Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 45 (2.11.1875)
- Date
- 1875-11-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung -es Iu-enlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeiüw» erscheint wöchentlich einmal in 2 LiS ill2 Bogen. Preis Biertüiäbria r 'Niark. Inserate werden mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitung» * Expeditionen nehmen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgartners Blllyhandluug in Leipzig. Zs redactionelles Angelegenheiten! wende man sich an I>r. t'. Philippso» in I Bonn; binstchtli» de» Bezug» und der Inserate an LaamgLrtner'i LaShandlang inLci-zig. Inserate, welche bi» vonuerrj lag eiugehen. finde» iuderraraufsolgen- > dar lliummer Berücksicbiiguug. , Beilagen werden mit 1 Mark 5V Pf. pro Hundert berecknet. 39. Jahrgang. Leipzig, den 2. November 1875. JV? 43. Inhalt. Leitende Artikel: Die Naturalisation der eingeborenen Israeliten in Algerien. — Literarischer Wochenbericht: Dom Rhein. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Wolfenbütrcl, Bonn.— O esterreich-Uug arn: Aus Ungarn, Wien, Szegedin. — Holland: Amsterdam. — S panieN: Madrid. — Rußland: Odessa. — Rumänien: Bukarest. — Amerika: San Antonio. — Feuilleton: Jüdische Typen in der Romanliteratur. — Vermischtes. Xeiteude CLxhkÄ. Bonn, 27. October. Die Naturalisation -er eingeborenen Israeliten in Algerien. Wenn man nöthig hatte, die Segnungen der Civilisation für das wirkliche Leben der Menschen sich zum Bewußtsein zu bringen, so brauchte man nur die Verhältnisse ver Israeliten in den, dem französischen Zepter unterworfenen Provinzen Nordafrika's zu beobachten und dann die Grenzen des benachbarten marokkanischen Staates zu betteten. Dort Sicherheit des Lebens und des Eigenthums, strenge Rechtspflege, Freiheit des bürgerlichen Verkehrs; hier von allem dem das Gegentheil. verbunden mit der Verhöhnung aller Menschenwürde und alles Menschenrechts — ganz abgesehen von der geistigen Entwickelung, die sich in den beiden so nahe gelegenen Ländern so verschieden manifestirt. Um so interessanter wird aber die Lage der Dinge in Algerien, als die Franzosen bei der Eroberung Algiers (1830) zwei gettennte Körperschaften von Eingeborenen vorfanden, die Israeliten und die Muselmänner, von denen die einen in sehr gedrückten Verhältnissen lebten, also von den Franzosen die Wohlthat des Rechts und der Sicherheit erhielten, die Anderen ihre herrschende Stellung und polittsche Unabhängigkeit, selbst einen Theil ihres Landbesitzes verloren, beide jedoch von den Siegern sowohl durch die Religion und die Eigenthümlichkeiten ihrer Lebensweise als auch weil sie allen Anschauungen und Richtungen der Civilisation fern und abgewandt waren, völlig getrennt erschienen. Es entstehen daraus zweierlei Fragen: welches Verfahren schlugen die Franzosen gegen diese beiden Körperschaften von Eingeborenen ein und beobachteten sie in den verflossenen 45 Jahren ihrer Herrschaft, und wie verhielten sich hiergegen die Israeliten und die Muselmänner? Von vornherein ist hierbei nicht zu übersehen, daß eine verhältnißmäßig große Anzahl europäischer Juden mit der Zeit einwanrerlen und selbstverständlich die vollen Rechte französischer Bürger genossen, während die Zahl einwandernder Muselmänner aus den Grenzländern nur gering blieb und diese stets in die eingeborenen Muselmänner aufgingen. Auf der Seite der Juden befanden sich also bald zweierlei Corporationen, die Eingewanderten und Eingeborenen, die in den wesentlichsten Momenten von einander sich unterschieden, dennoch aber durch die religiöse Einheit sich nahe standen, so daß die Einen nicht ohne Wirkung auf die anderen bleiben konnten. Was nun die Muselmänner bettifft, so haben sie sich den Franzosen noch heute nur wenig genähert; fast nur darin, daß sie Aemter, in welchen sie eine Autorität auf ihre Glaubensbrüder ausüben, annehmen, sonst aber verbleiben sie nach jeder Seite hin in der Opposition gegen ihre Besieger, und sind jeden Augenblick bereit, die Waffen immer wieder gegen sie aufzunehmen. Die wiederholten Aufstande, welche nur durch schwere blutige Kämpfe unterdrückt werden konnten, erweisen dies hinlänglich und erfordern eine Besatzung von sehr beträchtlichem Maße, so daß die Colonie dem Mutterlande noch immer einen großen Kostenaufwand auserlegt. Allerdings dienen die Muselmänner auch im französischen Heere; auf ihre Treue ist jedoch