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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-11-02 · Heft 45 (2.11.1875) · p. Seite 723

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 45 (2.11.1875)
Date
1875-11-02
Page
Seite 723 (sequence 3)
Language
German
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723 der Muselmänner einen solchen Werth besäße, daß sie sich verletzt fühlen müßten, sie nicht zu erhallen, während wir sie auf so liberale Weise den Israeliten bewilligen, ^würden sie dieselbe dann nicht in größerer Anzahl nachsuchen sehen?— Der arabische Stolz empörte sich bei dem Gedanken, daß die Juden bewaffnet sein werden, um mit uns über die allgemeine Vertheidigung zu wachen. — Aber ist dies denn etwas Neues? stehen sie nicht schon in unsrer Miliz mit den Europäern und in derselben Uniform? Ihr linkisches Wesen bei Len Uebungen war zu jeder Zeit ein unerschöpflicher Gegenstand der Scherze in den maurischen Cafföes. — Sie werden an den Schwurgerichten betheiligt sein und so über Muselmänner und Christen zu uriheilen haben. — Fühlt man sich gedemülhigt, sie im Gerichtshöfe sitzen zu sehen, oder verdächtigt man sogar ihre Unparteilichkeit? Im ersteren Falle darf man wahrlich diese wenig würdige Empfindlichkeit nicht berücksichtigen; im zweiten, war man da nicht durch die kleine Zahl israelitischer Geschworenen beruhigt? Verminderte das Recht der Ablehnung nicht noch außerdem die Gefahr? War dies beleidigende Mißtrauen überhaupt 'gerechtfertigt? Wie können die vor die Assisen gestellten Muselmänner die systematische Feindseligkeit der israelitischen Geschworenen fürchten, während andere richterliche Personen meinen, daß im Gegentheil die Einführung dieses Elements in die Strafgerichtshöfe die Schärfe des Uriheils gegen Muselmänner abschwächen würde, gegen welche die Juten, im Jntereffe ihres Handels mit den Duars und aus Furcht vor Rache, sicherlich mehr zur Milde geneigt sein werden, als die Christen." Die Muselmänner beweisen durchaus eine Abneigung, sich naturalisiren zu lassen; sie wollen sich nicht mit den Franzosen assimiliren, und der Gesetzgeber sah sich noch in einer Reihe von Decreten genöthigt, das persönliche Statut für sie aufrecht zu erhalten. Im Gegentheil war die jüdische Bevölkerung bereits zu einem großen Theile der Franzosen assimilirt, sie genoffen eigentlich nur noch ihr besonderes Ehe- und Familienrecht, in allem Uebrigen waren sie dem französischen Recht unterworfen, hatten dieselben Ansichten über das Eizenthum, eigneten sich die französische Sprache und Kleidung an, wie denn die Mehrheit der jüdischen Jugend französisch spricht und schreibt und ihr traditionelles Costüm aufgegeben hat. Die muselmännische Bevölkerung proteftirte durchaus nicht gegen die Naturalisation der Israeliten; es thaten dies vielmehr einige exaltirte Franzosen selbst, und hielten die Verschmelzung der Juden mir ihnen für beleidigend. Es kam zwar vor, daß einige Monate später, am 1. März 1871, einige muselmännische Lastträger Juden mißhandelten und ihre Laden plünderten. Aber eben die Plünderung war der Beweggrund, nicht die Politik, und außer diesem Vorfall erhoben sich nirgends Drohungen gegen die naturalisirten Juden. Gerade in der Provinz Oran, wo die meisten Juden wohnen und die Muselmänner am fanatischesten sind, blieb Alles ruhig, während in Constantine und Algier der Aufstand losbrach. Die Muselmänner werden nur durch Gewalt im Zaum gehalten und Haffen die Franzosen nicht minder als die Juden. Daß die Naturalisation der Juden auch nicht den geringsten Einfluß auf den Aufstand der Muselmänner gehabt hat, wird durch das Zeugniß des Generals Angerau, der eine große Sympathie für die muselmännische Bevölkerung hegt, und bas des Deputirten Lucet von Constantine erwiesen. Noch mehr. Als der Aufstand am stärksten war und ein gehässiger Theil der Preffe, die selbst am meisten zum Aufstande durch ihre Angriffe auf die Behörden und die Armee beigetragen, jene Anschuldigung aussprach, richteten einige angesehene Israeliten dieser Stadt an die muselmännische Bevölkerung das Gesuch, sich offen darüber auszusprechen. Diese blieb die Antwort nicht schuldig. Ein mit zahlreichen Unterschriften und Jnsiegeln versehenes Document vom Juni 1871 sagt au«: „Wir sehen unsrerseits Eure Naturalisation durchaus nicht ungern; sie beunruhigt in keiner Weise die Existenz unsrer Glaubensgenoffen und erregt in Nichts ihre Eifersucht'." Die Unterschriften erweisen, daß das Document von Personen ausging, welche die höchste Autorität zur Vertretung ihrer Provinz besaßen. Herr Rouffel setzt übrigens die wirklichen Ursachen und Beweggründe des Aufstandes, gestützt auf Documente und genaue Sach- und Personenkenntniß, auseinander: die Juden spielen darin keine Rolle. Rouffel fährt fort: „In einigen Departements Frankreichs sind die Beziehungen zwischen Katholiken und Protestanten viel gespannter, als in Algerien zwischen Muselmännern und Israeliten. Es können sicherlich keine sympathischen Zuneigungen zwischen zwei Racen bestehen, deren eine über Alles den Kriegslärm liebt, sich im Pulver berauscht, sich dem Cultus der Gewalt bekennt, und die andere nur Neigung für ftiedliche Beschäftigungen zeigt und diesen friedlichen Geschmack selbst bis zum Aeußersten treibt. ') Trotzdem, wenn der sprichwörtliche Kleinmuth der Juden ihre Mißachtung bei den Arabern bewirkt, sind diese doch genöthigt, ihre Ueberlegenheit in anderen Beziehungen anzuerkennen. Die Christen sind in den vom Koran regierten Ländern geduldet worden, ungeachtet res Fanatismus ihrer Bewohner, weil die christlichen Stationen im Falle der Verfolgung ihrer Glaubensgenoffen zur Hülfe kommen können; aber damit diese Handvoll Ungläubiger, schwach, ohne Waffen, ohne Vertheiviger von außen, leicht zu vernichten, in Algerien bestehen konnte,, bedurfte es einer zwingenden Rothwenrigkeil. In der Thal mußten zu allen Zeiten die Muselmänner mit den Juden rechnen, weil sie ihre Dienste nicht entbehren konnten. Wie andererseits die Juden ohne die Araber nicht auskommen würden, so hängen die Einen an den Anderen durch die Bande der Jntereffen, die solider sind als die der Sympathie. Die Juden sind die Agenten des universellen Tauschhandels. Es liegt in ihrer Bestimmung, als Vermittler zwischen 2> Rouffel bemerkt, daß einige algiersche Israeliten wegen bewiesener Tapferkeit auf den Schlachtfeldern in Burgund dccorirl worden sind, und daß israelitische Milizen neben ihren christlichen Äameraden gegen den arabischen Aufstand tapfer gekämpft. 45*

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