Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1875)
- Date
- 1875-11-02
- Page
- Seite 728 (sequence 8)
- Language
- German
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728 darüber, wer an dem Gründungsrausch und seinen Folgen die Hauptschuld tragt, die Industrie, die Börse oder das Publicum. Wir sind gewiß die Letzten, das Slrauchritterthum von der Börse entschuldigen zu wollen, und theilen die Entrüstung über das Gründer- und Schwindlerunwesen durchaus. Aber man soll das Kind nicht mit dem Bad ausschütten und nicht das ganze Institut der Börse verantwortlich machen für Erscheinungen und Vorgänge, die zum Theil unabhängig von ihr vorgekommen und unter denen sie geradeso oder noch mehr gelitten wie die Andern. In gewissem Sinne verhält sich die Börse zum Publicum, wie das Barometer im Zimmer zu dem Wetter draußen. Wenn es regnet und stürmt, steht das Quecksilber tief, und man hat noch nie gehört, daß durch Klopfen und Schütteln am Wetterglas etwas gebessert worden. Noch viel weniger würde es nützen, im Zorn über das andauernde schlechte Wetter das Barometer zum Fenster hinauszuwerfen. Wenn es der sittlichen Entrüstung unserer deutschen Cato's gelänge, die Börse zu zertrümmern, würde der Schwindel damit nicht aufhören — denn die leidenschaftlichen Begierden, welche ihn erzeugten, liegen eben in der menschlichen Natur — sondern nur die Concentrirung, Publicitat und authentische Constatirung desselben. Bei ein wenig Nachdenken vermag sich jeder vorzustellen, wie viel schlimmer dann der Zustand würde. — Dem Schwindler von Profession, dem Wucherer, dem Betrüger könnte gar nichts Angenehmeres passiren. Wo das Gold auf der Straße liegt oder zu liegen scheint, sei es in Californien, oder an der Börse, da stürzt das Publicum auf Gefahr seiner Existenz und seines Wohlbefindens hin, und können wir von der fortschreitenden Civilisation eben nur verlangen, daß sie die Ueberlegung und Besonnenheit beim Menschen mehre und kräftige. — Das Dümmste aber, was man thun kann, ist, nun nach gestilltem Tumulte, wenn jeder seinen Schaden besieht und befühlt, sein Ohr den Projectenmachern, den wüsten Hetzern, oder gar den boshaften Jntriguanten zu leihen, die die allgemeine Unbehaglichkeit im Interesse von politischen, religiösen oder socialen Tendenzen ausbeuten wollen, zu welchen sich nicht selten Motive der allerniedrigslen Natur gesellen. Wie in der „guten alten Zeit" fehlt heuer auch das bep Iiep-Geschrei nicht, und müssen natürlich die Juden wieder herhalten. Schmachvoll ist es, was die „Kreuzzeitung" und die „Germania" in desfallsigen Artikeln geleistet haben. Es ist ganz dieselbe Art, mit der man im Mittelalter bei jeder öffentlichen Calamität den fanatischen Pöbel auf die Judenviertel zu Mord und Plünderung hetzte. Aber die Juden haben es nicht allein zu büßen, — die ultramontanen Zeitungen erklären den Schwindel geradezu als eine Schöpfung des Liberalismus. — Als ob schwindelhafte Unternehmungen von bestimmter religiöser oder politischer Färbung nicht gerade, ja ausschließlich unter der Firma des Ultramontanismus entstanden wären, fromme Werke klerikaler Nächstenliebe, die mit den Gerichten in höchst unangenehme Berührung gekommen! Wer erinnert sich nicht an die Spitzerer, den päpstlichen Grafen Lagrand - Dumonceau, der nicht wie andere bescheidene Gründer in seinem Prospectus einige vornehme Leute, sondern den Papst und Gott selbst herangezogen? Gab es doch sogar in Paris eine brmgue des messes, wollte man doch in Berlin eine „katholische" Bank gründen, die aber selbst in der Schwindelzeit keine gläubigen Actionäre fand. Noch in neuester Zeit übertrifft Phillipart an Großartigkeit seines Krachs alle andern, und der frühere Finanzminister der Ultramontanen in Belgien, Jakobs, ward vor einigen Wochen mit einer Verleumdungsklage gegen liberale Zeitungen abgewiesen, obschon diese behauptet hatten, er verkaufe seinen Namen an Actiengesellschaften. Dem frommen Biedermann ward in der gerichtlichen Berhandlung nachgewiesen, daß er für bloßes Zusehen als Verwaltungsrrth die Kleinigkeit von 100,000 Frcs. beziehe. Und diese Menschen, im Vereine mir Socialdemokraten und was sonst alles damit zusammenhängt, fabeln von einer Plutokratie, die den Staat beherrsche und die arme betrogene Menge in schwindelhaften Unternehmungen aussauge! Im 16. Jahrhundert freilich klagte man auf jedem Reichstag über die Privilegien der Hansa und der Handelsgesellschaften. Die Augsburger Banquiers hatten mehr Einfluß auf die Wahl Karl's V. als die meisten Kurfürsten, die päpstliche Verdammung Luther's wurde durch Fugger betrieben, der den Ablaß gepachtet hatte. Das waren noch greifbare Einflüsse, aber wo ist davon heutzutage eine Spur vorhanden? Selbst Rothschilds Privilegium, alleiniger Staatsdarleiher zu sein, und der daraus entsprungene relative Einfluß ist längst geschwunden. Alle diese Fesseln und Schranken, welche kühnen Unternehmungsgeist, Fleiß und Intelligenz früher beengten und hemmten, wenn sie nicht aus den Kreisen der Privilegirten hervorgingen, sind heute gefallen; heute waltet der Erfolg und das Glück, das leider bekanntlich nicht immer nach Verdienst wählt, denn .... es tappt unter die Menge, Faßt bald des Knaben lockige Unschuld, Bald auch den kahlen, sündigen Scheitel. Glück und Erfolg in der großen Politik wie im Handel und Wandel der Einzelnen müffen die Scheelsucht und die Mißgunst der Neider mit in den Kauf nehmen. Tritt ein Rückschlag ein, erheben sich diese im Chorus, um des lang angesammelten Aergers Uebermaß in Verleumdungen und Anklagen aller Art zu ergießen. Da sich die größeren und wichtigeren Organe der öffentlichen Meinung gegen die Ausnahme von unlautern Verdächtigungen und niedrigen Anschuldigungen verschließen, wird das Gift entweder in solchen Blättern, wie die „Frkf. Ztg.", der jedes Weh in Preußen eine Wonne ist, oder in kleinen, obscuren Scandalblättern abgelagert, die nachher an dem Orte, wo es gilt, öffentlich ausgeboten und colportirt werden. —" (Nun, das Obige stammt nicht aus einer jüdischen Feder!)