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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-10-26 · Heft 44 (26.10.1875) · p. Seite 706

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 44 (26.10.1875)
Date
1875-10-26
Page
Seite 706 (sequence 2)
Language
German
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betrügerischen Heilungen, jene albernen Münder, jene übertriebenen Andachtsübungen, jene verwildernden Pilgerungen, alle jene politischen Kundgebungen, die frech dem gesunden Verstände trotzen und die Civilisation beschimpfen, die Zwietracht und Haß unter die Bürger säen und die den Abscheu selbst der aufrichtigen Katholiken Hervorrufen? Wahrlich, wenn es ein Mittel gäbe, das religiöse Gefühl aus dem menschlichen Herzen auszurotten, die Leute würden es gefunden haben, die jene plumpen Praktiken in's Werk setzen! Und dieses Ding wagt man mit schändlichem Mißbrauch der Sprache, der freilich durch eine Menge von Veröffentlichungen jeder Art unterstützt wird, „die Religion" zu nennen! Dies Ding will man den Menschen des 19. Jahrhunderts zur Verehrung aufnöthigen! Ein solches Wesen ruft man unaufhörlich an, um außerordentliche Vorrechte in allen Sphären der bürgerlichen Thätigkeit zu beanspruchen. Ist es denn nicht wahr, sagt man, daß „die Religion" ein Werkzeug rer Erbauung und der Besserung ist? Man muß ihr also alle Freiheit zu wirken lassen, man muß ihr selbst den ersten Platz in der Erziehung der Jugend Vorbehalten. Und die Menge, wenig an selbstständiges Unheil gewöhnt, bemerk nicht, daß dasselbe WoN zwei ganz verschiedene Sachen bedeutet, die eine ausgezeichnet und beifallswürdig, die andere verderblich und verwerflich. Mißtrauen wir der Macht der WoNe und verlieren wir nicht die Umwandlung der Dinge außer Augen! Ja, wenn die katholische Religion geblieben wäre, was sie einst war, als sie dem Kaiser gab, was des Kaisers ist, als sie nicht den Anspruch erhob, eine öffentliche Gewalt zu sein, als sie der Politik fremd und den Gesetzen des Staates unterworfen blieb — wer hätte jemals daran gedacht, ihre Einmischung in die menschlichen Angelegenheiten zu tadeln? Aber wie kann die Religion, wenn sie ihre Aufgabe vergißt, verfälscht wird durch jene Meister der List, welchen es gelungen ist die römische Kurie zu beherrschen und die heute die Kirche regieren, wenn sie in ihren Handlungen nichts ist als ein Werk der Knechtung und ein Heerd von Umtrieben, wie kann sie noch die Achtung und Hochschatzung der aufgeklärten Geister beanspruchen? Lange genug hat sich die öffentliche Meinung von riefen Lügen täuschen lassen. Jetzt ist der Kelch voll. Die bürgerliche Gesellschaft, allseitig angegriffen, befindet sich im Stande der Nothwehr. Möge die Vertheidigung dem Angriffe entsprechen. Mögen die Männer des Fortschrittes sich vereinen, um dem gemeinsamen Feinde zu widerstehen. Die gegnerische Presse wird sagen, daß wir die „Religion" bekämpfen, wenn wir die klericaleu Anmaßungen zurückweisen zum Heile der Gesellschaft und gerade zum Besten des religiösen Gefühles, das unter dem Aberglauben erstickt. Man muß solche Beleidigungen ruhig mitnehmen und seinen Weg weiter verfolgen, ohne einen Augenblick zu verlieren. Die Thatfachen sind klar; die Beweisstücke liegen vor unfern Augen. Der Uliramontanismus, stets angelrieben durch den Geist der Herrschsucht, verschwört sich offen gegen die Freiheit der Welt. Er ist bereit zum Handeln und erwartet nur eine Gelegenheit. Er kann, wenn er will, die untersten Claffen der Gesellschaft in Bewegung setzen, die er unter dem Banner der Brüderschaften vereint hat; und vergessen wir nicht, er ist jetzt mit dem furchtbaren Dogma der Unfehlbarkeit gewaffnet, das jeden Widerstand bricht und den Befehlen des Baticans eine übermenschliche Autorität verleiht. Seit der Veröffentlichung dieses Dogma's ist die Aera der Concilien geschlossen und der römische Pontifex kann sagen: Die Kirche bin ich! Das Perinrfe ae cadaver dehnt sich über die ganze Gemeinsamkeit der Gläubigen aus, vom Bischof bis zum Köhler . . . Ich selbst habe vor 8 Jahren in diesem selben Raume mit Ueberzeugung den Atheismus, Materialismus und Posinvismus bekämpft, die in Paris blühten und die unsere Schulen zu ergreifen drohten. Was soll ich aber heute lhun, im Angesicht des Entfcheidungskampfes, der überall zwischen den blinden Kräften der Vergangenheit und den freiheitlichen Bestrebungen unserer Zeit ausgebrochen ist? Ach man muß die friedlichen Debatten ruhigern Zeiten überlassen, um zur Vertheidigung unsrer Einrichtungen zu eilen; jeder Bürger muß die Waffen ergreifen für das Recht und für die Freiheit. Nicht als ob ich, meine Herren, den geringsten Zweifel über den Ausgang des Kampfes zwischen dem Ulttamontanismus und der modernen Civilisation hätte. Ich glaube an die Macht der Vernunft, ich weiß, daß die Wahrheit unzerstörbar ist, und daß die Wissenschaft ftüh oder spat über alle Prüfungen triumphirt. Ich kenne das Ideal und bin sicher, daß die Bestimmungen der Menschheit sich auf Erden erfüllen werden. Die Erfahrung zeigt schon klärlich, daß keine Regierung in Europa möglich ist, auf der Grundlage der päpstlichen Theokratie. Die öffentliche Meinung würde sie nicht ertragen. In dieser Beziehung bin ich gesichert vor jeder chimärischen Befürchtung. Aber ich weiß auch, es giebt Krisen im Leben der Völker, und das Werk des Fortschrittes wird bisweilen auf lange Zeit durch die Unterdrückung behindert. Das 16. Jahrhundert war für uns eine jener traurigen Epochen, wo die Gewalt das Recht unterdrückt. Wir wissen, mit welchen bürgerlichen und religiösen Kämpfen die Freiheit endlich erstritten ward. Nun, ein solches Unglück und neue Katastrophen wären noch zu unfern Tagen möglich, wenigstens für einige Zeit, wenn der Ulttamontanismus stillschweigend den Boden bearbeiten und die Gewissen einschläfern könnte. Das ist fein Traum, und um zu diesem Ziele zu gelangen, stört er überall die öffentliche Ruhe und fälscht er die socialen Beziehungen durch Betrug und Täuschung. Es ist höchste Zeit, diese Pläne zu vereiteln, nicht nur um in Belgien ras Recht des freien Denkens, Redens und Schreibens zu bewahren, sondern selbst um zu verhindern, daß ferner auch nur versucht werde, dieses Recht zu bestreiten. Deshalb müssen wir den Kampf

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