Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1875)
- Date
- 1875-10-26
- Page
- Seite 710 (sequence 6)
- Language
- German
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710 einmal die Herrschaft der Welt, die Herrschaft über den Staat, dessen Gesetze von ihm benrtheilt, bestätigt oder verworfen, dessen Handlungen dem Richterspruch des römischen Stuhles unterzogen werden sollten: die Gleichberechtigung der Staude und der Bekenner der verschiedenen Culte, also die Gleichheit vor dem Gesetze wurde als ein ganz besonderes Werk des Teufels verdammt. Die Welt staunte, dann lachte sie und hiernach schrie sie auf. Denn die Anhänger dieser staatsfeindlichen Richtung machten Ernst, traten in Opposition zu den Regierungen, bildeten gesonderte politische Fractionen in den Parlamenten, wo sie dies vermochten. Allgemein erkannte man, daß hier ein lang vorbereitetes Werk der Jesuiten zu Tage getreten. Die längst bekannte Moral und Tendenz dieses Ordens wurde, wie sie sich aufdrängte, von Neuem beleuchtet. Der Orden wurde aus dem deutschen Reiche verbannt, er, der gegenwärtig wieder einmal der Beherrscher der ganzen römisch-katholischen Kirche geworden war. Die Freunde und Diener dieses Ordens suchten nach einem Aequivalent; sie wollten der liberalen Welt ein Paroli Liegen. Und da der Judenhaß zu den Waffen dieser Streiter des römischen Stuhles überhaupt gehörte, so suchte man die alte Schmähung des Talmuds hervor, um zu sagen: Ihr verunglimpft die Moral des Jesuitismus und verjagt die Mitglieder dieses Ordens, während in Eurer Mitte ruhig Leute leben, die eine viel schlimmere Moral ererbt erhielten, die Juden mit ihrem Talmud. Zu diesem Zwecke erschien die berüchtigte Broschüre des später davongelaufenen Prof. Rohling zu Münster „Der Talmudjude", welche die Ultramontanen in mehrfachen Auflagen verbreiteten. Daß alsbald in mehreren Broschüren der Nachweis geführt wurde, daß die von Rohling angeführten Stellen des Talmuds zum überaus größten Theile gar nicht existiren, zu dem übrigen kleinen Theile falsch interpretirt und aus dem Zusammenhänge gerissen seien, kümmerte die Jesuiten nach ihrer bekannten Kampfweise gar nicht. Vielmehr wurden die kleinen Blatter der Partei dazu verwendet, bald hier, bald dort einen Auszug aus dem gedachten Machwerk zu geben und eine fulminante Anklage gegen die Juden daraus zu fabriciren. Wir sagen, „die kleinen", denn die größer«, die in den Großstädten erscheinen, und deshalb einen weiteren Leserkreis haben, ließ man bis jetzt hierin zurück, wahrscheinlich weil man fürchtete, daß dann auch die Entgegnung und hiermit ihre Entwaffnung in weitere Kreise dringen würde. Besonders trat hierin „Das fränkische Bolksblatt", das in Würzburg erscheint, hervor. Diesem gegenüber hielt der dortige Schuldirector Herr Ludwig Stern am 9.Dec. 1874 einen populär-wissenschaftlichen Vortrag: „über den Talmud, im Saale des Bürgervereins zu Würzburg", der später im Druck erschien lStahel, 1875). *) Dieser Vortrag ist selbstverständlich apologetischer Natur, aber nicht polemisch gehalten. Er will den Talmud charakterisiren, und die von ihm hervorgehobenen und nachgewiesenen Eigenschaften desselben widerlegen die Angriffspunkte von selbst. Wir halten dies gerade für einen solchen Vorttag für völlig angemessen, zweckeussprechend und würdig. Er will nur die Fragen beantworten: „1) Wie ist der Talmud entstanden? 2) Was ist sein Inhalt? 3) Wie verhält er sich zu den außerjüdischen Culteu? 4) Welchen Einfluß übler auf die Juden?" Freilich, meint er, würde man zuerst ftagen: „was ist der Talmud?" allein hierauf ist ein kurze, verständliche definirende Antwort nicht möglich. Der Talmud ist kein Lehr- und kein Gesetzbuch nach unsrem Sinne, sondern man könne höchstens sagen: „der Talmud ist eine Urkundensammlung". Diese Bezeichnung ist schon einige Male vorgeschlagen, wir jedoch möchten sie nicht acceptiren. Wir würden vielmehr sagen: der Talmud ist eine Sammlung von Protocollen über die Verhandlungen der talmudischen Gelehrten betteffs des Gesetzes, der Auslegung biblischer Texte und aller ihnen dahin einzuschlagen scheinenden Gegenstände. Dies ist die Natur des Talmuds, und hierin liegt zugleich, daß er, so viele Gesetzesbestimmungen er auch enthalt, doch kein Gesetzbuch ist, so daß erst Jahrhunderte nach seinem Abschluß die Codification der geltenden Gesetze unternommen wurde. Es ist dieser Umstand gerade von außerordentlicher Wichtigkeit in der Polemik wider unsre Gegner. Man erinnert sich der in einem Rechtsfalle zu Wien vorgekommenen Behauptung, daß der Talmud das kanonische Buch ver Juden sei, so daß also nicht allein jede Gesetzauslegung, sondern auch jedweder Ausspruch irgend eines Gelehrten im Talmud von entscheidender Autorität für die Juden sei. Die Widerlegung lag in der eben bezeichneten Natur des Talmuds selbst. — Der Verfasser spricht lichtvoll und bündig über die Entstehungsgeschichte des Talmuds, sowie über die Trennung feines Inhalts in Halacha und Hagava. Bei der ersteren erwähnt er, daß es ein Jrrthum sei, anzunehmen, der Talmud biete nur Erschwerungen des pentateuchischen Gesetzes, während er auch Erleichterungen bringe, und führt in geschickter Weise als Beweis an, wie das Fällen eines Todesurtheils fast unmöglich gemacht und das jus talionis („Auge um Auge, Zahn um Zahn" u. s. w.) in ein Entschädigungsgesetz durch Festsetzung bestimmter Strafgelder für die Verletzung je eines Gliedes gewandelt wurde. Hinsichtlich der Hagada bringt er Beispiele der verschiedenen Atten derselben bei, meist aus Sachs „Stimmen vom Jordan und Euphrat" entnommen. Für einen solchen Vortrag war dies zweckgemäß. Die Bearbeitungen von Sachs haben den Vortheil, daß sie die talmudischen Gedanken durch viele oft schöne dichterische Worte in ein modernes Gewand kleiden, wahrend sie den Nachtheil haben, den oft genialen epigrammatischen Charakter in Gedanke und Ausdruck, worin die Talmudisten unerreichte Meister waren, gänzlich zu verwischen. Der Redner gelangt nun zu der augenblicklich wichtigsten Frage, wie sich der Talmud zu den Bekennern anderer Culte verhallen? Er erklärt hier zunächst die sg. noachidischen Gesetze, dann den Begriff Akum (ai"ay wörtlich „Verehrer der Gestirne"), zeigt dann, daß der Talmud die mosaischen Gesetze der Nachsten- > > Das Schristchen ist uns erst in diesen Tagen zugckommen. Red.