liberale Zeitungen leuchteten indeß dem Standard mit vielem Glücke heim, denn Herr Godesroi, der Amsterdamer Deputirte und ehemalige Justizminister, welchen er zur Zielscheibe erkoren, ist einer der bedeutendsten niederländischen Rechtsgelehrten und ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Zehe, der sich bei allen Parteien der höchsten Achtung erfreut. Die besten Advocrten sind übrigens die Juden hierzulande — ein Umstand, dem folgende Anekdote ihr Entstehen verdankt, welche, wahr oder nicht, was ich nicht entscheiden will, jedenfalls pikant und charakteristisch und der Mittheilung wohl werth ist. Bor einigen Jahren hatte ein Deutscher einen verwickelten Rechtshandel hierzulande und erkundigte sich im Haag nach einem der tüchtigsten Rechtsanwälte. Man wies ihn zu einem Juden. Im Laufe des Procesies kam er mit verschiedenen Magistratspersonen in Berührung, und stets wollte es der Zufall, daß es Juden waren. Als er bald darauf eine Audienz vom Justizminister erbeten und erhalten hatte, fand er sich ebenfalls wieder in Gegenwart eines Juden. Der Minister gab ihm den Rath, sich in seiner Angelegenheit an den König zu wenden. „Bitte, Excellenz," platzte der Bittsteller heraus, „ist der etwa auch Jude?" (Diese Anekdote ist selbstverständlich erfunden; denn Godesroi war keine lange Zeit Justizminister, weil er mit seinen Collegen abtrat und allem späteren Drängen, wieder Justizminister zu werden, nicht nachgab, im holländischen Richterstande damals nur zwei Juden amtirten, also der Zufall sehr eigensinnig hätte sein müssen, um den Bittsteller nur mit jüdischen Beamten zusammenzubringen. Redaction.) Spanien. Madrid, 14. October. Wenn auf irgend eine Weise der römische Stuhl unumwunden gezeigt hat, was er wolle und erstrebe, so geschah dies jüngst durch die, an die gegenwärtige spanische Regierung gestellte und mit Schroffheit formulirte Forderung, in Spanien die Glaubenseinheil wieder herzustellen, d. h. die nicht mehr ganz unbeträchtliche Zahl von Protestanten und die noch sehr geringzahligen Juden aus dem Lande zu treiben und die Inquisition wieder herzufiellen, um die „Freidenker" auszurotten. Die römische Curie hielt den Zeitpunkt für ein solches Verlangen günstig, da die Alfonsistische Regierung den Carlisten gern die Unterstützung des Klerus entziehen möchte. Es ist nun sehr fraglich, ob die augenblicklichen Regierungsmänner aus eigener Ueberzeugung den Gelüsten des Baticans nicht nachgeben mögen: sicher ist es vielmehr, daß die spanische Nation von einem solchen Joche nichts mehr wisien will. Wozu hätte sie denn auch den Alfons herein gerufen oder wenigstens Hereingelaffen, da sie, hatte sie nach den alten Zuständen Verlangen, sich mit Don Carlos begnügen konnte. Ueber die Antwort des spanischen Ministeriums wird nun Folgendes berichtet. Die letzte, an den Batican gerichtete spanische Note besagt Folgendes: Der Minister bedauert, daß die Concorrats frage einen Augenblick gedroht habe, das zwischen dem Vatican und Spanien bestehende Einvernehmen zu stören, und fügt hinzu, das Ministerium könne es nickt Voraussagen, wie die Lösung dieser Frage sein werde; es werde aber alles Mögliche thun, um jeden Zwist zu beseitigen. In Betreff der Frage der Freiheit der Culte, welche gewiß von den Cortes aufgeworfen werden wird, werde es sich das Ministerium möglichst angelegen sein lassen, sich mit dem Vatican in's Einvernehmen zu setzen, innerhalb jener Grenzen, welche die inneren Verhältnisse des Landes gestatten werden. Bei Besprechung des Artikels XI. des Bersassungsentwurfes weist die Note die Nothwendigkeit nach, die religiöse Freiheit ausrechtzuhalten. Das Ministerium werde alles Mögliche thun, um Ordnungsstörungen hintanzuhalten; es hofft, raß es auch im Wunsche des Vaticans gelegen sein werde, innerhalb der möglichen Grenzen ein Einverständniß herbeizusühren, und daß derselbe auch auf die schwierige Lage des Cabinets Rücksicht genommen habe. Schließlich spricht die Note die Hoffnung aus. daß der Vatican den Verhältnissen Rechnung tragen werde, die nicht nur in Spanien, sondern in ganz Europa bestehen. Die endgültige Antwort wird in der Beschlußnahme der bald zu versammelnden Cortes liegen. Rußland. Odessa, im October. Man spricht hier viel von der jüngst erfolgten Ernennung des aus Odessa gebürtigen Porte-öpö-Junkers israelitischer Consession, Namens Freymann, zum Officier, welche Ernennung wie gewöhnlich durch den Kaiser erfolgte. Der eben erwähnte Fall der Beförderung eines Juden zum Officier ist rer erste in der russischen Armee. (Niemand wird die Bedeutung dieses Vorgangs für die russischen Juden in socialer und politischer