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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-02 · Heft 45 (2.11.1875) · p. Seite 729

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 45 (2.11.1875)
Date
1875-11-02
Page
Seite 729 (sequence 9)
Language
German
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729 Oesterreich-Ungarn. Aus Ungarn, 20. October. lPrivatmillh.) Das Hinscheiden Leopold Löw's hat in Ungarn große Theilnahme erweckt. Vielleicht zollt man ihm in den patriotischen christlichen Kreisen noch mehr Anerkennung als in den jüdischen. Er hatte sich frühzeitig der ungarischen Richtung zugewendet, sich die ungarische Sprache in einem seltenen Maße angeeignet und sich in derselben in Schrift und Wort ausgezeichnet. Deshalb sprechen die ungarischen Blatter sein Lob in überschwenglicher Weise aus. Leopold Löw wurde am 22. Mai 1811 in Czernahora in Mähren geboren, und kam, nachdem er mehrere Talmudschulen mit glänzendem Erfolg absolvirt hatte, 1831 nach Proßnitz, um daselbst als Lehrer zu wirken. Hier war es, wo er mit dem nachmaligen Pester Oberrabbiner Schwab in intime Berührung trat und so den ersten Anlaß zu seiner späteren Wirksamkeit in Ungarn erhielt; denn als Schwab dem Rus der Pester israelit. Gemeinde Folge leistend, nach der Hauptstadt Ungarns zog, folgte Löw als Freund und Schüler seinem Meister hierher, und theils hier, theils in Preßburg und Wien absolvirte er seine philosophischen Studien. — 1840 trat er zu seinem väterlichen Freunde und Lehrer in ein engeres Verhältniß, indem er dessen Tochter zur Frau nahm, und eben damals folgte er dem Ruf der israel. Gemeinde zu Kanizsa, die ihn zu ihrem Oberrabbiner gewähli hatte. — Löw hatte sich schon in den dreißiger Jahren mit der ungarischen Sprache und Literatur vertraut gemacht, und so war er in seiner eben erwähnten Stellung einer der Ersten in seinem Beruf, die das Wort Gottes in der vaterländischen Sprache verkündigten. Im Jahre 1846 leistete er dem Ruf der Päpaer israelit. Gemeinde Folge und hier war es, wo er als eifriger Vertreter des Fortschritts von den Orthodoxen angefeindet und ihm seine Stellung vielfach verbittert wurde. Den Leiden, die ihm hieraus erwuchsen, machte das Jahr 1848 ein Ende. Er ward Feldprediger der jüdischen Honvöds des Beßprimer Comirats und damals hielt er jene Feldpredigten, wegen deren er später im Vereine mit seinem greisen Schwiegervater Schwab im Gefangniß büßen mußte. Wieder auf fteien Fuß gesetzt, kehrte er nicht mehr in die ihm vielfach verleidete Stellung nach Päpa zurück, sondern folgte 1850 dem von Szegedin an ihn ergangenen Ruf, und seitdem lebte er als dortiger Oberrabbiner seinen theologischen, archäologischen und historischen Studien, deren Früchte er in zahlreichen Werken niederlegte und in ungarischer, wie auch in deutscher Sprache veröffentlichte. Dies ist die Skizze seines äußeren, vielbewegten Lebens. Wie schon darin angedeutet ist, verbrachte Löw viele Zeit seines Lebens in heftigem Parteikampfe, in welchem er nicht selten auch gegen diejenigen Front machte, denen er eigentlich in Richtung und Gesinnung nahe stand. Die Beurtheilung vieler dieser Vorgänge sieht erst der Zukunft zu. Es ist immer mißlich, sich über die Parteien stellen zu wollen, und hierdurch, statt den gegebenen Verhältnissen Rechnung zu tragen, der eigenen Partei großen Schaden zuzufügen. Niemand jedoch wird die eminente Kraft leugnen können, welche in Löw zu Grabe getragen worden, die außerordentliche Belesenheit, die er besaß, und das Talent, mit dem er sie zu benutzen, und seine Gedanken zum Ausdruck zu bringen verstand. Löw hinterläßt zwölf Kinder, von denen sechs noch unversorgt sind. Der ungarischen Judenheit liegt wohl die Pflicht ob, den Hinterlaffenen eine hülfreiche Hand zu bieten. Wien, im October. Am 17. October, am Geburtstage des Stifters, kamen die Zinsen der Prediger-Mannheimer-Stiftung zur Vertheilung. In Folge von Spenden, Jahresbeiträgen :c., welche den Zinsen zugeschlagen wurden, war es möglich, 1009 fl. zu vertheilen. Siebzehn Petenten wurden bedacht, und zwar 1 zu 200 fl., 3 zu 100 fl., 7 zu 50 fl. und 6 zu 25 fl. Dem Stande nach waren die Petenten: 7 Lehrer, 5 Lehrerswittwen, 4 Rabbinerswittwen und 1 Rabbiner. Der Nominalwerth der Fondspapiere beträgt jetzt 20,100 fl. Szegedin, 19. Oct. Ueber das Leichenbegängniß des Oberrabbiners Löw wird dem „P. N." aus Szegedin gemeldet: Von allen Seilen strömten zahlreiche Deputationen zu dem Begräbniß herbei; an 60 bis 7 0 Gemeinden mochten vertreten sein; außerdem unzählige Vereine und Corporationen, öffentliche und Privalinstitute. Die Hauptgassen, namentlich die Dreikronengasie, wo der Verblichene gewohnt, waren mit Trauerfahnen bedeckt, von den meisten öffentlichen Gebäuden wehten ebenfalls Trauerfahnen. Um halb 3 Uhr begann der feierliche Traueract, doch schon um die Mittagsstunde waren die Gaffen, durch welche der Zug sich bewegen sollte, von Leidtragenden occupirt. Um halb 3 Uhr wurde der Sarg in die Synagoge getragen, wo die Deputationen Platz nahmen. Die Synagoge war mit schwarzem Tuche ausgeschlagen und erleuchtet. Rings um den Sarg standen herrliche Blumen, den Sarg selbst bedeckten zahllose Kränze von Schülern und Verehrern des Verstorbenen. Die erste Rede im Tempel hielt der Araber Rabbiner Steinhardt, ihm folgte der Sohn des Verblichenen, der Rabbinatscandidat Immanuel Löw. Die Anwesenden waren lief ergriffen von seiner Ansprache, und die Augen Vieler schwammen in Thränen. Hierauf sang die „Darlarda" einen ergreifenden Trauerchor und der Sarg ward in den Tempelhof getragen, wo eine unübersehbare Menge harrte und wo vr. S. Kohn eine ergreifende ungarische Rede hielt, in welcher er den großen Verdiensten des Verblichenen Gerechtigkeit widerfahren ließ. Der Leichenzug setzte sich dann, von einer unübersehbaren Menge geleitet, in folgender Ordnung in Bewegung: 1. Die Zöglinge der Szegeviner Schulen, deren Religionslehrer der Verblichene war; 2. der Obercantor und der Chor; 3. der Leichenwagen 4. die Familie und die Rabbinen; 5. die Vorstände der Gemeinde und der Vereine; 6. die Deputationen; 7. Vertretungen 45

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