Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1875)
- Date
- 1875-11-02
- Page
- Seite 722 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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722 nur in auswärtigen Kriegen zu zählen. — Betreffs der eingeborenen Juden gestatten wir uns eine Vorausnahme. Es ist bekannt, daß die Regierung vom 4. September 1870 durch ihre Delegation zu Tours am 24. October ein von Crömieux unterzeichnetes Decret erließ, welches die Naturalisation sämmtlicher eingeborener Israeliten als Franzosen aussprach. Nachdem der Frieden geschloffen und die Nationalversammlung ihre Arbeiten begonnen hatte, wurde — nicht von Seiten der Juden — ein Antrag eingebracht, dieses Decret zu widerrufen. Es wurde für diesen Zweck eine lebhafte Agitation in's Werk gesetzt, Zeitungsartikel und Broschüren erschienen, welche durch ihre Faffung selbst bezeugten, daß kein objectives gesetzgeberisches Motiv zu Grunde liege, wenigstens, daß man der Boruriheile und des Haffes sich bediente, um das Ziel zu erreichen. Jndesien erhoben sich auch Stimmen zu Gunsten der Naturalisation, und die Gegner brachten es in der Nationalversammlung nicht weiter als zur Wahl einer Commission, zu Verhandlungen und Berichterstattung in der letzteren, ohne daß der Gegenstand wieder vor das Plenum kam. Es ist dies schon ein sehr günstiger Erfolg. Denn es versteht sich von selbst, daß mit jedem Jahre, während deffen die Naturalisation besteht, diese in die Menschen und Berhältniffe sich mehr einlebt, so daß ihre Aufhebung immer schwieriger werden muß. Es ergab sich auch daraus eine längere Frist, um Erfahrung über deren Wirksamkeit, besonders über die Wahrheit der gegen sie erhobenen Einwänre zu machen. Immerhin blieb es für den Fernstehenden eine Frage, ob dieses Naturalisationsdecret gerechtfertigt oder unrecht war, ob es von günstigen oder ungünstigen Erfolgen begleitet war, ob es nach keiner wesentlichen Seite hin politische oder sociale Nachtheile übte? Es ist uns daher überaus willkommen, in der Revue des deux mondes, in der Lieferung vom 15. Aug. dieses Jahres, eine Abhandlung „Die Lage und die Naturalisation der Eingeborenen in Algerien, die Juden und die Muselmannes, versaßt von CH. Roussel zu finden, welche durchaus unparteiisch gehalten ist und sich überall aus Statistik und Documente, sowie auf unzweifelhafte Thatsachen stützt. Wir heben deshalb aus dieser Abhandlung zur Beantwortung der obigen Fragen das Wichtigste heraus. Vor dem Senatusconsult von 1866 lebten die Juden ohne besondere Administration der französischen Gemeinde incorporirt mit eigenen, von der Regierung ernannten Vertretern in den Municipalräthen. Schon 1842 waren die rabbinischen Gerichtshöfe aufgehoben worden, und die Juden standen also unter den ftanzösischen Gerichten. Doch hatte man ihnen in Angelegenheiten der Ehe und des Personenstandes das mosaische Recht gelassen, und die französischen Richter forderten in solchen Fällen das Gutachten der Rabbiner ein. Das Senatusconsult von 1866 erklärte die Juden für Franzosen, bewilligte ihnen auf ihr Verlangen das französische Bürgerrecht, gestattete ihnen jedoch den Genuß des „persönlichen Status" (Statut personel). Dieser Ausdruck war sehr zweideutig; die Einen nahmen ihn für das Ganze der Rechte, welche die Personen in einer Gesellschaft besitzen, die Anderen nur betreffs der Ehe und des Personenstandes. Während nun vor diesem Gesetze die eingeborenen Juden allmalig nach der Naturalisation verlangten, *) wurde es seit demselben anders. Gerade durch das Dunkel dieser gesetzlichen Bestimmungen konnten die Juden nach beiden Seiten hin das beanspruchen, was ihnen gerade in einer persönlichen Lage am nützlichsten war. Dagegen kamen aus dieser Bestimmung die sonderbarsten und widersprechendsten Fälle vor, ja sogar z. B. daß Schuldner sich ans das biblische Verbot stützenv, die Zahlung von Zinsen an Glaubensgenossen verweigerten. Die Controverse, welche zwischen den Rabbinern über sehr zahlreiche Gesetzesbestimmungen bestehen, thaten das klebrige. Endlich suchten zelotische kleine Rabbiner die Juden von dem Verlangen nach der Naturalisation zurückzuhalten und bedienten sich dazu bei dem unwissenden Theile des Volkes der Verbreitung lügenhafter Gerüchte, z. B. daß mit der französischen Naturalisation die Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag verbunden sei. Dieser Zustand war unhaltbar, und Emile Ollivier hatte 1870 schon einen Gesetzentwurf abgefaßt, durch welchen die Naturalisation der eingeborenen Israeliten ausgesprochen werden sollte, insofern nämlich, als jeder eingeborene Israelit, der nicht binnen Jahresfrist erklärt hätte, das persönliche Statut für sich aufrecht zu erhalten, von selbst naturalisirt sein solle. Der Minister Napoleons UI. hatte sich hierzu durch die von allen Behörden, von der Verwaltung und von der Justiz ersioffenen Forderungen bestimmen lassen. So stand die Regierung vom 4. Sept. nicht länger an, durch das gedachte Decret die Naturalisation aller eingeborenen Israeliten auszusprechen. Man kann sich nicht darüber verwundern, daß dieses Decret keinen einstimmigen Beifall fand, sondern daß, wie wir bereits oben mitgetheilt, einflußreiche Stimmen sich dagegen erhoben. Hören wir Herrn Roussel darüber: „Diese Maßregel, sagte man, verletzt die Eigenliebe der eingeborenen Muselmänner, die aufgebracht sind, die Juden zu uns erhoben zu sehen, während sie selbst in beleidigender Weise bei Seite gelassen worden; man ging so weit, dies sogar als die Ursache ihres Aufstandes zu bezeichnen. Das heißt auf sonderbare Weise Charakter der Thatsachen verkennen. Wenn unsre Naturalisation in den Augen I) In dem Berichte des Herrn Delanglc über den Senatusconsult als Gesetzentwurf sagte dieser: „Der Augenblick ist nicht fern, in dem eine Bevölkerung, bei der das Ehrgefühl so rege ist, einen gerechten Stolz empfinden wird, das Geschick einer Station, welche in der Civilisation einen so hohen Platz cinnimmt, unbeschränkt zu theilen: aber, voraussetzcnd, dost dies in Bezug auf die Araber nur eine Illusion sei, kann man im Voraus bestätigen, daß die reichsten und bedeutendsten unter den Israeliten sich ungeduldig zeigen werden, in die Bahn einzutrcten, die ihnen geöffnet wird. . . . Wie kann man zweifeln, daß sie mit der ihnen eigenen Intelligenz ihrem dem Fortschritt zugcncigtcn Geiste sich nicht beeilen werden, sich mit der Nation, die die Fackel der Civilisation hochhält und deren erste Sorge es gewesen, sie von dem Joche, unter dem sie seufzten, zu beftcien, zu verschmelzen?"