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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-26 · Heft 44 (26.10.1875) · p. Seite 712

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 44 (26.10.1875)
Date
1875-10-26
Page
Seite 712 (sequence 8)
Language
German
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712 lassen, ob er in der Verehrung des einzigen Gottes schon eine Verletzung seines eigenen Glaubens finde. — In der Nationalzeitung setzt der Auslassung der Kreuzzeitnng Jemand entgegen, daß der strenggläubige und kirchlich-gesinnte König Friedrich Wilhelm I. von Preußen am 20. April 1715 in Begleitung der Königin und des damals sechs Jahre alten Kronprinzen Friedrich in der hiesigen Synagoge der Heidereutergaffe erschien und dem Frühgottesdienfte beiwohnte; es war am dritten der Mittelfeiertage des jüdischen Pasiah- (Oster-) Festes, am Tage nach dem dritten christlichen Osterfeiertage. Der Besuch des Königs in der 3 lj-> Jahre zuvor neu erbauten und eingeweihten Synagoge ist durch einen Kupferstich verewigt, von welchem sich ein Exemplar auch in der Sammlung des königl. Hofmarschall- Amts befindet. Der König schenkte der Synagoge einen türkischen Teppich als Vorhang, der heut noch an einem hohen Feiertage die Lade mit den Gesetzesrollen schmückt. Wir können hinzufügen, daß der Einweihung der von Friedrich ll. der jüdischen Gemeinde zu Potsdam geschenkten Synagoge am 17. November 1767 der Thronfolger, nachmalige König Friedrich Wilhelm 11. beiwohnte. (Diese Beispiele kann die Kreuzzeitung nicht mit dem Vorwände beseitigen, daß sie nur von christlichen Geistlichen spreche. Denn den preußischen Königen als obersten Landesbischöfen kann diese Eigenschaft nicht abgesprochen werden. Uebrigens ist die Ansicht des Cottbuser Superintendenten nicht so selten, wie man anzunehmen geneigt wäre. In Bonn z. B. übergab ein bekannter höchst wohlthatiger Christ, als er, um eine Beisteuer zur Erbauung einer Synagoge angegangen wurde, dem Vorstände einen Hundertthalerschein mit der Bemerkung, er solle dies für die Armen der Gemeinde verwenden, zur Erbauung einer Synagoge aber könne er grundsätzlich nichts beittagen. Wir (der Redacteur) bekennen uns zu einer solchen beschrankten Ansicht nicht, und entziehen bei den im Rheinlande sehr häufigen Collekien für Kirchenbauten in armen Gemeinden den Sammlern niemals unser Scherfleiu, in dem Gedanken, daß dadurch einer unbemittelten Religionsgenoffenschaft dasjenige geschaffen werden soll, was ihren Mitgliedern Trost und Erhebung bereitet. Wahrend unserer Amtirung in Magdeburg begegneten wir sehr verschiedenen Auffaffungen dieser Frage. Als wir z. B. die Synagoge in Erfurt einweihelen, erließ der damalige Superintendent alldort ein Circular an die Geistlichen seines Sprengels, worin er ihnen verbot, der Einweihung beizuwohnen, wahrend katholische Geistlichkeit zugegen war. Als der evangelische Bischof vr. Dräseke bei einer ähnlichen Gelegenheit beftagt wurde, antwortete er, daß er durchaus kein Hinverniß finde, dem Gottesdienste in einer Synagoge beizuwohnen, und er selbst habe schon zweimal die Predigt des vr. P. gehött. Die Redaclion.) —. Dem soeben erschienenen Jahresbericht des unter Leitung des Di*.Hildesheimer stehenden Rabbiner-Seminars entnehmen wir, daß drffelbe 22 Studirende zählt, die 2 Abtheilungen angehören. An dem Seminar lehren außer dem erwähnten Rector noch die Docenten Vr. Ho ff mann, Vr. Berliner und vr. Barth. Die Bilanz des Jahresabschlusses ergiebt bei einer Einnahme von 24,078 Mk. 20 Ps. und einer Ausgabe von 18,391 Mk. 87 Ps. einen Ueberschuß von 5686 Mk. 33 Ps., dem Berichte geht eine wiffenschafrliche Abhandlung des vr. Berliner voran: „Die Mafforah zum Targum Onkelos", deren Text von demselben bei seinen Forschungen in Italien in einer alten Handschrift aufgefunden worden ist. Dom Rhein, 18. October. (Privatmitth.) Indem ich in einer müßigen Stunde in den berüchtigten „Judenartikeln" der „Germania" blätterte, fielen mir auf den ersten Blick für die beiden Elemente, aus denen sie zusammengesetzt sind, nämlich gröbliche Unwiffenheit und »isla fides, oder auf deutsch „wifsentliche Unwahrheit", Beweise in's Auge, die ich Ihnen doch nicht vorenthalten möchte. Seine grenzenlose Unwiffenheit bethattgt das Jesuitenblatt, indem es den König Philipp August von Frankreich, den es als Feind der Juden glorificirt, den Papst Bonifaz V5IL bekämpfen, dessen Bulle voam nnetan, verbrennen läßt. Das edle Blatt hat also keinen Begriff davon, daß Philipp August schon im Jahre 1223 starb, während Bonifaz Vlll.. gerade in demselben Jahre geboren, von 1294 bis 1303 regierte. Sie sehen, die „Germania" weiß in der Geschichte gerade so genau Bescheid, wie in der Statistik. Aber freilich für ihr Publicum von Lauvpastoren und von deren einfältigen Anhängern und Nachbetern, ist sie gelehrt genug. Was die wsla fides. betrifft, so entnimmt sie aus der Berliner Correspovdenz der Nr. 41 Ihrer Zeitung die Angabe, daß sechszig Procent der Gründer Juden waren, während dott ausdrücklich nur vierzig Procent als solche bezeichnet werden. Nun aber noch eine Leistung dieses stechen Blattes, von der man nicht weiß, ob sie aus Unwiffenheit oder auf Unwahrheit beruht — wahrscheinlich auf beiden. Es behauptet, die Judeuverfolgungen im Mittelalter seien keine Folgen des „sogenannten mittelalterlichen Aberglaubens", sondern Ausbrüche der Volksverzweiflung über den Wucher der Juden gewesen. Das wäre an unzähligen Beispielen zu widerlegen, z. B. wie wann die Verfolgungen wegen angeblicher Brunnenvergiftung, Hostienschanduvg oder Kiudertödtunz geschahen; ich begnüge mich aber nur einige Worte des neuesten als gewissenhaft und zuverlässig sehr geschätzten Historikers der Kreuzzüge, Reinhold Röhricht — kein Jude, Ehren-Germania! — anzuführen «Hist. Zeilschr. Bv. 34, S. 26 f.): „Die englischen Pilgerschaaren (i. I. 1190) fielen, wie dies fast bei allen Kreuzfahrten vorkam, in allen Städten, welche sie berührten, über die Juden her, wobei sie oft erklärten, sie erfüllten dadurch nur ihre Pflicht als Kreuzfahrer, da die Juden Feinde Christi seien." Nun, sind diese Verfolgungen, planmäßig ausgeübt in ganz fremden, nur auf dem Marsche berührten Städten, und zwar „um Christi willen", sind sie Ausbrüche lokaler Volkswuth oder nicht vielmehr Folgen des „sogenannten mittelalterlichen Aber-

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